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Corona-Krise: Die Politik gewährt dem Fußball eine Sonderrolle

Kolumne „Anstoß“ : Die Politik gewährt dem Fußball eine Sonderrolle

Fußballprofis dürfen mit Genehmigung der Regierung ihren Beruf ausüben, Wirte und Frisöre dürfen das nicht. Die Politik hält den Fußball für systemrelevant. Gerecht ist das natürlich nicht.

Manchmal lohnt es sich, ein bisschen genauer ins Kleingedruckte hineinzuhören. Beispielsweise, wenn ein Politiker es laut vorträgt. So hat der Dortmunder Ordnungsdezernent Norbert Dahmen eine Anweisung des Gesundheitsministeriums wiederholt. Es habe „klargestellt“, sagte Dahmen, „dass Profisportler einen Beruf haben und in der Berufsausübung nicht beschränkt werden dürfen“. Das ist mal ein Satz. Dahmen wollte damit erklären, warum die Fußballer von Borussia Dortmund in einem der Corona-Krise angepassten Sicherheitsrahmen wieder auf ihrem Trainingsgelände üben dürfen.

Was, so fragen sich wahrscheinlich nun viele, ist denn mit Frisören, Gastwirten, Restaurantbetreibern, Tätowierern und Masseuren? Die haben sicher auch einen Beruf, aber sie dürfen offenkundig in der Berufsausübung beschränkt werden. Genauer: Sie dürfen gerade nicht oder nur sehr eingeschränkt (Restaurantbetreiber) ihrem Beruf nachgehen. Und wie verträgt sich das mit dem Gleichheitsgrundsatz oder mit Artikel 12 des Grundgesetzes, der die Freiheit der Berufsausübung regelt? Es verträgt sich nicht.

Das Grundgesetz lässt zwar die Möglichkeit zu, die Berufsausübung gesetzlich zu regeln, was ja gerade in den Zivilberufen von Gastwirten und Frisören geschieht, es hat allerdings keine Ausnahmen für den Profisport vorgesehen.

Vielleicht liegt es daran, dass die vielzitierten Mütter und Väter des Grundgesetzes in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg noch nichts vom Profisport wissen konnten. Und es ist eine durchaus offene Frage, ob sie den Berufssport für so wichtig gehalten hätten, dass sie ihm eine Sonderrolle eingeräumt hätten. Dafür gibt es heute zum Glück Gesundheitsministerien.

Die Ansicht, „dass Profisportler in der Berufsausübung nicht beschränkt werden dürfen“ (man muss das nur oft genug schreiben, um die Tragweite zu verstehen), hat natürlich mit der Anerkennung der gesellschaftlichen Bedeutung vor allem des Profifußballs zu tun, denn die Ausnahmeregelung von Corona-Berufsverboten zielt auf jeden Fall nicht nur aufs Training, sondern vor allem auf die baldige Rückkehr in den Spielbetrieb. Tatsächlich ist es ja nicht nur so, dass zigtausend Arbeitsplätze mit diesem Teil der Unterhaltungsindustrie direkt und indirekt zusammenhängen. Es ist auch wahr, dass die Show im Fußballstadion, in den Basketball-, Handball-, Eishockeyhallen oder auf den Laufbahnen für einen großen Teil der Bevölkerung ein wesentlicher Lebensinhalt ist – als Ablenkung vom Alltag, als Projektionsfläche eigener Erfolgswünsche, als Gelegenheit, all das für ein paar Stunden zu vergessen, was sonst so wichtig, traurig, furchtbar sein könnte. Und in dieser Hinsicht scheint der Profisport wirklich einen gesellschaftlichen Auftrag zu haben, zumindest richtet er sich in dieser Rolle ein. Dass sich ganz besonders im Fußball ein Geschäft entwickelt hat, das sehr unabhängig vom gesellschaftlichen Auftrag allein auf Gewinnmaximierung ausgelegt ist, steht auf einem anderen Blatt.

Die herausgehobene Stellung des Profisports (immer mit dem Fußball ganz vorn) hat ihren Grund in der Bedeutung des Sports fürs Publikum. Wer will, der kann ruhig 2000 Jahre zurück ins antike Rom schauen. Auch da wussten die führenden Kräfte um die Bedeutung von „Brot und Spielen“, von Absicherung durch Lebensmittel und (sportliche) Unterhaltung, auch wenn die sportliche Unterhaltung dort überaus blutig war. Dafür haben wir heute Fernsehen.

Deshalb ist die Klarstellung des Gesundheitsministeriums nur konsequent. Profisport ist systemrelevant, wie es in diesen Tagen heißt. Dass Frisöre nicht ganz unwichtig sind, belegt von Tag zu Tag mehr ein Blick in den Spiegel. Und dass sie (ganz anders als Profisportler in ihrer Hängematte aus besten Einkünften) ums wirtschaftliche Überleben bangen müssen, steht ebenfalls auf einem anderen Blatt. Jedenfalls für die, die über Systemrelevanz entscheiden.