Der Titelverteidiger im Fokus Wo bei Italien besonders der Schuh drückt

Analyse | Düsseldorf · Italien musste sich als Titelverteidiger durch die Qualifikation zittern, ehe die Teilnahme an der EM-Endrunde feststand. Unterschätzen sollte man die Squadra Azzurra deswegen aber keinesfalls. Dennoch bereitet Trainer Luciano Spalletti ein Mannschaftsteil besonders Sorgen.

Zweikampf im Testspiel: Italiens Stürmer Mateo Retegui (l.) im Duell mit Türkeis Abdulkerim Bardakci.

Zweikampf im Testspiel: Italiens Stürmer Mateo Retegui (l.) im Duell mit Türkeis Abdulkerim Bardakci.

Foto: dpa/Massimo Paolone

Quo vadis, Italien? Nach dem Triumph im EM-Finale 2021 erlebte der italienische Fußball zuletzt turbulente Zeiten. Vom Verpassen der Wüsten-WM 2022 in Katar bis hin zu Inter Mailands Einzug ins Champions-League-Finale 2023 gegen Manchester City gab es für die Tifosi ein ständiges Auf und Ab der Gefühle. Im Mai sorgte Atalanta Bergamo mit dem klaren 3:0-Sieg im Europa-League-Endspiel gegen das zuvor ungeschlagene Bayer Leverkusen wieder für einen Höhepunkt. Kann die Nationalmannschaft bei der anstehenden EM nun nachziehen? Das ist eine von vielen Fragen. Eine Übersicht über alle wichtigen Infos rund um Italien bei der EM.

Historisches Abschneiden

Klammert man die EM-Endrunden 1996 und 2004 aus, bei denen die „Squadra Azzura“ jeweils nach der Vorrunde die Segel streichen musste, liest sich die Turnierbilanz ansonsten sehr positiv: Neben den Titelgewinnen 1968 und 2021 erreichte Italien zweimal das Endspiel (2000 und 2012), einmal das Halbfinale (1988) sowie den vierten Platz bei der Heim-EM 1980.

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Foto: AFP/MANAN VATSYAYANA

Damals nahmen jedoch nur acht statt wie heute 24 Teams an der Endrunde teil. In zwei Vierergruppen qualifizierte sich jeweils der Gruppensieger fürs Finale, während die beiden Zweitplatzierten das Spiel um Platz drei austrugen. Bekanntlich zog seinerzeit die deutsche Nationalmannschaft ins Endspiel von Rom ein und bezwang dort Belgien mit 2:1. Italien musste sich dagegen im kleinen Finale der Tschechoslowakei im Elfmeterschießen geschlagen geben.

Der Weg zur EM

Die Qualifikation für die Endrunde in Deutschland erwies sich von Anfang an als schwieriges Unterfangen. Nach den ersten drei Spielen hatte der Titelverteidiger gerade einmal vier Punkte auf der Habenseite und bei einem Spiel Rückstand bereits drei Zähler Rückstand auf die Ukraine, die sich im weiteren Verlauf als hartnäckiger Gegner im Rennen um Qualifikationsplatz zwei hinter den souveränen Engländern erwies.

Erschwerend hinzu kamen Unruhen innerhalb der Mannschaft. Den Anfang machte Nationaltrainer Roberto Mancini, der im vergangenen August seinen Rücktritt per E-Mail einreichte, um kurz darauf einen lukrativen Job in Saudi-Arabien anzunehmen. Wenige Wochen darauf erschütterte ein Wettskandal den italienischen Fußballverband FIGC, in deren Zuge die beiden Nationalspieler Sandro Tonali (Newcastle United) und Nicolo Fagioli (Juventus Turin) für mehrere Monate gesperrt wurden.

In dieser schweren Gemengelage übernahm Luciano Spalletti die Nachfolge Mancinis und führte den viermaligen Weltmeister mit drei Siegen, zwei Unentschieden sowie einer Niederlage doch noch zur EM. Wobei sich das letzte Qualifikationsspiel gegen die eingangs erwähnte Ukraine zu einer echten Zitterpartie entwickelte. Um ganz sicher das Ticket für die Endrunde zu ziehen, benötigte Italien einen Punkt, die Ukraine wiederum einen Sieg. Bis in die Nachspielzeit lag das Spiel auf Messersschneide, ehe Italien am Ende doch noch jubeln durfte und den Umweg Play-offs vermied.

Der Trainer

Eigentlich wollte Luciano Spalletti nach dem Titelgewinn mit der SSC Neapel 2023 ein wohlverdientes Sabbatjahr einlegen, ehe ihn im August desselben Jahres ein Anruf von Italiens Fußballpräsidenten Gabriele Gravina erreichte. Statt also das süße Nichtstun zu genießen, machte sich der heute 65-Jährige ran, ein abermaliges Scheitern in der Qualifikation für ein großes Turnier nach dem Verpassen der WM 2022 in Katar zu verhindern – mit Erfolg.

