1. Sport
  2. Fußball

Deutsche Fußball-Meister: Als Rot-Weiss Essen, VfR Mannheim und Dresdner SC die Meisterschale holten

Fußball-Historie : Alte Meister

Vor 85 Jahren wurde Fortuna Düsseldorf zum einzigen Mal Deutscher Meister. Schalkes letzte Meisterschaft liegt 60 Jahre zurück. Immerhin haben sich beide Klubs im Profifußball gehalten - anderen Titelträgern erging es wesentlich schlechter.

Der 18. Mai 1958 steht bei Fans des FC Schalke 04 für Stolz und Trauer zugleich. Mit 3:0 gewinnt S04 an diesem Tag die Deutsche Meisterschaft gegen den Hamburger SV, es ist der siebte Meistertitel in der Vereinsgeschichte - aber bis heute auch der letzte. Während es für die Schalker im Mai 2001 immerhin noch mal für vier Minuten für eine Meisterschaft reichte - ehe Patrik Andersson die Bayern in der 94. Minute doch noch zum Titel schoss -, kamen Fans von Fortuna Düsseldorf dem Titel von 1933 nie mehr wirklich nahe. Mehr noch: Der diesjährige Bundesliga-Aufsteiger teilte zeitweise das Schicksal vieler anderer Traditionsvereine, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in den Tiefen des Amateurfußballs verschwanden.

Rot-Weiss Essen: Finanzielles Versagen, sportliche Stagnation bei Helmut Rahns Heimatklub

"Stell dir vor, du bist Rot-Weiss-Essen-Fan. Da kannst du jeden Tag nur noch saufen." So weise sprach einst Radio-Kultkommentator Manfred Breuckmann. Ein nass-kalter Dienstagabend Mitte März an der Hafenstraße in Essen ist ein schöner Beleg für Breuckmanns Worte: RWE spielt gegen Regionalliga-Spitzenreiter KFC Uerdingen, die Essener führen 2:0 als die Nachspielzeit anbricht. Drei Minuten später pfeift der Schiedsrichter das Spiel ab, es steht 2:2.

"Nach dem Anschlusstreffer hat jeder Zuschauer die gleich Reaktion gezeigt: 'Scheiße, jetzt kriegen wir auch noch den Ausgleich'", sagt Marcus Uhlig. Der 47-Jährige hat den Verein im Herbst 2017 übernommen und schnell festgestellt: "Über diesem Klub hängt eine dunkle, schwarze Wolke." Nur vier Tage vor dem Uerdingen-Spiel traf Rot-Weiss im heimischen Stadion auf die SG Wattenscheid, in der 80. Minute ging RWE mit 2:1 in Führung, kassierte in der 89. den Ausgleich - und in der 94. sogar noch das 2:3. Auch wegen solcher Niederlagen dümpelt der DFB-Pokalsieger von 1953 und Deutsche Meister von 1955 seit nunmehr sieben Jahren in der vierten Spielklasse. Die gerade beendete Saison schloss RWE auf Platz 10 ab, hinter dem SV Rödinghausen oder SC Wiedenbrück. "Das ist ein Schreckensbild, aber die Realität", sagt Uhlig.

Die Geschichte von Rot-Weiss Essen ist eine Geschichte von großen Namen, großen Erfolgen und großen Fehlentscheidungen. Der Heimatverein von 1954-Weltmeister-Torschütze Helmut Rahn und Erfolgstrainer Otto Rehhagel verlor 1991 die Lizenz für die 2. Liga, 1994 ein weiteres Mal, 2010 meldete man Insolvenz an und ging in die fünfte Liga. Der Aufstieg in die Regionalliga ein Jahr später ist bis heute der letzte sportliche Erfolg. "Wir sind seit der Insolvenz ein sehr seriöser Verein geworden, mit geordneten Finanzen und klaren Strukturen", sagt Uhlig. Nur: "Wir haben es verpasst, sportlich den nächsten Schritt zu machen und den Fokus auf die sportliche Weiterentwicklung zu legen."

