DFB-Star tritt nach Aus bei EM ab So emotional verabschiedet sich Toni Kroos von den Fans

Update | Stuttgart · Vom Stammtisch in Deutschland lange unverstanden, in Spanien seit Jahren eine Legende. Bei der Europameisterschaft hat Toni Kroos im Viertelfinale des Turniers (1:2 n.V. gegen Spanien) seine Abschiedsvorstellung gegeben. Keiner hat das Spiel im Mittelfeld in den vergangenen Jahren so geprägt wie er. Eine Würdigung.

 Toni Kroos beendet seine Karriere.

Toni Kroos beendet seine Karriere.

Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Er wird nicht mehr auf dieses Parkett zurückkehren. Das hier war also gerade sein letzter Tanz. Nach 306 Partien in der spanischen La Liga. Nach 173 Auftritten in der Bundesliga. Nach 151 Begegnungen in der Champions League. Nach seinem 114. Länderspiel – im Viertelfinale der Europameisterschaft in Deutschland ausgerechnet gegen das Land, in dem er das Spiel wie wenige andere in den vergangenen Jahren geprägt hat. Er ist mit einer 1:2-Niederlage nach Verlängerung gegen Spanien von der großen Bühne abgetreten, er geht als wohl einer der größten Spieler des Fußballs.

Vor dem Duell mit La Furia Roja, der roten Furie, hatte sich Kroos noch irgendwelche Nachrufe auf sein sportliches Wirken verbeten. Nun kann er sich nicht mehr wehren, auch wenn er selbst kurz nach dem Schlusspfiff nicht seine persönliche Situation in den Vordergrund schieben will, sondern nur das Aus mit dem Team bei der Heim-EM in seinen Gedanken ist.

Kroos selbst also spricht im Stuttgarter Stadion von „einer gewissen Leere“, die er fühle. Die Enttäuschung über das Turnier-Aus überdecke bei ihm die Gedanken ans Karriereende. „Wir sind wieder auf Augenhöhe mit den Besten“, sagt der Weltmeister von 2014, auch wenn der Einzug ins Halbfinale und der erhoffte Titelgewinn ausbleiben.

Die Rückkehr ins DFB-Team sei die richtige Entscheidung gewesen. „Die Zeit war gut. Es hat großen Spaß gemacht. Ich bin sehr zufrieden. Ich hätte nicht gedacht, dass wir so schnell so nah dran sein können“, sagt Kroos zur Leistungssteigerung. So sachlich. So präzise. So unspektakulär, wie sein Spiel in Deutschland über viele, viele Jahre wahrgenommen wurde. Doch jedes Wort von ihm hat Gewicht.

Mit etwas Abstand meldet er sich über die Sozialen Medien noch einmal ausgeruht zu Wort. „Am 29.09.2023 klingelte mein Telefon. Anrufer: Julian Nagelsmann. Bitte: Rückkehr in die Nationalmannschaft. Der erste Gedanke in meinem Kopf: Ich bin doch nicht bescheuert! Erster Gedanke in meinem Herzen: Scheiße ja! Das Herz hat bekanntlich entschieden.“

Und weiter: „Mein erster Gedanke heute Morgen am 06.07.2024: Ich bin froh, dass ich es gemacht habe. Trotz all der Trauer und Leere seit dem Abpfiff gestern. Ich habe in der Mannschaft immer mehr gesehen, als sie in den letzten Jahren gezeigt hat.“

Zu den Titelambitionen gestand sich Kroos zudem ein: „Dass es aber in so kurzer Zeit möglich ist, eine wirklich realistische Chance auf den Titel zu haben und mit den Besten wieder auf Augenhöhe zu sein hab ich nicht erwartet! Deswegen bin ich sehr stolz auf das, was diese Mannschaft geleistet hat! Und das darf auch ganz Deutschland wieder sein. Ein besonderer Dank an euch da draußen, die diese Heim EM zu einer besonderen gemacht haben. Wir haben euch gesehen, erlebt und gespürt!“

Zudem entschuldigte sich Kroos noch bei Spanien-Star Pedri, für den nach einem unglücklichen Foul das Turnier endete. „Auf diesem Wege mir noch ganz wichtig: Verzeihung und gute Besserung an Pedri ! Es war logischerweise nicht meine Absicht, dich zu verletzen. Eine schnelle Erholung und alles Gute. Du bist ein toller Spieler.“

Die Lobeshymne auf ihn stimmt der Bundestrainer höchstpersönlich an. „Die Karriere von Toni kann man nicht hoch genug einschätzen. Ich glaube, was alle sehen, sind seine sportlichen Erfolge, die außergewöhnlich sind, die wahrscheinlich für einen deutschen Spieler einmalig bleiben, vielleicht auch für immer. Er ist sicher einer der größten deutschen Spieler“, sagt Nagelsmann, auf dessen Initiative Kroos sich im vergangenen Jahr auf eine Rückkehr in die deutsche Auswahl eingelassen hatte.

