Von wegen „Sch...loch“? Mit englischen Fans in der Straßenbahn durch Gelsenkirchen-Schalke

Gelsenkirchen · Gelsenkirchen sei ein „Sch...loch“, dem „nicht viel geblieben ist“. Englische Fans und Journalisten waren vor ihrem EM-Spiel nicht gerade zimperlich mit der Stadt im Ruhrgebiet. Auf der Straßenbahnfahrt vom Hauptbahnhof zum Stadion durften sie am Sonntag dann das wahre Gelsenkirchen erleben.

 Angekommen auf der Schalker Meile: Die Straßenbahnlinie 302 fährt vom Gelsenkirchener Hauptbahnhof durch das Herz der Stadt bis zum Stadion.

Angekommen auf der Schalker Meile: Die Straßenbahnlinie 302 fährt vom Gelsenkirchener Hauptbahnhof durch das Herz der Stadt bis zum Stadion.

Foto: Sebastian Kalenberg

Sicherlich, es war nicht die feine englische Art, wie sich Journalisten und Fans von der Insel in den Tagen zuvor über ihren ersten Spielort bei dieser EM äußerten. Gelsenkirchen: die mit 260.000 Einwohner kleinste Stadt unter den zehn deutschen EM-Standorten.

„Wir sind im industriellen Herz Deutschlands, wo Stahlwerke und Kohleminen alle nicht mehr da sind. Und es ist nicht wirklich viel übrig geblieben in Gelsenkirchen“, sagte zum Beispiel Sky-Journalist Kaveh Solhekol in einer TV-Schalte vor der ersten Partie des Turnierfavoriten gegen Serbien. Deutlicher wurde der in England bekannte Vlogger Paul Brown. „Das ist ein absolutes Sch...loch. Ich kann nicht glauben, dass Deutschland hier die Europameisterschaft austrägt“, ätzte er am Samstag in einem Video auf X gegen Gelsenkirchen.

Am Spieltag selbst machten sich dann Zehntausende englische Anhänger auf den Weg nach Gelsenkirchen – aus Düsseldorf, aus Köln, aus Frankfurt. Städte, in denen es nach einhelliger Meinung abseits der EM-Spiele wohl mehr zu erleben gibt als in Gelsenkirchen. Denn schon Solhekol warnte die englischen Fans vor einem längeren Aufenthalt in Gelsenkirchen, das er in seiner TV-Schalte so britisch aussprach, wie er nur konnte: „Abgesehen vom Stadion gibt es hier wirklich nicht viel, was man tun kann.“

Was der überwiegende Teil der England-Anhänger bei ihrer Anreise zum Spiel gegen Serbien um 21 Uhr noch nicht wusste: Mit ihrer Weiterfahrt vom Hauptbahnhof zum Stadion würden sie Gelsenkirchen in seiner vermutlich reinsten und ehrlichsten Form erleben – und sich so unweigerlich einen eigenen Blick auf dieses „Sch...loch“ machen können. Mit der 302 vom Bahnhof zur Arena. Zwölf Haltstellen. 16 Minuten. Acht Kilometer. Einmal mitten durch Gelsenkirchen-Schalke.

Gelsenkirchen Hauptbahnhof

Hier startet die Fahrt für die Engländer (und Serben). Knapp zwei Stunden vor dem Anpfiff staut es sich so langsam an der unterirdisch liegenden Haltestelle des Hauptbahnhofs. Schon mittags waren viele Fußballfans beider Teams in die Stadt gekommen, hatten viel Bier getrunken, gefeiert, gesungen – und ja, ein gewaltsamer Haufen hatte sich auch in einer Nebenstraße der Altstadt eine brutale Auseinandersetzung geliefert. 

Nun geht es aber für die, die eins der 50.000 Tickets ergattern konnten, zur Arena Auf Schalke. Die Straßenbahn Nummer 302, die aus Bochum-Langendreer bis nach Gelsenkirchen-Buer durchfährt, rollt ein und wird in Millisekunden von englischen Fans geflutet. Es ist eng, es ist laut, es riecht nach Bier. Es könnte auch ein Heimspiel des S04 sein.

Heinrich-König-Platz

Erster Halt: Noch ist den mitgereisten Fans die zu befürchtende Enttäuschung über die Szenerie in Gelsenkirchen nicht anzumerken. Allerdings befindet sich die 302 auch immer noch unter der Erde. Hier könnte Gelsenkirchen auch der Londoner Piccadilly Circus sein – fast zumindest.

EM in Gelsenkirchen: So sieht es im Stadion von Schalke und an der Fanzone aus
47 Bilder

So sieht es im Stadion von Schalke 04 und der Fanzone während der EM aus

47 Bilder
Foto: Sebastian Kalenberg

Musiktheater

Die 302 und ihre englischen Insassen erblicken das Licht der Welt – und das Musiktheater der Stadt Gelsenkirchen. Hier finden Konzerte und andere Kulturveranstaltungen statt. Die Straßenbahn wird noch ein bisschen voller, weil sich noch weitere englische Anhänger, die zuvor in der Stadt unterwegs waren, hineinzwängen. Die 302 singt „Footballs coming home“. Am Musiktheater, wie passend.

Kennedyplatz

Nach einer kleinen Rechts- und einer kleinen Linkskurve biegt die 302 auf die Kurt-Schumacher-Straße ein – ab jetzt geht es nur noch geradeaus durch Gelsenkirchen-Schalke bis vors Stadion. Draußen ist es grau, drinnen rot-weiß.

