Mit Spanien im EM-Finale Yamal und die Sehnsucht nach einem neuen Superstar im Fußball

Analyse | München · Das spielerische Niveau bei dieser Europameisterschaft war bislang insgesamt überschaubar. Spaniens Jungstar Lamine Yamal bildet da allerdings eine absolute Ausnahme. Was den 16-Jährigen neben seinem Talent so besonders macht.

Spätestens nach dem EM-Halbfinale im Mittelpunkt des Interesses: Spaniens Jungstar Lamine Yamal mit der Trophäe zum Spieler des Spiels.

Spätestens nach dem EM-Halbfinale im Mittelpunkt des Interesses: Spaniens Jungstar Lamine Yamal mit der Trophäe zum Spieler des Spiels.

Foto: AP/Ariel Schalit

Die Zukunft des Fußballs ist noch 16 Jahre alt. Sie trägt eine Zahnspange, blonde Strähnen in den Haaren und lächelt immer, als gäbe es kein Morgen. Am Anfang des Turniers musste Lamine Yamal noch den Online-Schulunterricht für die Mittlere Reife besuchen, hierzulande wurden Debatten losgetreten, ob der deutsche Arbeitsschutz überhaupt späte Einsätze von ihm bei der Europameisterschaft zulasse. Übertriebene Fürsorge oder Schutz für einen jungen Mann, dem zugetraut wird, die Sportart in den kommenden Jahren wie kein anderer zu prägen?

Schrecklich übertrieben? Wahrscheinlich sogar noch schrecklich untertrieben. Yamal ist das Gesicht der neuen Generation. Die Alten treten Schritt für Schritt ab, der Fußball hat sich wieder nach einem Spieler gesehnt, der die Magie eines Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo ausstrahlt. Am besten vielleicht direkt eine Zwei-in-Eins-Lösung. Beim FC Barcelona mischt er nun bereits als Stammkraft bei den Profis mit, nicht als Mitläufer, sondern Stammkraft. Barca gilt nicht gerade als Ausbildungsbetrieb, in dem man behutsam aufgebaut wird. Entweder du gehst voran oder du gehst unter. Die Katalanen holten den Sohn eines Marokkaners und einer äquatorialguineischen Mutter schon früh in die Nachwuchsakademie La Masía, was übersetzt das Bauernhaus heißt. Lamine war da gerade sieben Jahre alt.

Yamal ist da, wenn es drauf ankommt

Die Zeiten, in denen ein Star im Fußball bei einer Europa- oder Weltmeisterschaft geboren wird, sind längst vorbei. Dafür ist das Produkt viel zu gläsern, jedes Freundschaftsspiel wird von zig Kameras begleitet, die große Bühne ist sowieso für alle die Champions League. Die EM ist was fürs gute Gefühl, den Gemeinschaftsgeist. Yamal spielt auch dort wie selbstverständlich vorne mit. Er hat das Turnier bisher keineswegs dominiert, aber er war da, als es drauf angekommen ist. Im Viertelfinale gegen Deutschland mit seinem Zuspiel zum 1:0, im Halbfinale mit seinem Traumtor mit der linken Klebe.

Yamal lebt und liebt Fußball. Er ist kein Kunstprodukt – er ist ein Genie und dann ein paar Szenen weiter ein kleiner Kindskopf. Wie nach dem Achtelfinale gegen Georgien, als die spanischen Kommentatoren glaubten, einer ganz großen Sache auf der Spur zu sein. Yamal stand mit Nico Williams zusammen, ihre Hände wirbelten aneinander vorbei und gaben sich Zeichen. Etwa eine Geheimsprache? Was gab es da zu dechiffrieren? Exakt nichts, sie spielten nur ein Spiel: Schere, Stein, Papier. Es ging darum, wer nach dem Arbeitstag als Erster einen Schluck aus der Trinkflasche nehmen durfte. Williams gewann, es war eine von Yamals wenigen Niederlagen.

Spanien hat sich für Yamal neu erfunden. Statt Tiki-Taka ist das Spiel der Iberer nun deutlich konkreter geworden. Statt Schnörkel, Hacke-Spitze, eins, zwei, drei immer wieder tiefe Pässe hinter die letzte Kette. Yamal verfügt offenbar über einen für den Profisport wie geschaffenen Körper, einerseits robust genug, um Gegenwehr auszuhalten, andererseits leichtfüßig genug, um dem gröbsten Ärger weglaufen zu können. Pedri, ein anderes Wunderkind, hat nicht so viel Glück und ist eigentlich dauerverletzt.

„Es ist erstaunlich, wie reif er auf dem Platz ist“

„Wir können froh sein, dass er Spanier ist. Es ist erstaunlich, wie reif er auf dem Platz ist“, sagt sein Nationaltrainer Luis de la Fuente. „Wir müssen wirklich gut auf ihn aufpassen. Und wenn er mit beiden Füßen auf dem Boden bleibt, dann kann er jeden Tag noch besser werden.“ Es soll nicht nur wie eine Drohung klingen, es ist eine. Seht her, wir haben etwas, was zu Großem berufen ist.

Yamal kommt zur richtigen Zeit. Denn dem Fußball gehen gerade weltweit die Gesichter aus. Ronaldo kickt in der saudi-arabischen Wüsten-Liga, Messi dreht noch ein paar Extrarunden in der Major Soccer League. Beide sind als Botschafter unterwegs, sportlich haben sie dem Spiel nichts mehr zu geben. Dahinter sind viele hoch talentierte Kräfte herangewachsen, aber niemand in ihrer Liga, die spielerische Qualität und Entertainment vereint hat. Globale Marken gibt es gerade keine. Da kommt Yamal gerade recht. Ein frischer Typ und auch am Mikrofon nicht von Scheu zerfressen. Es wird nichts dem Zufall überlassen, auch optisch nicht. Der Düsseldorfer Promi-Friseur Melih Benderlioglu ist in diesen Tagen für sein Styling verantwortlich.

Vor kurzem ist zudem ein Foto viral gegangen, das ihn als Baby in einer Badewanne zeigt, gepostet wurde es von seinem Vater. Es zeigt den 20-jährigen Lionel Messi, wie er Papa Yamals damals sechs Monate alten Sohn für einen Charity-Kalender badete. Ein Umstand, der heute als eine Art Segnung in den Sozialen Netzwerken heroisch gefeiert wird. Wie groß seine Schaffenskraft wirklich wird, wie viel Einfluss Lamine Yamal wirklich nehmen kann? Zunächst einmal steht er mit Spanien am Sonntag im Finale der EM in Berlin – dann übrigens nicht mehr als 16-jähriges Wunderkind. Er wird am Samstag 17.