Analyse zur Champions League: Barca ist der große Favorit

Analyse zur Champions League: Barca ist der große Favorit

Düsseldorf (RPO). Der FC Barcelona hat sich warm gemacht für das Viertelfinale der Champions League. Der 4:0-Sieg gegen den hoffnungslos überforderten Bundesligisten VfB Stuttgart war nicht nur demütigend, er verbreitet in Europa die Gewissheit, dass der Gewinn der Königsklasse nur über die Katalanen geht.

DFB-Sportdirektor Matthias Sammer nahm die Darbietung seines Ex-Klubs persönlich. "Was der VfB macht, ist Kindergarten-Fußball. Ich bin stocksauer", sagte der Sky-Experte. Doch damit erwähnte der Rotschopf nicht einmal die halbe Wahrheit.

Die Leistung der Schwaben war an diesem Abend unerheblich. Barca spielt in dieser Form jeden europäischen Top-Klub an die Wand. Es bräuchte vermutlich nicht einmal die Zauberkünste eines Lionel Messi, denn das technisch brillante und taktisch perfekte Passpiel der Katalanen stellt gegnerische Defensivverbände vor unlösbare Aufgaben. Und es sieht kinderleicht aus, wie auf einer Schiefertafel gezeichnet, wenn Barcas zehn Feldspieler das Spielgerät von Position zu Position zirkulieren lassen, ehe der Abschluss Torgefahr bringt.

Gegen Stuttgart war es vor allem Messi, der angesichts seiner erstaunlich großen Freiheiten nicht zu bremsen war. Die Treffer zum 1:0 (13.) sowie zum 3:0 (60.) erzielte der alle überragende kleinwüchsige Argentinier selbst, das 2:0 durch Pedro Rodriguez (22.) leitete er zusammen mit dem starken Yaya Toure ein, den Schlusspunkt setzte der gerade eingewechselte Jungstar Bojan Krkic (89.). VfB-Schlussmann Jens Lehmann verhinderte in der Zwischenzeit ein angemesseneres Ergebnis im hohen einstelligen Bereich.

Kaum zu glauben, dass die übrigen sieben Teams im Viertelfinale der Königsklasse imstande sein werden, dem FC Barcelona den Titel streitig zu machen. Allenfalls auf der Insel lauert noch ein Riese. Manchester United braucht allerdings eine gute Tagesform, um ein Niveau zu erreichen, mit dem der große Wurf gelingt.

Bayern München oder Arsenal London dürfen sich hingegen schon mit dem Erreichen des Halbfinals als Gewinner fühlen. Dass Inter Mailand, Olympique Lyon, Girondins Bordeaux oder gar der ZSKA Moskau das Finale erreichen, erscheint unwahrscheinlich.

Die Chancen der verblieben Klubs:

  • FC Barcelona (Spanien): der große Favorit, die Übermannschaft.
  • Manchester United (England): der zweite große Favorit, inzwischen auch nach Verlassen der Insel mit voller Leistungsstärke
  • Arsenal London (England): Die Engländer standen 08/09 im Halbfinale, drei Jahre zuvor im Finale, der entscheidende Schritt fehlt.
  • Bayern München (Deutschland): Mehr als ein Außenseiter. Mit der Flügelzange Franck Ribery und Arjen Robben zu allem fähig
  • Inter Mailand (Italien): Chelsea auszuschalten, war durchaus eine Überraschung, aber Trainer Mourinho allein reicht vermutlich nicht für den ganz großen Wurf
  • Olympique Lyon (Frankreich): Außenseiter. Real geschlagen, aber in der Liga läuft es nicht gut (Rang fünf).
  • Girondins Bordeaux (Frankreich): Außenseiter. Haben die Bayern in der Vorrunde zweimal heftigst geärgert.
  • ZSKA Moskau (Russland): Außenseiter. Keinesfalls mehr.

Die Auslosung aus Nyon übertragen wir am Freitag ab 12 Uhr im Live-Ticker. Für die Bayern wären sicher Arsenal London oder Inter Mailand gern gesehen Gäste. Gegen ManU oder Barca ist die Wahrscheinlichkeit für das Ausscheiden zu groß, die Reise nach Moskau wäre zu weit und die französischen Kandidaten Olympique Lyon und nicht zuletzt Girondins Bordeaux gelten als äußerst unangenehm.

