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EM 2021: Das sind die Taktik-Geheimnisse der Niederlande und von Italien

EM-Taktiken im Vergleich : Italienisches Rotieren oder niederländische Konstanz?

Die Niederlande haben das Achtelfinale der EM schon sicher erreicht, trotzdem will Trainer Frank de Boer nur wenig an seiner Aufstellung gegen Nordmazedonien ändern. Wäre ein rotierendes System, wie es Italien gegen Wales zeigte, die bessere Wahl?

Welche Spieler stelle ich heute auf? Eine zentrale, weil wegweisende Frage für jeden Trainer. Neben positions- und spielerspezifischen Entscheidungen, gibt es hier auch grundsätzlichere Strategien. Der Coach kann sich darauf konzentrieren, eine gesetzte Stammmannschaft zu formen, oder er bezieht möglichst viele Spieler aus dem Kader mit ein.

Bei der diesjährigen Fußball-Europameisterschaft sind gegen Ende der Gruppenphase beide Varianten unter besonderen Bedingungen zu beobachten.

Mannschaften wie Italien und die Niederlande haben sich bereits für das Achtelfinale qualifiziert. Während die Elftal nach Ankündigung von Trainer Frank de Boer mit einer fast unveränderten Mannschaft ins Spiel gegen Nordmazedonien geht, standen bei Italiens letztem Gruppenspiel gegen Wales acht neue Spieler auf dem Feld. Doch welche Variante ist besser?

  • Auf dem Platz

Wer viel rotiert, riskiert den Spielfluss: Bei eingespielten Mannschaften werden Laufwege der Mitspieler verinnerlicht, können während der Partie eher antizipiert werden. Das Spiel mit dem Ball wird dadurch schneller und sicherer. Gleiches gilt für die Bewegung gegen das Spielgerät. Wer genau weiß, wo der Hintermann steht, kann sich besser auf eigene Aktionen und den Gegner konzentrieren.

Beim EM-Spiel zwischen Italien und Wales tat sich die neue Mannschaft der „Squadra Azzurra“ entsprechend schwer, aus dem Spiel heraus Chancen zu schaffen – das Siegtor von Matteo Pessina fiel in der 39. Minuten nach einem Freistoß.

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Abgesehen von den ausbleibenden Erfolgsmomenten vor dem Waliser Tor, bewiesen die italienischen Spieler jedoch, dass die rigorose Rotation bei ihnen keineswegs zu Schwindelanfällen führte. Die Mannschaft stand und spielte stabil und ließ die wenig überzeugenden Waliser kaum in die Partie kommen.

Hier zeigte sich: Mit einem starken Kader und dem richtigen Gegner können Experimente in der Aufstellung gut funktionieren. So baute Italien seine beeindruckende Serie aus (sie sind jetzt seit 30 Spielen ungeschlagen), Mittelfeldspieler Marco Verratti sammelte nach seiner Knieverletzung wichtige Minuten auf dem Platz und die Hauptakteure der so explosiven Offensive konnten sich etwas erholen.

Sollten die Niederlande also den gleichen Weg gehen? Möglich wäre es durchaus. Die Mannschaft dominierte die bisherigen Spiele des Turniers zwar nicht so klar wie die Italiener, aber sie zeigte durchaus gute Leistungen.

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Das de Boer lieber für Stabilität und Sicherheit sorgen will, ist ihm aber nicht zu verdenken. Nachdem die „Oranje“ zwei internationale Turniere hintereinander verpasst hat, muss jetzt ein erfolgreicher Neustart her. Experimente wirken in so einer Situation fehl am Platz.

  • In der Kabine

Die Psyche ist für Leistungssportler mindestens genauso wichtig wie ihre körperliche Verfassung. Die Taktik des Trainers wirkt sich in diesem Bereich unmittelbar auf die einzelnen Spieler und das Mannschaftsgefüge aus.

Wer immer das gleiche Team antreten lässt, steigert bei den wenigen Auserwählten zwar das Selbstvertrauen, auf der Bank sorgt diese Taktik aber für Frust.

Bekommen die Spieler der B-Auswahl dagegen regelmäßig die Möglichkeit, sich zu beweisen, kann das die Laune steigern und den Konkurrenzkampf in der Mannschaft fördern. Wenn jeder Spieler das Gefühl hat, sich das Vertrauen des Trainers erspielen zu können, anstelle immer Mannschaftskameraden bei der Arbeit zugucken zu müssen, wirkt sich das auf lange Sicht positiv auf dessen Motivation aus.

Im Hinblick auf die grundsätzliche Stimmung im Team ist die Rotation deswegen die bessere Wahl. Wer einzelnen Spieler mehr mentalen Halt geben möchte, fährt dagegen wahrscheinlich mit einer Stammelf besser.

Genau deswegen ist die Entscheidung von Frank de Boer durchaus nachvollziehbar. Die Niederlande hat einige junge und talentierte Spieler im Kader. Matthjis de Ligt etwa ist erst 21 Jahre alt, muss aber bereits den Ausfall von Virgil van Dijk im Herz der niederländischen Abwehr ausgleichen. Spieler wie er brauchen so viel Praxis wie möglich, um Selbstsicherheit und -vertrauen aufzubauen.

  • Für den Gegner

Gerne wird bei der Frage „Rotation oder Stammelf?“ eingeworfen, dass es gegenüber der gegnerischen Mannschaft respektlos sei, nicht mit den stärksten Spielern anzutreten. Fußballromantikern leuchtet diese Position wohl am ehesten ein: Jeder sollte die Chance bekommen, sich mit der bestmöglichen Version der gegnerischen Mannschaft zu messen und sich einen Sieg gegen den Favoriten erarbeiten zu können.

In der Struktur des Leistungssports hat die Rotation jedoch nichts mit mangelnder Achtung zu tun. Es ist für Trainer vielmehr ein wichtiges Werkzeug, um bestmögliche Ergebnisse zu erzielen, Spieler für kommende Aufgaben zu schonen oder alternative Strategien unter realistischen Bedingungen zu testen. Es geht um die maximale sportliche Leistung – und damit den Kern jeden Wettkampfes.