Grenzstraße

Links und rechts säumen vereinzelte Deutschlandfahnen den Weg der Straßenbahnlinie, es sind aber ebenso viele – wenn nicht mehr – blau-weiße Fahnen zu sehen. Die Engländer haben sich zuvor mit ihren harschen Aussagen zwar nicht unbedingt als nette Gäste erwiesen, Gelsenkirchen hält sich mit seiner Begeisterung für die Fans von der Insel aber auch noch zurück.

Die Haltestellen-Ansagen in der Linie 302 hat übrigens S04-Legende und Ex-Nationalspieler Gerald Asamoah eingesprochen – niemand in dieser Straßenbahn weiß das. Und das, obwohl Asamoah eines seiner 43 Länderspiele gegen England gemacht hat. 2001, beim 1:5 aus deutscher Sicht. Eine Gruppe junger Engländer öffnet lieber das nächste Dosenbier.

Grillostraße

Hier gibt es tatsächlich etwas zu entdecken und das erste Mal richten sich die Blicke kollektiv aus der Bahn nach draußen auf Gelsenkirchen. Die St.-Joseph-Kirche, in der während der EM Public Viewing stattfindet, hat die Fassade des Gotteshauses üppig mit den Fahnen der teilnehmenden Nationen geschmückt. „Oh, it looks nice“, sagt eine Frau in England-Trikot mit rot-weißer Blumenkette um den Hals. So viel Begeisterung hatten Kaveh Solhekol und Paul Brown wohl nicht erwartet. Dabei war das eigentliche Highlight der Kirche, nämlich das Aloisius-Fenster mit einem Heiligen in Fußballschuhen, aus der 302 gar nicht zu sehen. Da war mehr drin.

Stars bei der EM 2024: Ronaldo, Griezmann, Szoboszlai sind in NRW
11 Bilder

Diese Stars kommen für die EM 2024 nach NRW

11 Bilder
Foto: dpa/Gian Ehrenzeller

Berliner Brücke

Es geht weiter zur Berliner Brücke, eine am Fußballspiel offensichtlich unbeteiligte Frau steigt aus – ihr Platz wird von einem jungen England-Fan eingenommen. Er setzt sich mit dem Rücken zum Fenster hin und öffnet seine Bierdose mit einer Hand. Die Baustelle draußen rauscht unbemerkt an ihm vorbei – natürlich.

Schalker Meile

Willkommen auf Schalke – oder wie es ein England-Anhänger mittleren Alters in kurzer Hose und Poloshirt ausdrückt. „Is that Birmingham?“ Tatsächlich sollte dies aber kein Vergleich zwischen dem Gelsenkirchener Stadtteil und der englischen Großstadt sein. Vielmehr ging es um die Zugehörigkeit der überdimensionalen Fahne, die an der Außenwand der Schalker Fan-Kneipe angebracht ist (es war Birmingham!).

Ernst-Kuzorra-Platz

Ansonsten weckt dieser Abschnitt der 302-Strecke, an dem auch die altehrwürdige Glückauf-Kampfbahn (GAK) – Schalkes Heimspielstätte von 1928 bis 1973 – steht, durchaus das Interesse der englischen Fans. Es wird viel gezeigt und bewertet. Vermutlich hätte es sogar zu einem weiteren Lob getaugt, allerdings ist das Gelände rund um die GAK noch bis mindestens Mitte Juni 2025 eine Baustelle. Chance vertan, Gelsenkirchen.

Stadthafen

Fußball-EM 2024 in Deutschland: Spielplan – Termine, Gruppen, Uhrzeiten & Orte
Infos

Das ist der Spielplan der EM 2024 in Deutschland

Infos
Foto: dpa/Arne Dedert

Ein Einsatzbus voller England-Fans fährt an der haltenden Straßenbahn vorbei und versetzt die 302 in ungeahnte Euphorie. Beide Gruppen jubeln sich gegenseitig zu, es wird gesungen und gehüpft. Gelsenkirchen kontert mit einer Aldi-Filiale und dem Trampolino Indoor-Kinderspielpark. Vielleicht hatte Kaveh Solhekol ja doch recht?

Emscherstraße

Zwei Haltestellen sind es noch bis zur Arena. Gelsenkirchen wird bei seinen Besuchern aus England hier wohl nicht mehr punkten können. Die Gruppe junger Engländer zeigt sich gegenseitig Fotos und Videos, die sie zuvor in der Nähe des Hauptbahnhofes gemacht haben. „It’s a very long way, isn’t it?“, sagt einer von ihnen. Seine Freunde nicken.

Willy-Brandt-Allee

Gerald Asamoahs Stimme erklingt. „Willy-Brandt-Allee“. Ein Teil der Straßenbahn lacht über „Willy“. Vielleicht ist das hier aber auch einfach nicht das richtige Publikum, um Begeisterung für eine deutsche Stadt zu erzeugen.

Veltins-Arena

Die 302 ist da. Nach 31 statt der fahrplanmäßigen 16 Minuten – die fast doppelte Fahrzeit hat wohl nicht geholfen, damit die englischen Fans am Ende sagen werden, dass die Stadt im Ruhrgebiet doch eine Reise wert ist. Kurz vor dem Aussteigen am Stadion setzt dann auch der Regen wieder ein. Die Worte der Fans und Journalisten von der Insel über ihren ersten EM-Spielort waren nicht die feine englische Art, Gelsenkirchen hat sich an diesem Tag aber auch wirklich nicht bemüht, das Gegenteil zu beweisen.