Der VfB hat das Abenteuer Champions League für mindestens anderthalb Jahre hinter sich. Letztlich muss man das Erreichen der Runde der letzten 16 als Erfolg werten, aber die Pleite am Mittwochabend gibt zu denken.

Für Lehmann war es das

Nach der großen Show des kleinen Messi wollte Lehmann lieber nichts sagen. Mit ernster Miene, eine Banane in der Hand und die iPod-Stöpsel im Ohr, verzog sich der Torhüter des VfB Stuttgart im Mannschaftsbus. "Das zeigt nur, dass er mehr von uns erwartet hat", versuchte Nationalspieler Cacau den wortlosen Abgang des Mitspielers zu erklären.

Was Lehmann nach dem demütigenden Desaster nicht mehr öffentlich kommentieren wollte, brachte vor allem Trainer Christian Gross auf den Punkt: "Es wurden uns schonungslos die Grenzen aufgezeigt."

Ein klein wenig hatte der VfB Stuttgart nach dem tatsächlich sehr respektablen 1:1 im Hinspiel drei Wochen zuvor davon geträumt, gegen die beste Mannschaft der Welt doch noch ins Viertelfinale der Champions League einziehen zu können. Doch die Sensation gegen den Klub-Weltmeister und Titelverteidiger lag nicht mal ansatzweise in der Luft.

"Diesmal hat sich der Klassenunterschied gezeigt", sagte Sportvorstand Horst Heldt. Doch das lag nicht zuletzt daran, dass der VfB wie von allen guten Geistern verlassen schien. "Kein Mut", "nur zugeschaut", "zu viel Respekt", stellte Heldt fest.

Kompakt und aggressiv wollte der derzeitige Tabellen-Neunte der Fußball-Bundesliga im Camp Nou antreten - und machte vor 5000 mitgereisten Anhängern unter den 88.435 Zuschauern dann genau das Gegenteil. Nachher wussten es alle besser.

"Vielleicht hätten wir ja ein Stück weit härter sein und auch mal einen umhauen müssen", sagte Abwehrspieler Stefano Celozzi. "Wir waren vorbereitet, aber wenn man nicht aggressiv spielt und nicht in die Zweikämpfe geht, nützt das nichts", erklärte Sami Khedira und bekannte ernüchtert: "Wir haben uns das Leben selbst schwer gemacht."

Kein Wunder, dass sich Lehmann nach seinem vermutlich letzten internationalen Spiel nicht äußern wollte. Sportvorstand Heldt war nach dieser Demütigung um Haltung bemüht. "Man darf jetzt nicht alles in Frage stellen", betonte er, "wir haben unsere Ziele in der Champions League erreicht."

Das mag in der Tat richtig sein, doch um die Zukunft des VfB Stuttgart ist es trotzdem nicht zum Besten bestellt. Die Schwaben wollten sich in Europa etablieren, nun müssen sie wohl erst mal ein Jahr aussetzen. Die Champions League ist praktisch nicht mehr zu erreichen, selbst von Rang sechs, der am Ende der Saison zur Teilnahme an der Europa League reichen könnte, trennen die Stuttgarter sieben Punkte.

Die Chance auf das Mitwirken in der zweiten europäische Liga will Trainer Gross so gut es geht nutzen, deshalb rief er das Spiel am Samstag gegen Hannover 96 sogleich zum Charaktertest aus. "Die Mannschaft muss jetzt ihren Stolz zeigen", sagte der Schweizer und betonte: "Ich werde selbstverständlich an die Ehre appellieren. Wir sind jetzt in der Pflicht." Die Spieler rafften sich pflichtgemäß zu ähnlichen Ankündigungen auf. "Wir müssen gewinnen, um vielleicht noch die internationalen Plätze zu erreichen", sagte etwa Cacau. Er gestand aber auch: "Wir müssen diese Niederlage erst mal verdauen.

Europa oder nicht - die Ungewissheit dürfte sich auch auf die anstehenden Vertragsverhandlungen auswirken, die Heldt führen muss. Etwa mit Cacau, oder mit Sami Khedira, der einen Vertrag bis 2011 besitzt, aber sicherlich auch im nächsten Jahr gerne international spielen möchte.

"Die Planungen laufen", sagte Heldt, "wir müssen sehen, wer kann und will uns im nächsten Jahr helfen, und mit wem wollen wir weiter zusammenarbeiten." Gemessen an der Leistung von Barcelona müsste er die ganze Mannschaft austauschen. Mit Ausnahme vielleicht von Lehmann.

(mit SID-Material)
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