Nagelsmann kann es sich nicht verkneifen, daran noch einmal zu erinnern. „Ich will es mal so offen sagen, dass ich es skurril fand, wie in den Wochen, bevor durchgesickert ist, dass ich ihn zurückholen will, es keinen gab, der es gut fand“, so der 36-Jährige. „Die Woche nachdem er zurück war, hat dann jeder gesagt, die Idee hatte ich schon lange, warum macht er das jetzt erst, der Bundestrainer.“

Viel wichtiger sei aber ein anderer Faktor. „Man kennt Tonis sportliche Erfolge. Was höher anzurechnen ist, was die meisten hier nicht kennen, ist sein Charakter, wie er als Mensch ist, wie er jetzt gerade in einem sehr traurigen Moment für ihn zur Mannschaft spricht, wie er Dinge bewertet, welche Rolle er sich selbst gibt in einer großen Gruppe“, sagt Nagelsmann. „Er sieht sich immer oder sah sich als Teil der Gruppe. Diese menschliche Art, der Umgang mit seinen Kindern, seiner Frau, seinen Teamkollegen, all diese Dinge sind außergewöhnlich und für mich in so einer Bewertung so einer Karriere noch deutlich höher anzusiedeln als sechs Champions-League-Titel.“

In Spanien war er seit Jahren schon eine Legende. In Deutschland dagegen unverstanden. Weil die Stammtisch-Experten die Hatz auf ihn eröffnet hatten und sein Spiel verteufelten. „Querpass-Toni“ nannten diese besonderen Kenner des Fußballs ihn – was zu keiner Zeit in seiner Laufbahn auch nur zum Teil stimmte. Die Meinungsmacher verstummten nur langsam. Da halfen Kroos auch seine ganzen Titel nichts.

Kroos stand für Vernunft statt Spektakel. Die hohe Kunst liegt darin, dass er sein Spiel hat so leicht aussehen lassen. Dass er den Takt eines Spiels fast beliebig verändern konnte. Dass er die Schwerpunkte auf dem Feld bestimmte, langsamer, schneller, rechtsherum, linksherum, ab durch die Mitte. Ganz zu schweigen von dem Gefühl in seinem Fuß. Er war der Chef auf dem Platz, ohne pausenlos sagen zu müssen, dass er der Chef auf dem Platz war. Natürlich klappte das nicht immer – auch ihm unterliefen Fehler, wie auch gegen Spanien, bei seinem letzten Tanz.

Mittlerweile hat sich der Wind gedreht, und auch das Publikum in Deutschland huldigt ihm. Was auch daran liegt, dass er nahbarer geworden ist. Er ist nicht mehr nur der Mann aus Madrid, sondern der Typ mit dem Podcast mit seinem Bruder Felix. In „Einfach mal Luppen“ erzählt er seine Sicht der Dinge auf den Fußball. Er spricht mit Protagonisten aus dem Fußball wie Mehmet Scholl und Christian Streich über das Geschäft. Während der EM hat er in unregelmäßiger Weise Sonderfolgen produziert. Mehr Einblick gewährte sonst niemand. Kroos hatte etwas zu sagen.

Immer wieder „Toooooooni! Tooooooooni! Toooooooooni“-Rufe bei dieser Europameisterschaft, wenn der Maestro an den Ball getreten war. Ihm war von Anfang an klar, dass seine Karriere ohne den EM-Pokal enden könnte. So ist es gekommen. Aber er hat seine Laufbahn nie auf Kalkül aufgebaut und sich sklavisch daran geklammert. Seine Liebe zum Spiel ist so groß, dass er genau in dem Moment geht, wo das Publikum sich vor ihm verneigt und nicht verwundert auf ihn blickt, weil er immer noch da ist, wie bei anderen großen Gesichtern dieses Spiels.

Mit ihm geht einer der alten Schule. In Madrid will er nun seine Academy zur Nachwuchsförderung ausbauen. Wenn er nur einem Kind die Art seines Spiels so näherbringen könnte, wäre es schon eine großartige Leistung. Er wollte keinen Nachruf auf sein sportliches Schaffen, nun hat er ihn dennoch bekommen – hoffentlich auf ein „Auf Wiedersehen“ in welcher Funktion auch immer in diesem Geschäft.