Champions League Finale 2019: FC Liverpool Trainer Jürgen Klopp wird von den Fans verehrt

Ortsbesuch in der Arbeiterstadt : Wie „the normal one“ Jürgen Klopp in Liverpool zur Legende wurde

Jürgen Klopp könnte am Samstagabend seinen ersten Titel mit dem FC Liverpool holen, doch schon jetzt lieben ihn die Anhänger der Reds. Wie hat der Deutsche, der vor vier Jahren als „the normal one“ antrat, das geschafft?

Die riesige Bronzestatue von Trainer-Legende Bill Shankly glänzt im Schein der Mai-Sonne vor dem Anfield-Stadion. Die Inschrift auf dem Sockel: „Er machte die Menschen glücklich.“ Die Statue zeugt vom Glanz früherer Tage beim Liverpool FC. Shankly ist für viele Fans auch nach 45 Jahren noch „der Boss“, „ein Gott“, „der Beste, den Liverpool je hatte“ – bis jetzt. Nach dem Champions-League-Finale am Samstag gegen Tottenham (21 Uhr bei DAZN) soll eine neue Statue vor „The Kop“, der Tribüne der Treuesten der Treuen bei Liverpool, hinzukommen – geht es nach den Fans. Die von Jürgen Klopp.

Legendär ist Klopp in Liverpool ohnehin schon. Aber wie hat der Deutsche das in dreieinhalb Jahren geschafft? Mit seinem markanten Lachen überstrahlt er alles und jeden, glaubt man den Fans. „Aber er braucht einen Titel, um endgültig in die Geschichte des Klubs einzugehen, um eine echte Legende zu werden“, sagt Paul. Woche für Woche steht er im „The Arkles“ hinter der Theke, während die Reds einige hundert Meter entfernt um Liga-Punkte kämpfen. Vor der Theke drängen sich dann die LFC-Fans, die keine Karte haben. „Um den großartigen Fußball zu sehen, den Klopp spielen lässt“, sagt Paul. Ihrem Manager, wie die Engländer ihre Trainer nennen, können sie dabei mit einem Drink huldigen. Ein Foto des Deutschen steht hinter der Theke, in Din-A3-Größe, wie auf einem Altar. Davor stehen diverse Spirituosen.

„Er hat dem Verein, uns Fans, die Freude zurückgegeben“, sagt Malvin. Er sitzt an diesem Nachmittag im nahezu verlassenen Arkles und fachsimpelt bei einem Bier mit seinen Freunden über das große Finale. Dass Klopp dafür sorgen wird, dass sie es diesmal gewinnen? Für die Drei keine Frage. Auch wenn Tottenham ein starker Gegner sei, sagt Paul. Klopp wisse genau, wie er die Spieler motivieren muss. Dafür braucht es nach Barcelona keinen Beweis mehr, sagt Malvin. Liverpool hatte nach einem 0:3 im Hinspiel das Rückspiel noch 4:0 gewonnen.

„Jeder Reds liebt Klopp“, sagt Paul. „Endlich lachen die Spieler wieder, wenn sie über den Platz laufen. Klopps Lachen steckt an – auch uns Fans.“ Er habe einfach einen großartigen Charakter. „Er spricht aus, was er denkt, ist uneitel und legt keinen Wert auf sein Ego. Er ist eben ein Mann der Arbeiterklasse.“ Paul und Malvin geraten ins Schwärmen. Wie Teenager bei ihrem großen Idol.

Klopp ist seinen Job in Liverpool mit nicht weniger angetreten als der Ansage, er werde aus Zweiflern Gläubige machen und mit dem LFC einen Titel holen. Geglaubt haben das im Oktober 2015 längst nicht alle Reds, erinnert sich Liam. Auch er ist an diesem Nachmittag ins Arkles gekommen. Die Hoffnungen und Erwartungen waren groß. Aber: „Als Klopp neu war, konnte man ja noch nicht wissen, ob das, was er in Dortmund geschafft hatte, auch in Liverpool funktionieren würde“, sagt Liam. In der ersten Saison unter Klopp wurde die Mannschaft in der Meisterschaft Achte. „Mit einem schon aus finanziellen Gründen völlig unterlegenem Kader“, sagt Liam. „Was Klopp dann gemacht hat, was für ein Team er kreiert hat und wie sie heute spielen, ist unfassbar.“

Läuft man wie Liam und sein Freund Kenny durch die engen Gassen rund um Anfield – mit den sorgfältig renovierten und nun liebevoll dekorierten kleinen Backsteinhäusern – vom Arkles Richtung Innenstadt, kommt man irgendwann am „The Old Barn“ an. Ein paar Meter weiter öffnet „Klopp’s Boot Room“ (Klopps Trainerkabine) an Spieltagen seine Türen. In dem Pub können Klopps Anhänger sogar in kleinen Hotelzimmern nächtigen.

So manche rote Backsteinwand bröckelt an diesen Straßenzügen. Soweit sei die Verschönerungs-Initiative der Stadt noch nicht gekommen, sagt Kenny. Anfield sei im Aufschwung. Genauso wie der LFC, seit Klopp da ist. Liam und Kenny sind Stammgäste im „The Old Barn“. Sie sind echte Scousers. So nennen sich die Liverpooler. Aufgewachsen sind sie im Schatten von Anfield. Vor und nach dem Spiel treffen sie sich mit ihren Freunden in ihrem Pub.

Liam und Kenny waren immer Gläubige, sagen sie. Klopp habe den Glauben an den Verein aber noch stärker gemacht. „Er ist ohne Frage der beste Trainer für Liverpool. Er ist der beste Trainer für jeden Verein“, sagt Kenny. Warum? Weil er ein fantastischer Motivator sei. „Er verlangt harte Arbeit, weiß aber auch, wann er mal den Arm um einen Spieler legen muss. Er hat Empathie und ist für die Spieler wie ein Freund oder Vater“, sagt Kenny. Selbst die Fans des Stadtrivalen FC Everton würden sich insgeheim Klopp als Trainer wünschen, sagt er und grinst.

