Champions League: Zwischen Hass und Liebe

Hassliebe zur Champions League : Leider geil

Vier Halbfinalspiele in der Champions League haben ausgereicht, um auch kritische Geister für einen Moment mit dem Fußball zu versöhnen. Doch diese Glanzlichter sind gleichzeitig eine perfekte Vorlage für die europäischen Spitzenklubs, um das Spiel für immer zu verändern.

Langsam sollten auch die Letzten wieder nüchtern sein. Ist ja keine Schande. Diese zwei Champions-League-Nächte Anfang Mai dürften alles, was Puls hat, mittelschwer beduselt haben. Die Hauptdarsteller aus Liverpool und Barcelona, Tottenham und Amsterdam haben in vier Halbfinalspielen ein Monument für Bildgewalt und Überwältigungskraft des Fußballs errichtet. Nur, um das ganze Gebilde mit einem Taschenspielertrick einstürzen zu lassen. So versessen die Systemtrainer dieser Welt darauf sind, dem Zufall den Garaus zu machen, von jenen heißen Nächten in Liverpool und Amsterdam wird übrig bleiben, dass der Wahnsinn, die blanke Anarchie sich in jedem Moment und auf jeder Ebene des Fußballs habhaft machen können. Das vielleicht größte Versprechen, das der Fußball geben kann, diese Spiele haben sein Gelöbnis nachdrücklich erneuert. Für einen Moment waren selbst gnadenlose Kritiker wieder versöhnt mit ihrer Sportart, die sie zunehmend befremdet, allein durch die unwiderstehliche Sogkraft des Spiels. Der Fußball – ein Rausch.

So unkalkulierbar diese wilden Aufholjagden von Tottenham und Liverpool auch waren, sie hätten nicht trefflicher im Sinne der Erfinder sein können. Ein perfekter Werbeclip für eine grundlegende Reform der Königsklasse. Wer als Hochglanzprodukt verkaufen möchte, was im Grundsatz noch immer nicht mehr als simples Gekicke ist, sollte eben nicht nur Mainz gegen Freiburg im Angebot haben. Die krawalligen Werbespots von Sky und Co. versprechen vielmehr eben jenes Flimmern, das Kicker vom Behau eines Lionel Messi oder Mo Salah in ihren besten Momenten auf den Rasen zaubern. Hochgeschwindigkeit und Spitzentechnik, "Ohs" und "Ahs" und überhaupt. Daran, wie Helden erschaffen und in der Woche drauf schon wieder die Axt an ihr Denkmal gesetzt wird. An Unschaffbares, das plötzlich klappt, an eine Batterie von ganz legalem Feuerwerk, an Fußball als Explosionssportart. Einmal mehr wurde der Weltöffentlichkeit von einer Handvoll an Ausnahmespielern und einigen groß aufspielenden Statisten vor Augen geführt, dass die Uefa mit der Champions League ein konkurrenzloses Premiumprodukt geschaffen hat. Reinerer Stoff ist nirgends zu bekommen. Die Ware, die der heimische Herzensklub in Umlauf bringt, schmeckt plötzlich nur noch wie Verschnitt, Bundesliga-Fußball verflacht zur biederen Zeitlupenveranstaltung.

Das Spätwerk dieser Champions-League-Saison taugt so gesehen durchaus als Plädoyer für eine Superliga, die schon längst in Mache ist. Vertreter der europäischen Klubvereinigung ECA verhandeln bloß noch über Details. Dass sich der innere Zirkel der Spitzenteams noch stärker abschotten wird, ist unstrittig. Die deutschen Vertreter, die in den exklusiven Verhandlungsrunden mit am Tisch sitzen, verleugnen das inzwischen nicht mehr. Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke verfiel unlängst schon in brachiale Friss-oder-stirb-Rhetorik. Die Reform der Champions League komme so oder so. Es sei nun an der Bundesliga, ihre Interessen einzubringen und das neue Fußball-Europa so verträglich wie möglich zu gestalten. Sollte man grundsätzliche Bedenken hegen, bliebe nur die Blockade. „Dann muss man die ganz harte Entscheidung treffen, wir machen da nicht mit. Der deutsche Fußball ist aber dann tot.“ Anders formuliert: Watzke ist dagegen.

