DFB-Pokalfinale 2019: RB Leipzig - Plan zum Erfolg

DFB-Pokalfinale : Leipzigs Plan zum Erfolg

RB Leipzig kann am Samstag den ersten Titel der Klubgeschichte holen - früher als von den Chefs erwartet. Hinter dem Erfolg steht eine klares, kühl kalkuliertes Geschäft, das den Fußball-Romantikern zuwider ist.

Am Sonntag ist RB Leipzig zehn Jahre alt geworden. Aber Oberbürgermeister Burkhard Jung gab weder einen Empfang, noch sägte er ergriffen auf einem Cello herum, wie es sein Amtsvorgänger Wolfgang Tiefensee einst tat, um Olympia nach Leipzig zu holen. Die Fans feierten kein spontanes Fest, der Verein veröffentlichte keine Gedenkschrift, und in der Fußball-Republik hielt sich die Begeisterung in engen Grenzen.

Das hat einfache Gründe. Die Romantiker unter den Anhängern des Nationalsports haben RB Leipzig, dem sportlichen Geschäftszweig des Red Bull-Konzerns, die Rolle des Lieblingsfeindes verliehen. Und bei RB sieht niemand einen Anlass für emotionale Ausbrüche, denn der Erfolg wird hier kühl geplant. Die erste Möglichkeit, den Briefkopf mit einem großen Titel zu schmücken, gibt es am Samstag im Berliner Olympiastadion beim DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern München (20 Uhr). So früh haben das die Planer in Sachsen gar nicht erwartet.

Aber sie machen sich auch nicht kleiner, als sie inzwischen sind. „Wir haben eine realistische Chance“, sagt Trainer Ralf Rangnick (60), „aber wir brauchen eine Leistung am absoluten Limit.“ Er hat großen Anteil daran, dass der Fußball spielende deutsche Red-Bull-Ableger diese Grenze in den vergangenen Jahren stetig nach oben verschoben hat — als Manager und Trainer. Er hat das mit den sehr ordentlichen Geldsummen getan, die aus dem Konzern ins Projekt fließen.

Aber er hat bei all dem immer sehr konkrete Vorstellungen gehabt. „Erfolg“, sagt Rangnick, „ist in bestimmten Bereichen planbar. Es ist beispielsweise schwer, eine Meisterschaft oder einen Turniersieg zu planen. Auf der anderen Seite ist die Entwicklung von Spielern, Trainern und das Schaffen einer erfolgversprechenden Struktur sehr wohl planbar. Diese Faktoren führen dazu, dass die Wahrscheinlichkeit für Erfolg erhöht wird.“

So nüchtern brachte der Mann das Projekt Leipzig in die Spur. Er profitierte vom finanziellen Rückhalt, und er gab der Fußballfirma den notwendigen wissenschaftlich-technischen Hintergrund in Trainingslehre, Trainingsmöglichkeiten und taktischer Ausrichtung. Zumindest Rangnick ist davon überzeugt, dass dieser Hintergrund notwendig ist.

Das hat er immer vertreten. Schon als junger Trainer bei der Bundesliga-Eintagsfliege SSV Ulm gefiel er sich in der Rolle des klugen Rebellen im Job des Fußballlehrers. Viele fanden es neunmalklug, wenn er der Nation im ZDF-Sportstudio an der Taktikwand gelehrt die neuesten Entwicklungen erläuterte. Und wenn sie ihn einen Professor nannten, dann war das ganz bestimmt nicht nett gemeint.

Rangnicks Sendungsbewusstsein berührte das nicht. Und in Leipzig hat er das ideale Feld gefunden. Die Unternehmensspitze ist geradezu begeistert von technischer Begleitung des Profifußballs, und es entspricht ganz sicher ihrer Vorstellung, dass möglichst wenig dem Zufall überlassen bleibt. Schließlich soll das Investment einen einigermaßen entsprechenden Ertrag abwerfen. Das, so viel steht nach zehn Jahren fest, tut es schon lange.

Und damit das so bleibt, hat sich der sogenannte Verein von dem, was anderswo den Verein auszumachen scheint, von Anfang an verabschiedet. 17 stimmberechtigte Mitglieder hat Rasenballsport, mehr sind nach dem DFB-Recht nicht nötig. Hier soll niemand in die Politik des Geschäftszweigs Fußball hineinregieren. Das ist für die gelegentlich selbst ernannten Romantiker ein nicht hinnehmbares Sakrileg. Sie vergessen dabei aber unter anderem, dass auch sie in den anderen Bundesliga-Klubs, die ihre Profiabteilungen längst ausgelagert haben, nichts wirklich Wichtiges zu sagen haben.

Leipzig ist für sie dennoch die Verkörperung des kalten und reinen Fußball-Kapitalismus. Wahrscheinlich ist das sogar wahr.

Die Leipziger Geschäftsführung können sie mit derartigen Vorwürfen nicht einmal kränken. Sie will ja nichts anderes als den tunlichst berechenbaren Erfolg. So ganz nebenbei liefert die Abteilung Rasenballsport ansehnliche Auftritte auf dem Rasen. Und sie hat ein paar ganz sympathische Grundsätze. Neue Spieler sollen nicht älter als 23 sein, den Schülern in der für 30 Millionen Euro aufgebauten Akademie sind Tattoos untersagt, und die Mannschaften verpflichten sich einem ziemlich hemmungslosen Tempospiel. Wer für einen Moment verdrängt, dass auch das ein Teil des Geschäfts ist, der kann das für sehenswert halten.

Der Gewinnmaximierung dienen die Vorstellungen des prominenten Gegners am Samstag ebenfalls. Noch nehmen die Leipziger hocherfreut in der sportlichen Auseinandersetzung die Rolle des Außenseiters an. Das muss allerdings nicht so bleiben. Das weiß auch der Münchner Trainer. „Klar wird Leipzig einer der nächsten Konkurrenten des FC Bayern“, sagt Niko Kovac. Leipzigs Torwart Peter Gulaszi spricht ebenso offen wie Rangnick vom Ziel, im nächsten Jahr um die Meisterschaft mitzuspielen. „Was kann man sonst als Ziel ausgeben, wenn man die Saison als Dritter abschließt?“, fragt Gulaszi in „Sport Bild“.

Und Rangnick ist nicht bange, dass sein bereits verpflichteter Nachfolger Julian Nagelsmann da weniger selbstbewusst sein könnte. Schließlich habe der doch schon diese Saison bei Hoffenheim gesagt, er wolle Meister werden. Für viel weniger haben sie ihn nicht geholt. Aber zunächst kann Rangnick ihm den Pokal als Maßstab vorsetzen.

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