Bayern-Gegner Lille: Die "Doggen" mit neuem Gebiss

Bayern-Gegner Lille : Die "Doggen" mit neuem Gebiss

Der OSC Lille ist in den vergangenen zwei Jahren zur Topmannschaft in Frankreich avanciert. Das weckt Ansprüche, aber auch Begierde. Die Stadt und der Verein sind im Baufieber: Von Stadionneubau über Talentbau und dem Baumeister Rudi Garcia.

"Nachts ist sie schöner, da leuchtet sie", sagen die Fans in Lille. Auf dem großen Platz steht ein riesiges Oval. Es sieht aus wie eine Space-Station oder ein riesiger Vogelkäfig — neudeutsch: Multifunktionsarena.

Im Südosten von Lille steht der ganze Stolz von "les Dogues" — den Doggen, wie der OSC Lille in Frankreich genannt wird. Die langersehnte Spielstätte, das "Grand Stade Lille Metropole", wo der FC Bayern am Dienstag (20.45 Uhr/Live-Ticker) im dritten Champions-League-Gruppenspiel gastiert. Die Arena, die 50.186 Zuschauer fasst, wurde erst Mitte August eröffnet und soll als Austragungsort für die Europameisterschaft 2016 dienen. Sie ersetzt das alte und viel zu kleine Stade Lille Metropole, welches seit 2004 das ungeliebte Exil-Stadion war und in der kleineren Nachbarstadt Villeneuve d'Ascq liegt.

Vom Wiederaufstieg bis zur Meisterschaft

Ein neues Stadion war bitter nötig — auch aufgrund der sportlichen Entwicklung. In den vergangenen Jahren konnte sich der Olympique Sport Club Lille Metropole, so der offizielle Vereinsname, wieder als französische Topmannschaft etablieren und an die glorreichen 50er Jahre — in denen sie zwei Pokalseige und einen Meistertitel holten — anknüpfen. Nach dem Wiederaufstieg in die Ligue 1 im Jahr 2000 spielte sich LOSC später von der Uefa-Cup-Qualifikation bis zur Vizemeisterschaft hinter dem ehemaligen Serienmeister Olympique Lyon und damit in die Champions League. Vor anderthalb Jahren konnten sie dann mit dem französischen Pokal und der Meisterschaft die ersten Titel seit 56 Jahren einfahren. Auch in der vergangenen Saison trotzten sie allen Befürchtungen, nur eine Überraschungsmannschaft zu sein und wurden Dritter. Über den FC Kopenhagen qualifizierte sich Lille dann für die Champions League.

Dies war alles nur möglich, weil der Verein in der jüngsten Vergangenheit hervorragend geführt wurde. In der nordfranzösischen Metropole müssen sie mit weniger Geld auskommen, anders als der neureiche Hauptstadtklub Paris St. Germain, der Spieler wie Zlazan Ibrahimovic und Thiago Silva problemlos zu sich lotsen und bezahlen kann. Dennoch konnten sie in den letzten Jahren auftrumpfen. Vor allem die gute Jugendarbeit und die aufmerksame Transferpolitik ermöglichten diese Entwicklung. Auch Bayern-Star Franck Ribery — der auch aus dem Norden Frankreichs stammt — wurde in Lille zwischen 1995 und 1999 in den Jugendmannschaften ausgebildet.

Ohne Hazard, mit neuer Mannschaft

Das größte Talent der letzten Jahre, dass die Talentschmiede von "les Dogues" hervorbrachte, ist zweifellos Eden Hazard. Der belgische Nationalspieler war Dreh- und Angelpunkt und maßgeblich an den zurückliegenden Erfolgen der Mannschaft beteiligt. Seit seinem Wechsel im Sommer zum FC Chelsea wird er schmerzhaft vermisst. Doch nicht nur Hazards Abgang in dieser Sommerpause macht Trainer Rudi Garcia zu schaffen. LOSC musste immer wieder seine besten Akteure ziehen lassen. Gervinho, Moussa Sow, Yohan Cabaye und Adil Rami gingen nach der Meisterschaft 2011 alle ins Ausland. Garcia musste Jahr für Jahr eine neue Mannschaft formen. Es ist schwer für den Verein die Spieler zu halten — dafür ist kein Geld da. Die Nordfranzosen durften sich zwar über satte Ablösen freuen und versuchten die Abgänge auch mit namhaften Spielern zu ersetzen, aber die Abgänge sind kaum zu kompensieren. In diesem Jahr waren die prominenten Zugänge Ex-Chelsea-Star Salomon Kalou und Hazard-Ersatz Marvin Martin. Baumeister Garcia war gezwungen in den vergangenen zwei Jahren mit insgesamt über vierzig Zu- und Abgängen zu arbeiten.

In dieser Saison noch mit mittelmäßigem Erfolg. Nach dem Last-Minute-Unentschieden am Wochenende gegen Girondins Bordeaux und gerade mal einem Sieg aus den jüngsten acht Ligaspielen belegt Lille den elften Platz in der Ligue 1. In der Bayern-Gruppe F in der Champions League sind sie nach den Niederlagen gegen Borissow (1:3) und in Valencia (0:2) mit null Punkten auf dem letzten Platz und stehen gegen die Bayern schon unter Zugzwang. Zudem gibt es Personalsorgen: Riberys Nationalmannschaftskollege und eigentlicher Gegenspieler Mathieu Debuchy ist gesperrt und Innenverteidiger Marko Base ist ebenso wie Kapitän Rio Mavuba verletzt.

Die Ausgangsposition spricht also klar für die Bayern. Doch darf man "les Dogues" nicht unterschätzen — vor allem vor heimischem Publikum im neuen Stadion. Die Atmosphäre im neuen Stadion muss sich noch entwickeln, weil die Mehrheit der Menschen eher Zuschauer als Unterstützer ist. Aber ein Tor gegen Bayern in der Champions League könnte alles ändern.

Hier geht es zur Bilderstrecke: CL 12/13: die Torjäger

(seeg)
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