Die Zwangslogik der unbedingten Zuspitzung auf einen kaum veränderlichen Kreis der größten Klubs, die dann auch zuverlässig jedes Jahr aufeinandertreffen, würde die nationalen Wettbewerbe jedoch wohl nach und nach zur Vorband degradieren. Dass Sportveranstaltungen an Attraktivität gewinnen, wenn auf der Eintrittskarte Namen wie Real Madrid, FC Liverpool, FC Barcelona oder Juventus Turin auftauchen, ist ja durchaus naheliegend. Gleichwohl hat diese Saison gelehrt, dass gerade in der Zufallssportart Fußball die Unwägbarkeiten essenziell sind. Wenn der Fußball an der Nahtstelle zwischen Weltklubs und dem Rest der Welt nun eine Mauer hochzieht, verrät er damit seine vielleicht wichtigste Erzählung: Dass auch ein Drittligist allein durch ausreichend Fleiß, Beharrlichkeit und ein Füllhorn voller Wunder irgendwann ein Pflichtspiel gegen Real Madrid erreichen – oder zumindest Ajax Amsterdam die Königlichen aus dem Wettbewerb befördern kann. Theoretisch verhindert das auch der neue Modus nicht. Sich tatsächlich mit den Besten der Welt zu messen, würde aber praktisch selbst für die Gladbachs, Schalkes und Frankfurts dieser Welt nahezu unmöglich.

In drei Ligen, so viel ist bekannt, soll künftig um Europas Krone gespielt werden. Eine Eintrittskarte für die erste Liga soll aber nicht mehr vornehmlich in der heimischen Liga vergeben werden. Vor allem Rang und Name entscheiden in diesem Modell über Startplätze. Den etablierten Protagonisten des europäischen Spitzenfußballs würden Ausrutscher leichter verziehen, 24 von 32 Spitzenklubs hätten ihre Plätze in der neuen Champions League sicher – unabhängig vom Abschneiden in der heimischen Liga. Diese generalüberholte Champions League will sich natürlich nicht als Konkurrenzprodukt zu La Liga und Premier League verstehen. Gleichwohl verheißen die Gedankenspiele der ohnehin zusehends mittelprächtigen Bundesliga einen weiteren Prestigeverlust. Hier wird das ziemlich unverhohlene Kalkül der ECA erkennbar, das Kerngeschäft des Fußballs vom nationalen aufs internationale Geschäft zu verlagern. Dabei birgt dieser Schritt genau das Risiko, das die Vermarkter sonst so beflissentlich zu eliminieren versuchen.

Seit jeher ist die Champions League schließlich kein ausgewiesener Hort der Fankultur. Gewachsene Rivalitäten, günstige Tickets, kurze Anfahrtswege – Fehlanzeige, Fehlanzeige, Fehlanzeige. Welches Interesse genau die Anhänger nun haben sollten, noch weitere Auswärtsspiele in London, Madrid und Paris auf sich zu nehmen, verschweigen die Reformer. Womöglich wird man sich einst erzählen, dass dies der Geburtsfehler der neuen Superliga war. Der Fußball lässt sich schließlich nur so lange verkaufen, wie auch es Käufer gibt. Sponsoren wollen gesehen, Produkte konsumiert werden. Die Uefa muss sich der Gefahr bewusst sein, den Fan an dieser Stelle tatsächlich zu verlieren. Dass oftmals künstlich aufgepumpte Starensembles aus Manchester oder Paris der Bundesliga in der Fangunst den Rang ablaufen können, bezweifelt auch Uli Hoeneß. Der Bayern-Präsident verneinte bereits vehement einen möglichen Ausstieg der Bayern aus der Bundesliga. Dass dieser überhaupt zur Debatte stand, zeichnet aber ein eindrückliches Bild davon, wie die Neuordnung der Ligen gestaltet wird.

Vielleicht sollte man sich deshalb einfach ganz unbedarft und mit kindlicher Vorfreude dem Endspiel hingeben und sich an das vergangene Finale erinnern, das uns in Person von Sergio Ramos, Mo Salah und Loris Karius Gesprächsstoff für Monate lieferte. Oder an Manchester Uniteds Last-Minute-Irrwitz gegen den FC Bayern. Oder deren “Finale dahoam”. Oder Arjen Robbens Tor gegen Dortmund in Wembley. Oder an Liverpools Aufholjagd gegen Mailand. Wer sich dem Spektakel mit nüchternem Verstand nähert, wird ausreichend viele Gründe finden, gar nicht erst einzuschalten. Aber auch für die, die sich dem Taumel hingeben, wartet nach dem Rausch die schale Ahnung: Wir leben in den guten, alten Zeiten von morgen.

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