DFB-Pokal-Finale 2018: Niko Kovac vermiest Jupp Heynckes den Abschied

Frankfurt entzaubert die Bayern : Kovac vermiest Heynckes den Abschied

Niko Kovac hat Jupp Heynckes den Abschied vermiest und Eintracht Frankfurt sensationell den ersten Titel seit 30 Jahren geschenkt. Der Trainer entzauberte seinen künftigen Verein Bayern München beim 3:1 im 75. DFB-Pokal-Finale.

Das Ende ist ein einziger Jubelsturm. Bayern Münchens letzte Ecke in der Nachspielzeit ist abgewehrt, Eintracht Frankfurts Verteidiger Jetro Willems schickt Mijat Gacinovic mit einem Flachpass auf die Reise, und der eingewechselte Stürmer sprintet über das halbe Feld, ehe er den Ball ins Tor schiebt. Der Kasten ist verlassen, weil sich Münchens Schlussmann Sven Ulreich in der dramatischen Schlussphase des DFB-Pokal-Finales zu den Angreifern gesellt hat. Gacinovic läuft nach dem Treffer zum 3:1 direkt in die Fankurve durch, und dort beginnen die Feierlichkeiten des Überraschungssiegers. 30 Jahre nach einem 1:0-Erfolg im Pokal-Endspiel über den VfL Bochum hat die Eintracht wieder einen Titel.

Sie verdient ihn sich durch eine überzeugende Verteidigungsleistung, an der sich die gesamte Mannschaft voller Leidenschaft und Hingabe beteiligt. Und sie verdient ihn sich durch ihre Konterstärke. Ante Rebic gelingen zwei Treffer nach schnellen Gegenstößen. Er bringt seine Elf damit zweimal in Führung, Bayern schafft nur den zwischenzeitlichen Ausgleich zum 1:1 durch Robert Lewandowski.

Er nützt eine von vielen Chancen, die sich die fußballerisch überlegenen Münchner erspielen. Und er darf zu Recht wie seine Kollegen mit Schiedsrichter Felix Zwayer hadern. Der Berliner übersieht eine Strafraumattacke von Kevin-Prince Boateng an Javi Martínez. Der Videoassistent weist den Unparteiischen darauf hin, aber auch nach Ansicht der Aufnahmen in der Videozone verweigert Zwayer den Bayern einen Elfmeter. Unmittelbar darauf entscheidet Gacinovic die Begegnung endgültig.

Die Münchner müssen sich vorhalten, mit ihren Gelegenheiten ein wenig zu leichtfertig umgegangen zu sein. Sie haben an diesem Abend in Berlin nicht die Entschlossenheit, die ihr Gegner an den Tag legt. In fast allen Daten, die die Statistiker des Pokal-Finals erheben, liegen die Bayern am Ende vorn. Sie haben 77 Prozent Ballbesitz, 22:8 Torschüsse und eine Passquote von 89 Prozent, Frankfurt kommt auf 63 Prozent. Nur beim entscheidenden Wert liegt die Eintracht vorn, sie trifft dreimal ins Tor, München nur einmal.

Damit verpasst die Bayern-Mannschaft das Double aus Meisterschaft und Pokalsieg, das sie so gern ihrem Trainer Jupp Heynckes zum Abschied geschenkt hätte. Heynckes geht nach einer achtmonatigen Engagement, das er aus freundschaftlicher Verbundenheit mit Präsident Uli Hoeneß angetreten hat, wieder zurück in den Ruhestand. Der 73-Jährige hat das Rentnerdasein auf seinem umgebauten Hof im Schwalmtal nur unterbrochen. Und damit ihm niemand zu viel Emotion zum Abschied unterstellt, sagt er schon vor dem Endspiel: "Ich hatte meinen Abschied ja schon vor fünf Jahren." Mit dem bis heute im deutschen Fußball einmaligen Triple aus Meisterschaft, Pokalsieg und Champions-League-Erfolg ist er 2013 als gekröntes Haupt abgetreten.

Trotzdem wäre er natürlich am liebsten mit einem weiteren Sieg in Berlin endgültig gegangen, denn ohne den Ehrgeiz eines jungen Mannes macht er den Job nicht. "Wir müssen anerkennen, dass Frankfurt mit seinen Mitteln verdient gewonnen hat. Zu einem Sportlerleben gehören Siege und Niederlagen, bei Niederlagen muss man das Spiel des Gegners anerkennen", erklärt er. Heynckes geht allerdings mit der Gewissheit, den FC Bayern nach einem sehr wackligen Saisonstart derart gekonnt wieder in die Bahn bekommen zu haben, dass der Meistertitel mit meilenweitem Vorsprung erspielt wurde.

Daran denkt er in den Minuten der Niederlage in Berlin aber nicht.

Sein Kollege Niko Kovac darf nicht nur erleichtert feststellen, dass sein Team die Saison nach einem kleinen Einbruch in der Schlussphase der Meisterschaft mit dem Pokalsieg gerettet hat. Er hat sich selbst die Aufgabe in München, wo er im Sommer Heynckes' Nachfolger wird, auch ein bisschen leichter gemacht. Er wird nicht am Double gemessen, und er geht mit seinem ersten Titel als Trainer zu den großen Bayern.

Kovac räumt Fehlentscheidung ein

Es fällt ihm sogar leicht, den Bayern zuzustimmen, die nach dem Spiel Zwayer eine Fehlentscheidung unterstellen. Kovac räumt ein, dass der Schiedsrichter einen Elfmeter hätte geben können, und er sagt: "Jupp Heynckes hat mir gratuliert, ich habe mich entschuldigt, aber so ist der Sport."

In Frankfurt hat Kovac bewiesen, dass er unter schwierigen Umständen ein sehr gut funktionierendes Team aufbauen kann. Seine kleine Weltauswahl aus 20 Nationen ist so gut zusammengewachsen, dass sie auf dem Platz als Einheit auftritt. Damit macht sie in Berlin die fußballerischen Nachteile gegenüber den Bayern wett. "Unser Trainer", sagt Frankfurts Sportdirektor Bruno Hübner, "hat eine taktische Meisterleistung vollbracht."

Sein Team zeigt Lust an kämpferischer Auseinandersetzung, und es hat in Boateng einen Anführer, der mit seinem breiten Kreuz auf dem Platz Präsenz zeigt. Wie sein Trainer ist er im Berliner Arbeiterstadtteil Wedding aufgewachsen, und er spricht eine sehr klare Sprache. "Kompliment an die Mannschaft", sagt er, "alle haben gesagt, dass wir aus dem Stadion geschossen werden, aber wir haben Herz gezeigt und die Bayern aus dem Stadion geschossen." Wie sein Coach genießt er die Feier in seiner Heimatstadt ganz besonders. Die Party beginnt bereits im Olympiastadion, und sie dauert sehr lange.

(pet)
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