Mit zähem Ergebnisfußball im Halbfinale Very British – Engländer und ihre Hassliebe zu den Three Lions

Dortmund · England und die EM – das ist fußballerisch gesehen bislang kein Volltreffer. Dennoch stehen sie am Mittwoch im Halbfinale gegen die Niederlande. Allerdings fremdeln selbst die englischen Anhänger bisher mit ihrem Team. Woran das liegt und was ein bekannter Fußballsong damit zu tun hat.

 Englands Trainer Gareth Southgate (r.) gibt vor der Verlängerung seinen Spielern taktische Anweisungen.

Englands Trainer Gareth Southgate (r.) gibt vor der Verlängerung seinen Spielern taktische Anweisungen.

Foto: dpa/David Inderlied

Es gibt da dieses Lied, das die ganze Tragik des englischen Fußballs beschreibt. „Three Lions“, besser bekannt als „Football’s coming home“ – eine Hymne auf das Scheitern der Nationalmannschaft über Jahrzehnte. Geschrieben wurde sie 1996 von den Comedians David Baddiel und Frank Skinner. Der englische Fußballverband FA schäumte nach der Veröffentlichung vor Wut, weil man sich so nicht dargestellt haben wollte, als ein Team voller großen Träumer und Träume. Immer und immer wieder. Nur der Glaube an die glorreichen Zeiten gibt Kraft für das, was noch alles kommt. Das Lied wird zum Hit – weit über die Insel hinaus, es ist ein Mutmacher für alle chronisch Gescheiterten. Irgendwann, irgendwann wird es schon wieder besser werden.

Für die Engländer war es zum letzten Mal 1966 richtig gut. Weltmeister in Wembley, der Preis dafür war verdammt hoch, denn danach folgten nur noch Enttäuschungen. Kein Titelgewinn mehr, immer wieder dramatische Niederlagen im Elfmeterschießen, man war durchaus immer mal wieder ganz nah dran, wie zuletzt bei der Europameisterschaft 2021, als man im Finale im Londoner Wembley-Stadion. Vor drei Jahren triumphierten schließlich die Italiener, die „Three Lions“ guckten bedröppelt drein.

Die Fans fremdeln mit den Spielern auf dem Platz – und Trainer Southgate

Zwischen Fans und Nationalmannschaft besteht eine intensive Hassliebe. Das Herz schlägt für England, zigtausende Landsleute unterstützen auch bei diesem Turnier das Team. Aber eigentlich feiern sie mehr ihre Nation, das deutsche Bier und sich selbst. Mit den Spielern auf dem Rasen fremdeln sie erkennbar, und vor allem auch mit dem Nationaltrainer Gareth Southgate. Der ist nur noch auf Bewährung dabei, erstaunlich für einen Verantwortlichen, der seine Auswahl bis ins Halbfinale am Mittwoch (21 Uhr/ARD und MagentaTV) in Dortmund gegen die Niederlande geführt hat.

Luke Shaw von Manchester United hat Southgate dieser Tage demonstrativ gestärkt. „Ich verstehe die Kritik nicht. Er hat so viel für unser Land und uns Spieler gemacht, er hat uns Profis auf ein neues Level gehoben. Kein Trainer war in der jüngeren Vergangenheit so erfolgreich wie er“, sagt Shaw in Blankenhain im Trainingscamp.

In vier großen Turnieren hat Southgate mit den „Three Lions“ dreimal das Halbfinale erreicht. So schlecht ist diese Ausbeute nicht. „Wir Spieler lieben ihn. Er ist genau das, was wir brauchen. Er ermöglicht uns, auf dem Feld unser Bestes zu zeigen“, sagt der Linksverteidiger. Shaw dankt Southgate auch dafür, ihn nach langer Verletzung berufen zu haben. „Er hat mir viel Glaube und Vertrauen geschenkt.“

Kein Spektakel, dafür zäher Ergebnisfußball

Southgate selbst hat sich längst auf Ironie verständigt. „Das sind keine normalen Fußballspiele. Das sind nationale Ereignisse“, sagt der Teammanager. Weil er nicht immer spielerische Extraklasse bieten könne, sondern nur zähen Ergebnisfußball, sagt er: „Sorry!“

Ein 1:0 gegen Serbien und seither viermal Remis nach 90 Minuten. Was England bei dieser EM spielerisch bietet, ist tatsächlich ganz schwach. Trotzdem lebt die Hoffnung auf den ersten großen Triumph seit 1966. Der gesperrte Innenverteidiger Guehi kehrt zurück und rutscht wieder in die erste Elf. Offensiv dürfte Southgate wie gewohnt auf sein etabliertes Personal um Dortmund-Rückkehrer Jude Bellingham von Real Madrid, Viertelfinal-Held Bukayo Saka und Kapitän Harry Kane setzen.

Die Fans werden es begleiten. Und sie werden wieder diesen Song anstimmen, der sie jetzt schon so lange begleitet. Im Songtext heißt es frei übersetzt: „Alle haben’s gesehen / Sie wissen es / Sie sind sich so sicher, dass es England wieder versemmelt, sich alle Träume in Luft auflösen / Aber ich weiß, dass sie spielen können / Denn ich erinner mich.“ Schmerz und die Hoffnung, aber auch die Freude sind in den Zeilen zu hören. Die Reise soll noch nicht zu Ende sein, sondern weiter nach Berlin gehen. Endlich triumphieren. Nach so vielen Jahren. Nach so viel Scheitern. „It’s coming home.“