Luciano Spalletti, Trainer von Italien.

Luciano Spalletti, Trainer von Italien.

Foto: dpa/Antonio Calanni

Für Spalletti, der als aktiver Profi weder in der Serie B noch in der Seria A spielte, war es der erste Job als Nationaltrainer. Davor arbeitete er äußerst erfolgreich in der Heimat sowie im Ausland, feierte zum Beispiel Titel in Russland mit Zenit St. Petersburg oder mit dem FC Empoli den Durchmarsch bis in die Serie A. Daneben coachte er auch Topteams wie die AS Rom oder Neapel, das er nach 33 Jahre des Wartens zum langersehnten dritten Meistertitel, führte.

Die Stars

Nach den Rücktritten der beiden Weltklasse-Verteidiger Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci, die jahrelang das Gesicht des italienischen Bollwerks bildeten, fehlt es dem Titelverteidiger in der Breite an großen Namen mit internationalem Klang. Der bekannteste dürfte der von Gianluigi Donnarumma sein. Der 25-jährige Keeper, der einst als Teenager für die AC Mailand das Tor in der Serie A hütete, kämpft seit seinem Wechsel zu Paris Saint-Germain im Jahr 2021 um Beständigkeit. Auf der Linie gehört Donnarumma allerdings nach wie vor zu den stärksten Torhütern im Weltfußball.

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Foto: dpa/Alexander Hassenstein

Neben dem 1,97 Meter großen Hünen vertraut Spalletti auf eine Achse aus den Verteidigern Alessandro Bastoni und Federico Dimarco vom amtierenden Meister Inter Mailand sowie den Europameistern Nicolo Barella (Inter Mailand), Jorginho (FC Arsenal), Bryan Cristante (AS Rom) und Federico Chiesa (Juventus Turin).

Italiens Spielplan und wer die Partien zeigt

Samstag, 15. Juni, 21 Uhr (Dortmund)
Italien – Albanien (ARD/MagentaTV)

Donnerstag, 20. Juni, 21 Uhr (Gelsenkirchen)
Spanien – Italien (ZDF/MagentaTV)

Montag, 24. Juni, 21 Uhr (Leipzig)
Kroatien – Italien (ZDF/MagentaTV)

Darauf sollte man achten

Spalletti gilt als taktisch-variantenreicher Trainer. Egal ob 4-4-3, 3-4-2-1 oder 4-2-3-1 – der gebürtige Toskaner lässt seine Teams maximal flexibel agieren. Die Basis bildet ein starkes Mittelfeldzentrum, in dem Jorginho, meistens flankiert von den beiden Römern Cristante und Lorenzo Pellegrini, die Fäden zieht und für die nötige Balance sorgt.

Die größte Baustelle offenbart sich jedoch in der Offensive, wo die Italiener zwar über starke Dribbler wie den Neapolitaner Giacomo Raspadori und den Turiner Chiesa verfügen, dafür mangelt es an der nötigen Torgefährlichkeit. Wie groß die Not ganz vorne ist, manifestiert sich in der Personalie Mateo Retegui vom CFC Genua. Der ist eigentlich gebürtiger Argentinier konnte, allerdings dank italienischer Vorfahren eingebürgert werden und traf in seinen bisherigen acht Länderspielen starke vier Mal. Klemmt’s beim 25-Jährigen wird es jedoch eng. Sein Konkurrent Gianluca Scamacca, der eine starke Saison mit Atalanta Bergamo hinter sich hat, traf im azurblauen Trikot bislang nur ein Mal in 16 Länderspielen.

Das ist für Italien möglich

Die Vergangenheit hat gelehrt, dass man eine italienische Mannschaft niemals unterschätzen darf. Vieles wird in der stark besetzten Gruppe davon abhängen, wie schnell sich das Team zu einer verschworenen Truppe zusammenraufen und es die offensive Spielidee von Spalletti umsetzen kann. Spannend wird zudem sein, ob die Berufung des zuvor gesperrten Fagioli in den EM-Kader für Unruhe sorgen wird. Der Einzug ins Achtelfinale sollte aber dennoch gelingen.

Hier schläft Italien während der EM

Da die ersten beiden Gruppenspiele in Dortmund (gegen Albanien, 15. Juni) und Gelsenkirchen (gegen Spanien, 20. Juni) stattfinden werden, haben die Italiener ihre Zelte im nahe gelegenen Sauerland, genauer gesagt in Iserlohn aufgeschlagen. Um für perfekte Bedingungen vor Ort zu sorgen, hat die Kommune die Sanierung des örtlichen Stadions vorgezogen. Allein in die Verlegung eines neuen Rasens investierte die Stadt rund 280.000 Euro.