Im Essener Stadion steht eine Marmorplatte mit der Inschrift: "RWE war wer, RWE ist wer, RWE bleibt wer!" Für Präsident Uhlig ist das ein Kredo, an dem er sich messen lassen will. 7000 Zuschauer kamen auch in der gerade beendeten Saison wieder zu den Heimspielen, von der Stadt habe es Signale gegeben, dass die finanzielle Unterstützung zur nächsten Saison leicht erhöht wird. In Sachen Zuschauer und Etat spielte Rot-Weiss schon seit Jahren in der Regionalliga-Spitze mit, sportlich gelang das selten. Uhlig sagt: "Der Fußball muss über allem stehen, dafür müssen wir unsere Einnahmen maximieren und das Geld besser ausgeben." Dann, ja dann, könnten die dunklen Wolken vielleicht verschwinden. "Rot-Weiss Essen hat grundsätzlich das Potenzial, wieder in die dritte Liga zurückkehren können. Aber wir dürfen nicht immer zurückdenken. Das ist Gift für diesen Verein."

Vor Uhlig und nach der Insolvenz führte Michael Welling in Essen die Geschäfte. Persönlich hat der 46-Jährige mittlerweile das geschafft, was in den sieben Jahren seiner Präsidentschaft mit RWE nicht gelang: Der Aufstieg ins Profifußballgeschäft. Ab der kommenden Saison wird er Marketing-Chef bei Bundesligist Mainz 05. Zu seinem alten Verein will sich Welling nicht mehr gesondert äußern, er hat sich eine Auszeit verpasst, hat seit seinem Abgang kein Spiel mehr im Stadion gesehen. Doch in seiner Zeit bei Rot-Weiss hat er erkannt: "Für Traditionsvereine ist es besonders schwierig, nach einem Absturz wieder hoch zu kommen." Die Fans haben große Erwartungen, kleinere Vereine dafür mehr Geld für den sportlichen Kader. "Ein hoher Zuschauerschnitt, ein großes Stadion, das ist toll. Aber die eben auch manchmal eine Last", sagt Welling. Die Gegner sind motivierter, der Druck auf die eigenen Spieler höher. "Wenn du einmal Deutscher Meister geworden bist, dann bist für Gegner und das Umfeld eben immer Deutscher Meister. Das öffnet zwar die eine oder andere Tür, aber es ist eben auch eine große Bürde die immer mitspielt", sagt Welling.

VfR Mannheim: Der erste Schalen-Gewinner verfolgt vom Pech

Mannheim, eine Stadt im Fußballfieber, der SV Waldhof steht zum zweiten Mal in Folge in der Relegation zur dritten Liga. Profifußball und Derbys gegen den 1. FC Kaiserslautern winken. In den Aufstiegsspielen treffen die Waldhöfer auf den KFC Uerdingen, das Stadion wird beim Heimspiel (27.5.) ausverkauft sein, über 22.000 Fans fiebern mit.

Dass gleichzeitig der VfR Mannheim, der einzige Deutsche Meister der Neckarstadt, ebenfalls um den Aufstieg kämpft, nimmt hingegen kaum jemand wahr.

1949 holte der VfR sensationell die erste Meisterschale überhaupt, die bis dahin verliehene "Victoria" war zuvor gestohlen worden. Mit 3:2 nach Verlängerung besiegte der "Verein für Rasenspiele" Borussia Dortmund. Zum Meisterschaftsjubiläum 2009 ließ man eine Nachbildung der Schale anfertigen, Kostenpunkt 17.000 Euro. Viel Geld für den VfR, dass nur mit Hilfe von Spenden zusammen kam, denn heute spielt der Verein in der sechstklassigen Verbandsliga. "Der Aufstieg in die Oberliga ist unser klares Ziel", sagt Sportvorstand Boris Scheuermann. Vier Spieltage vor Schluss fehlt dafür ein Tabellenplatz und ein Punkt - es wäre typisch für die Geschichte des VfR, würde der älteste Fußballverein der Stadt den Aufstieg mal wieder knapp verpassen.

