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Marcel Reif: "Ich hatte Angst um Leib und Leben"

Kommentator mit Bier überschüttet : Marcel Reif — geliebt und gehasst

Kein anderer Fußball-Kommentator polarisiert so wie Marcel Reif. Zum zweiten Mal binnen weniger Tage ist der 65-Jährige von Chaoten attackiert worden. Er sagt: "Ich hatte Angst um Leib und Leben."

Er hat Kerle auf sich zurennen sehen. Sie haben an seinem Auto gerüttelt, auf das Dach geschlagen und dabei wild gejohlt und gepöbelt. Chaoten aus beiden Fanlagern. Seine Frau, die Münchner Medizinprofessorin Marion Kiechle, saß auf dem Rücksitz. Er fühlte sich machtlos. Das war vor dem Derby zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke am vergangenen Samstag. Drei Tage später in Dresden. Pokalspiel von Dynamo gegen Dortmund. Auf dem Weg zu seinem Platz geht Reif am Block der Borussen vorbei. Es fliegen Bierbecher, er wird getroffen und besudelt.

"Die Gesichter waren hasserfüllte Fratzen, spuckend und geifernd", sagt er der "Welt" und bestätigte seine Aussagen auch nochmal im Sportschau-Club der ARD am Abend danach. "Solchen Hass habe ich, ehrlich gesagt, zuvor noch nicht erlebt. Da ist mir wirklich angst und bange geworden. Wenn das Normalität wäre, dann wird es Zeit, sich anderen Dingen zuzuwenden." Er fürchte, dass sich "das gerade noch eine Stufe höher schaukelt", sagte Reif, und er wolle "nicht wissen, wie die übernächste aussieht". Er ergänzte aber auch: "Ich möchte mir nicht von irgendwelchen wahnsinnigen Idioten vorschreiben lassen, wann ich meinen Job noch mache oder wann ich damit aufhöre."

Es ist in diesen Tagen einiges gefährlich aus dem Gleichgewicht geraten. Schon lange werden Fußball-Kommentatoren wie Freiwild behandelt. Bereits vor Anpfiff steht das Urteil fest. Béla Réthy (ZDF), der Konfuse. Tom Bartels (ARD), der Langweiler. Oder eben Reif, der Arrogante. In Netzwerken wie "Twitter" und "Facebook" lässt sich gemütlich lästern oder neudeutsch "bashen", was die Tastatur hergibt. Möglicherweise berechtigte Kritik an fachlichen Mängeln wird derart überlagert von Spott, Häme und Bösartigkeiten, dass nur noch der auffällt, der noch fieser draufhaut.

Sehr oft werden dabei Grenzen überschritten. Und manchmal überträgt sich der geschürte Hass von der virtuellen in die reale Welt. In Einträgen zu Reif heißt es dann zum Beispiel: "Richtig so - den möchte kein BVB-Fan mehr hören! :-)" oder "Coole Aktion. Reif ist halt ein Vogel". Ein paar Stufen tiefer sind Wortmeldungen von diesem Niveau: "Wenn die Polizei nicht da gewesen wäre, hätte er endlich mal eine richtige Abreibung bekommen, die er verdient hat."

Reif, 65, ist der bekannteste Sportreporter des Landes. Seit mehr als 30 Jahren kommentiert er Fußballspiele. Davor war er politischer Berichterstatter für das Zweite. 1984 dann der Wechsel in die Sportredaktion. Später arbeitete er für RTL und Sky. Beim Bezahlsender trägt er den Titel Chefkommentator. Reif ist nicht nur die Stimme des Senders, er ist auch das Gesicht. Das entspricht mindestens seinem Selbstverständnis. Reif ist für viele Feindbild, und er liebt es zu polarisieren. Er ist der Branchenprimus. Das lässt er alle sehen. Er zelebriert es, Marcel Reif zu sein. Raucht dicke Zigarren, fährt schnelle Autos und trägt teure Uhren. Er ist der Showmaster unter den Kommentatoren. Gern gesehener Gast in Talk- und Quizsendungen gleichermaßen. Seit Jahren lebt der Vater von drei Söhnen in Rüschlikon in der Nähe von Zürich. 2013 hat er seinen deutschen Pass abgegeben und die schweizerische Staatsbürgerschaft erhalten.

Seine Worte haben Gewicht. Dementsprechend dünnhäutig hat BVB-Trainer Jürgen Klopp nach dem Derby reagiert und Reif einen verbalen Seitenhieb verpasst: "Der findet in seinem Leben sowieso nichts mehr witzig." Reif hatte sich zuvor zum Torjubel von Pierre-Emerick Aubameyang und Marco Reus im Batman-und-Robin-Kostüm geäußert: "Ich bin dafür zu alt. Die sollen sich mal freuen, aber so viel gewonnen haben die in den letzten vier Wochen auch noch nicht, dass sie jetzt so ein Kasperltheater aufführen müssen."

Klopp muss zu diesem Zeitpunkt, also zwei Tage später, gewusst haben, dass Reif, mit dem er öfters aneinander geriet, von Idioten vor dem Dortmunder Stadion angegriffen worden ist. Statt eines versöhnlichen Wortes entschied sich der Fußballlehrer für den schnellen Lacher. Für ihn tatsächlich wohl nur ein Spruch, viele seiner Anhänger erkennen aber augenscheinlich nicht die Grenzen der Kritik. Sie sehen in Reif den Gegner, jenen Mann, von dem es seit jeher heißt, er stünde dem FC Bayern nahe. Nach Informationen dieser Zeitung hat es Bemühungen von "Sky" zur Deeskalation gegeben. In Dortmund soll man aber eine öffentliche Stellungnahme bislang abgelehnt haben. Reif bezeichnete die Aussagen in der ARD als "deplatziert bis verantwortungslos". Solche Sprüche gäben "Wahnsinnigen eine Legitimation", sagte Reif.

Pikanterweise reist Reif in eineinhalb Wochen wieder nach Westfalen und kommentiert dort die Begegnung zwischen dem BVB und dem 1. FC Köln. "An dieser Planung wird sich auch nichts ändern", sagt Sky-Sportchef Burkhard Weber. "Wir lassen uns nicht von irgendwelchen Chaoten unsere Dienstpläne diktieren. Die Grenze des Zumutbaren ist überschritten. Wohin soll das denn noch führen? Nun sind alle Verantwortlichen gefordert, auf das Thema deeskalierend einzuwirken. Fußballreporter - egal von welchem Medium - dürfen nicht zum Freiwild der Fans werden."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Marcel Reif von Dortmund-Fans mit Bier überschüttet

(RP)