Eine eigene Statue an Anfield hätte Klopp sich verdient. Da sind sich die Fans in den Pubs um das Stadion einig. Andere haben ihm längst ein Denkmal gesetzt. Im Künstler- und Unternehmer-Viertel Baltic Triangle hat Streetartkünstler Akse ein hauswandgroßes Porträt des Trainers gesprayt. An der Jordan Street, Ecke Jamaica Street können sich die Fans nun neben dem überlebensgroßen Klopp fotografieren, der seine Hand mit einer Geste der Verehrung aufs LFC-Logo seiner Trainingsjacke legt.

„Seitdem kommen lauter neue Leute ins Viertel“, sagt Jason. Er sprayt gerade ein neues Kunstwerk an den „Baltic Botanical Garden“ und interessiert sich eigentlich nicht für Fußball. Eine echte Rarität in der Stadt des LFC und des FC Everton, das weiß er. „Mit dem Klopp-Graffiti sollen wohl vor allem Touristen ins Viertel geholt werden. Das ist aus dem Nichts durch Straßenkünstler und kreative Unternehmer entstanden und wird nun mit Lofts immer moderner“, sagt Jason. Auch die eine oder andere LFC-Fahne hängt an den Fenstern der modernen Häuser.

Und gehört zum modernen Liverpool nicht auch eine neue Trainerlegende? Für Graham Agg ist Klopp längst eine. Graham ist ein echtes LFC-Urgestein unter den Fans. Im Stadion, seit er fünf Jahre alt ist. Dauerkarten-Besitzer seit 1989. Seit einigen Jahren pflegt der 53-Jährige die Fanfreundschaft zwischen Borussia Mönchengladbach und Liverpool, schreibt in deutschen Medien hin und wieder Kolumnen über den LFC.

Agg wird beim Finale in Madrid dabei sein. Im Gepäck eine etwa fünf Meter lange Deutschlandfahne, die er auf einem Parkplatz in seinem Wohnviertel etwas außerhalb der Liverpooler City stolz ausrollt. Die Aufschrift: „Danke Jurgen – LFC-Legende.“

Für Agg ist es egal, ob Klopp den Titel holt. „Er könnte in Italien oder Spanien mehr Geld verdienen, aber er ist zu uns gekommen und geblieben. Weil er gespürt hat, dass er hierher passt“, sagt Agg. Klopp sei mit seiner Leidenschaft der perfekte Trainer für Liverpool und der perfekte Botschafter für Deutschland: „Seit es Pressekonferenzen mit Klopp gibt, glaubt hier keiner mehr, dass die Deutschen keinen Humor haben.“

Klopp hat offenbar das Team und die Fans zu Gläubigen gemacht. Er ist genau wie Bill Shankly - den Vergleich mit dem Erfolgstrainer (1959 bis 1974) hört man immer wieder in Liverpool. Auch er habe Team und Fans wieder vereint. Die Mannschaft, nicht den einzelnen Star, in den Mittelpunkt gestellt. Mit Herz und Leidenschaft Fußball spielen lassen. Das alles sei auch Klopp, erklärt Agg.

Klopps berühmte Jubel-Faust hin zum Fanblock hat die Reds zu Klopp-Jüngern gemacht. „Er ist normal geblieben. Einer von uns“, sagt Arkles-Barmann Paul. Das Bild hat Klopp schon bei seiner Ankunft in Liverpool geprägt: „I’m the normal one (auf Deutsch: „Ich bin der normale Typ“), stellte er sich vor. So normal, dass man ihn auch mal eine Zigarette rauchend in der Stadt sehe, sagt Kenny.

In einer Sache ist Klopp dann aber doch nicht so normal wie die meisten Liverpooler – seien es Reds oder Evertonians. Klopp lebt, wie viele Spieler auch, in Formby. Einem Vorort von Liverpool, am Irischen Meer. Wo Vogelgezwitscher, Rasenmäher und Hufklappern zwischen Pinienbäumen und Villen erklingen statt der Lärm des Großstadtverkehrs und die Musik aus den Pubs. Wo hin und wieder ein Sportwagen auf eines der Anwesen abbiegt, man sonst aber nach Menschen suchen muss. Wo man aus der Haustür geht und nach ein paar Schritten am Strand ist. Wo die Menschen mit ihren Hunden durch die Dünen spazieren.

Klopp hat mal gesagt, Formby mit seinem Strand und Wald sei ein Paradies für seine Hündin. Es ist auch eins für Fußballer und ihre Trainer. „Als Klopp neu hier war, haben wir ihn regelmäßig hier getroffen. Jetzt habe ich ihn seit Jahren nicht mehr gesehen“, sagt einer der Ranger im National Trust. Formby hat auch den Vorteil, dass die Stars dort unbeobachtet, unauffällig leben können. Genau deshalb nehmen die Fans es ihrem Trainer nicht übel, dass er in der alten Villa wohnt, in der einst sein Vorgänger und davor Klub-Ikone Steven Gerrad lebten.

Eine Legende wird man eben, weil man die Herzen der Fans erobert, aber auch, weil sie zu einem aufschauen – weil man eben doch nicht ganz so normal ist. Sollte Klopp mit seiner Jubel-Faust irgendwann in Bronze verewigt vor Anfield stehen, dann könnte die Inschrift lauten: „The „special“ normal one – er machte sie zu Gläubigen“.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Auf den Spuren von Jürgen Klopp in Liverpool

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