"Als die Bundesliga 1963 gegründet wurde, haben wir den Einstieg knapp verpasst. Das war der Knackpunkt", sagt Scheuermann. In der Folge scheiterten die Blau-Roten immer wieder knapp, mal am Aufstieg in die dritte Liga, mal am Klassenerhalt in der Regionalliga. Schließlich scheiterten dann noch mehrere Fusionsversuche mit dem SV Waldhof, der VfR rutschte endgültig in die Unterklassigkeit ab. Kaum mehr als 300 Zuschauer verirren sich heute auf noch ins Rhein-Neckar-Stadion, 8000 würden reinpassen. "Dafür sind die Gegner immer noch extra-motiviert, schließlich kommt ja der Meister", sagt Scheuermann. "Die Meisterschaft ist Fluch und Segen zugleich."

Dresdener SC: Mit Helmut Schön zur doppelten Meisterschaft - und dann kam die Flut

Das Wort Segen würde Georg Wehse nicht mehr in den Mund nehmen, wenn er über die größten Erfolge seines Vereins spricht. Wehse ist Abteilungsleiter Fußball beim Dresdner SC, dem Deutschen Meister der Jahre 1943 und 1944. "Die Meisterschaften waren vor allem in den 90er und 2000er Jahren wichtig, als der Sportclub versucht hat, Dynamo zu übertrumpfen", sagt Wehse. Die Titel sind bei den Älteren im Verein weiterhin präsent, erst vor kurzem beschloss die Mitgliederversammlung, dass auf die Trikots aller DSC-Mannschaften ein Meisterstern für die beiden Titelgewinne gedruckt werden soll. Doch es gibt auch die jungen Mitglieder die sich "kritisch mit den Meisterschaften in der NS-Zeit auseinandersetzen", sagt Wehse.

Bis heute ist unklar, welche politische Rolle der Dresdner Sportclub in der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte spielte. "Es gibt wenige Unterlagen, ein Urteil ist schwierig", sagt Wehse. Klar ist, dass der spätere Bundestrainer Helmut Schön die Meistermannschaften anführte und der DSC zu dieser Zeit ein absolutes Spitzenteam stellte - was sich zu DDR-Zeiten schlagartig ändern sollte. Die SED bevorzugte die schwarz-gelben Dynamos, der SC fristete laut Wehse "ein Schatten-Dasein, politisch waren den Offiziellen die Hände gebunden".

Nach der Wiedervereinigung schien es für einige Zeit so, als könnte die Vorherrschaft in der Elbestadt nochmal kippen, der Dresdner SC spielte dritte Liga und dort sogar um den Aufstieg mit. Doch dann übernahmen sich die Rot-Schwarzen finanziell, 2005 folgte die Insolvenz, die große Elbflut, die Dresden 2013 unter Wasser setze, gaben dem DSC den Rest. Heute steht der Verein kurz vor dem Abstieg in die Kreisklasse.

"Die Flut hat damals einen Großteil unseres Trainingsgeländes schwer beschädigt, wir haben seither kein eigenes Vereinsheim mehr und wurden sportlich durchgereicht, es gab lange kaum Leute, die sich engagiert haben", so fasst Wehse das Schicksal des Vereins Anno 2018 zusammen. Bekannt ist der Verein heute vor allem aufgrund seines erfolgreichen Volleyball-Teams in der Frauen-Bundesliga.

Ganz aufgegeben hat jedoch auch die Fußballabteilung noch nicht. Ein Ausbildungsverein mit guter Nachwuchsarbeit wolle man werden, mit seiner intensiven Geschichte und einem charmanten, traditionsreichen Stadion habe der DSC "großes Potenzial", sagt Wehse. "Die Frage ist, was wir daraus machen."

(cbo)