Kolumne "Eckball": Danke, Poldi!

Kolumne "Eckball": Danke, Poldi!

Die Schöpfung der Welt? Die Erfindung des Buchdrucks und des Automobils? Die Mondlandung? Der Mauerfall? Pah! All das wird überstrahlt von dem historischen Moment, der sich am Wochenende zutrug in der Fußballarena zu Köln.

Dort, in diesem Bauwerk des rot-weißen Frohsinns, in dem die Atmosphäre so wundervoll dicht ist und man auf den Rängen dem Getreten werden des Balles in hoher Phonzahl lauschen kann, da trug es sich zu, das Ereignis, das so viele Ereignisse, die zuvor als bedeutsam düngten, in den Schatten stellt: Lukas Podolski hat ein Tor geschossen!

Zwischen 1420 und 1424 Minuten (da differiert die statistische Geschichtsschreibung) musste der kölnische Prinz warten, bis der Ball, von seinem erlauchten Fuß auf den Weg gebracht, hinein flog ins Netz, ins Glück. Es war ein kleiner Tritt für Podolski, aber ein gigantischer für die Menschheit.

"Es war eine Erlösung", sprach Podolski nachher. Fast ist man geneigt zu sagen, dass in diesem Augenblick, da die Kunde vom erlösenden Einschuss die Welt umkreiste, diese inne hielt, staunend, freudig erregt und sooo froh für Poldi, den Liebling der Massen, dieses arme Menschenkind, das alle Hoffnung des Fußballvereins namens Effzee auf seinen Schultern trägt.

Selbst der Gegner, der nicht eben von Poldis Tor profitierte, der FC Bayern, sonst nur aufs Siegen geeicht, fühlte sich wohl bei dem Gedanken, dem Glücklichen sein Glück ermöglicht zu haben. "Ich finde es geil, dass er getroffen hat", sagte Bastian Scheinsteiger. Er und Poldi waren das Duo Infernale bei der Weltmeisterschaft von 2006.

Deutschland, ein Sommermärchen, das war die große Geschichte, und Poldi und Schweini, die waren zwei Hauptdarsteller. Was dann auch für die Verfilmung des Turniers galt, die Sönke Wortmann inszenierte. Poldi und Schweini philosophierend auf dem Bett des Hotelzimmers, das stellt das göttliche Wortduell, das sich Robert de Niros und Al Pacino in in dem Thriller "Heat" liefern, aber so was von in den Schatten.

Vier Jahre ist das Sommermärchen her, nun ist wieder ein WM-Jahr. Und der Poldi trifft. Ja, der Poldi trifft! Und auch der Schweini, der das andere Tor machte beim 1:1 des Effzee Kölle gegen den deutschen Meister in Spe, den FC Bayern. Leverkusen geht, wie immer, die Puste aus, und wenn die Konkurrenz auch die Patzer des Rekordmeisters nicht mehr nutzen kann (trotz aller Genialität von Poldi können seine Kollegen, die das Kölner Team auffüllen in der Gesamtheit nicht die Qualität der Bayern aufwiegen und sind daher Außenseiter in solchen Spielen, weswegen ein 1:1 für die Münchener ein Patzer ist), dann ist alles entschieden. Einzig das aufreizend effektive Schalke mit dem magischen Meistermacher Magath wird wohl noch mithalten können mit den Bayern.

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Doch wen interessiert die Meisterfrage! Sie ist in den Schatten gerückt, angesichts der Schwemme von guten Nachrichten dieses Wochenendes. Poldis Tor, das ist eine nationale Angelegenheit. Nicht weil alle Menschen Fans des 1. FC Köln sind, Gott bewahre! Nein, Poldi ist im Sommer ein "Wir-Fußballer". Wir spielen bei der WM und Wir wollen Weltmeister werden. Und Poldi soll die Tore machen. So wie gegen die Bayern, aber ganz, ganz viele! "Hoffentlich startet Lukas jetzt eine Serie", sagte Kölns Trainer Svonimir Soldo und meinte damit natürlich nicht nur den Job Podolskis beim Karnevalsverein, sondern auch den nationalen Auftrag seiner Nummer 10.

Doch Poldis Auferstehung wurde flankiert von einer anderen, nicht weniger wichtigen Botschaft aus Stuttgart. Es war ein Satz im Konjunktiv, ein unbestimmter, doch einer der Hoffnung machen muss, dass vielleicht doch noch etwas geht. Jens Lehmann, bei der WM 2006 der Held des Elfmeterschießens gegen Argentinien, sinnierte nach dem 2:2 des VfB Stuttgart in Bremen, möglicherweise zurückzutreten vom angekündigten Rücktritt. "Man weiß ja nie ganz genau", sagte Lehmann. Ein Satz, der, so Lehmann tatsächlich tut, was er andeutet, die frohe Botschaft für die WM sein könnte.

Denn während sich Lehmann gegen Argentinien, als er uns ins Halbfinale hielt, unsterblich machte, machte René Adler, der unsere Nummer eins sein soll bei der WM im Sommer in Südafrika, nun gegen die Gauchos den Flattermann. Der Leverkusener Ballfänger ist ein Guter, da gibt es keinen Zweifel. Aber kann er uns zum WM-Sieg halten? Dazu braucht es nicht nur Qualität, sondern es bedarf auch des nötigen Wahnsinns. Den hat Lehmann. Dazu Routine und WM- und EM-Erfahrung! Jogi Löw muss nachdenken, er muss, er muss!

Lehmann in der Kiste und der erlöste Poldi vorn — dann würde ein dicklicher, Zigarre rauchender Fußballgott, Maradona geheißen, nicht mehr über uns sagen, wir sind kein WM-Favorit. Und überhaupt: Gab es jemals ein deutsches Nationalteam, dass sich um die Resultate irgendwelcher Freundschaftsspiele geschert hat? Ach, wiegt Euch nur in Sicherheit, ihr Konkurrenten, es ist eine trügerische!

Doch die Eruption, die Podolskis magischer Moment ausgelöst hat, wird den Fußballmenschen überall auf dem Globus klar gemacht haben: Erstens: Deutschland wird Weltmeister. Und zweitens: Nun müssen die Geschichtsbücher neu geschrieben werden: die Welt wurde erschaffen, um Podolskis Tor überhaupt möglich zu machen; der Buchdruck wurde erfunden, um von Podolskis Tor in großen Lettern zu künden und das Automobil, um ihm hupend zu huldigen; die Mondlandung und der Mauerfall gab es, damit des Prinzen Glück grenzenlos sein kann! Die Welt nach dem Poldi-Tor ist eine schöne und neue und gute, eine voller Hoffnung!

Danke, Poldi!

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