Sieg des FC Liverpool gegen FC Barcelona und andere Fußball-Wunder

Champions-League-Wahnsinn : Wunder gibt es immer wieder

Der FC Liverpool hat nicht einfach nur den FC Barcelona bezwungen. Es war ein Lehrstück über die Liebe zum Spiel. Eine Begegnung, die in der Reihe großer Fußball-Wunder steht.

Es ist in diesen Tagen schon oft der Abgesang auf den Fußball angestimmt worden. Zu viel Kommerz. Zu viel Tamtam. Zu viel Durcheinander bei den Schiedsrichtern. Und dann kommt das Halbfinale in der Champions League, Rückspiel zwischen dem FC Liverpool und dem FC Barcelona. Die erste Begegnung hatten die Katalanen 3:0 für sich entschieden – für viele schon der sichere Finaleinzug. Doch an der Anfield Road wurde aus einem gewöhnlichen Spiel ein magisches.

Nicht nur, weil am Ende ein 4:0 für die Hausherren stand. Weil die Arbeitskräfte von Liverpool mehr als einen Sieg errungen haben. Sie haben mit Leidenschaft, Teamgeist, unbedingtem Willen und einer gehörigen Portion List den Konkurrenten auf beispiellose Weise deklassiert. Es war ein Triumph für den FC Liverpool, es war aber auch vor allem ein Sieg für den Fußball, der einmal mehr die Macht seiner Emotionen demonstrieren konnte. Teilweise wurde Barcelona sogar düpiert. „Wir sahen wie Schuljungen aus“, klagte Barças Luis Suarez mit Blick auf Divock Origis 4:0. Bei einem Eckball schien Trent Alexander-Arnold vom Ball wegzugehen und einem seiner Mitspieler den Vorzug zu lassen, drehte dann aber um und führte blitzschnell aus – zu schnell für die überraschte Gästeabwehr, aber nicht für Origi, der sieben Barça-Spieler überrumpelte.

Jürgen Klopp. Der Deutsche ist der Architekt des Erfolgs. Er hat, wie einst bei Borussia Dortmund, auch mit der Kunst seiner Motivation eine Mannschaft auf eine andere Ebene geführt. Sogar Klopps einstiger Trainer-Rivale José Mourinho ließ sich zu einem XXL-Lob hinreißen: „Für mich hat diese Aufholjagd einen Namen: Jürgen.“ Der größte Erfolg in Klopps Trainerkarriere scheint so nah wie nie zuvor. Im Champions-League-Finale 2013 (1:2 gegen den FC Bayern München) und 2018 (1:3 gegen Real Madrid) ging Klopp mit dem BVB und den Reds leer aus. Am 1. Juni in Madrid gibt es eine weitere Gelegenheit gegen Tottenham.

Liverpool hat sein besonderes Erlebnis gegen Barcelona gehabt. Es ist nicht das erste „Wunder“ in der Fußballbranche. Drei Beispiele.

Wunder von Bern. Mindestens die Geburtsstunde des deutschen Fußballs, viele sehen in dem legendären 3:2-Sieg im Endspiel der Weltmeisterschaft von 1954 in Bern die „wahre Geburtsstunde der Bundesrepublik“. Die DFB-Auswahl galt als unterlegen gegen die überragenden Ungarn. Doch Sepp Herberger hatte eine Mannschaft geformt, die den Mythos von „elf Freunden“ auf dem Platz begründet hat.

Irre Aufholjagd in Krefeld. Uerdingen hatte das Hinspiel in Dresden bereits mit 0:2 verloren. Zur Halbzeit stand es 3:1 für Dynamo. Nach den zweiten 45 Minuten hieß es völlig sensationell 7:3 für Uerdingen. Die Krefelder schieden im Halbfinale des Europapokal der Pokalsieger gegen Atletico Madrid aus. Und auch das Wunder hatte keine Langzeitwirkung – der Verein spielt mittlerweile nur noch in der Dritten Liga.

69-Sekunden-BVB-Wahnsinn. Die Nachspielzeit wurde selten so effizient genutzt. Borussia Dortmund war nach dem 0:0 im Hinspiel gegen Malaga schon aus dem Wettbewerb. Im Rückspiel führten die Spanier 2:1 – doch dann kamen die Extraminuten, und die hatten es in sich. Marco Reus und Felipe Santana trafen für die Westfalen. Bei denen stand ein gewisser Jürgen Klopp an der Seitenlinie und gab zu Protokoll: „Wir waren alle kurz vorm Herzinfarkt.“

Es ließen sich noch unzählige Beispiele finden für große und kleine Wunder, und vermutlich noch mehr, wo sie ausgeblieben sind. Wenn das schnöde Ergebnis alle Träumereien und Hoffnungen beendet hat. Fußball ist von Kraft und Kondition geprägt, wird aber zu einem ganz besonderen Sport in den Momenten der großen Emotionen. Wenn es um Freude und Leid geht. Um Sieg und Niederlage. Das ist auf der großen Fußballbühne ganz genau so wie auf jedem Kreisligaplatz.

In Deutschland wird das Finale der Champions League übrigens nur im Pay-TV gezeigt. ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann hat der „Bild“ bestätigt, dass man sich beim öffentlich-rechtlichen Sender vergeblich um eine Lösung bemüht hatte: „Wir hätten es gerne gemacht, wir sind aber an dem Nein von DAZN gescheitert.“ In Deutschland übertragen die Bezahlsender Sky und DAZN. Zu einer Free-TV-Übertragung wären die kostenpflichtigen Rechteinhaber nur gezwungen gewesen, wenn eine deutsche Mannschaft das Endspiel erreicht hätte.

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