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Die 50+1-Regel gehört zur deutschen Fußballkultur - auch nach der Corona-Krise

Kolumne „Anstoß“ : Fußball braucht 50+1 auch nach der Krise

In der Krise wird der Ruf nach Abschaffung der Mehrheitsbeteiligung der Vereine an ihren Fußball-Firmen lauter. Aber der Ruf nach Investoren ist der falsche Weg.

Die heilige Kuh steht eigentlich schon auf der Schlachtbank. Denn das deutsche Bundesliga-Gesetz, nach dem in von eingetragenen Vereinen losgelösten Fußballfirmen der Verein immer eine Stimme Mehrheit haben muss (die berühmte 50+1-Regel), ist von Ausnahmen durchlöchert. Die Regel gilt nicht bei den Werksklubs Bayer Leverkusen und VfL (VW) Wolfsburg, und sie gilt nicht bei der TSG Hoffenheim, die der Milliardär Dietmar Hopp in den Profifußball schob. Das liegt an diesem schönen Passus im Paragraf 16c der DFB-Satzung: „Über Ausnahmen vom Erfordernis einer mehrheitlichen Beteiligung des Muttervereins nur in Fällen, in denen ein Wirtschaftsunternehmen seit mehr als 20 Jahren den Fußballsport des Muttervereins ununterbrochen und erheblich gefördert hat, entscheidet das Präsidium des DFB auf Antrag des Ligaverbandes.“ In Hoffenheim hat der SAP-Gründer Dietmar Hopp eben früh genug damit angefangen, den Verein nach oben zu bringen, und den DFB überzeugt.

Auch RB Leipzig hat den DFB überzeugt - allerdings vom Gegenteil. RB darf immer noch behaupten, keine Ausnahme zu sein, weil die Stimmenmehrheit in der Kapitalgesellschaft bei den Klubmitgliedern liege. Der Klub lässt allerdings nur 19 Mitglieder zu, die allermeisten sind Angestellte des Vereins oder eines Unternehmens der Red-Bull-Gruppe. Diese Firma steckt, wie jeder weiß, hinter RB, sie gibt 99 Prozent des Kapitals. Alle anderen Bundesliga-Klubs halten sich für von Mitgliederversammlungen geführte Vereine.

Das unterscheidet Deutschland erheblich von England, Spanien, Italien und Frankreich. Dort sind viele Klubs in den Händen von Investoren. Das hat üble Folgen, wenn die Investoren ihre Klubs als reine Spekulationsobjekte behandeln, ohne innere Beteiligung aussaugen und anschließend abstoßen. Es kann ganz schön sein, wenn die Investoren mit ihrem Geld Klubs derart aufrüsten, dass die an Europas Spitze marschieren. Dabei wird allerdings häufig gegen Auflagen verstoßen, was zuletzt Manchester City eine Zweijahressperre für die Champions League eintrug. Der Eigentümer aus Abu Dhabi wird auch davon nicht in die Pleite gezwungen.

Weil das Geld im Ausland so fröhlich sprudelt, bekommt so mancher in Deutschland vor Neid ganz grüne Augen. Vor allem in der Corona-Krise. Denn die bedeutet: Es wird viel Geld verloren gehen.

Deshalb rufen nun einige: Weg mit der 50+1-Regel, weil sie einerseits (siehe oben) zur Genüge aufgeweicht ist und andererseits ein guter Investor mit einem ganzen Sack voller Geld die schlimmsten Folgen der Corona-Krise mit einem Schlag beseitigen könnte. Der Investor wäre also die Garantie für einen Fortbestand der Bundesliga.

Ein brandgefährlicher Weg. Schon jetzt spekulieren sich Krisengewinnler an der Börse Milliarden zusammen. Wer kann ausschließen, dass jemand daherkommt, der mit einem Bundesliga-Klub nur den schnellen Euro machen will? Niemand. Es ist sehr wahrscheinlich, dass so jemand die Bühne betritt. Nachfragen beantworten sicher gern geplagte Fans englischer Traditionsklubs wie West Ham United, die erfolglos gegen die Politik der Vereins-Besitzer protestieren.

In Deutschland gibt die 50+1-Regel den Mitgliedern immer noch ein bisschen mehr als nur die Illusion, an den Entscheidungen im Verein beteiligt zu sein. Schließlich stimmen beispielsweise beim größten deutschen Klub, dem FC Bayern München, die Mitglieder über Erhöhungen der Beteiligungen in der Fußballfirma Bayern ab, und sie wählen den Präsidenten. Dass die fast 300.000 Mitglieder beim operativen Geschäft nicht mitreden, liegt in der Natur der Sache. Und natürlich glaubt niemand, dass die Anteilseigner Allianz, Audi und Adidas nur zahlen und dafür keinerlei Einfluss verlangen. Sie können die Fußballfirma aber nicht nach ihrem Gutdünken führen. Das gilt auch für den anderen Vereine, die nach der 50+1-Regel geführt werden. Und das ist gut so, denn es ist ein Teil der deutschen Fußballkultur. So groß kann die Not gar nicht sein, dass die preisgegeben wird.