Vorentscheidung in der Meisterschaft: Was Dortmund besser macht als Bayern

Vorentscheidung in der Meisterschaft: Was Dortmund besser macht als Bayern

Der Meister strebt der Titelverteidigung entgegen. Sieben Punkte Vorsprung auf den Tabellenzweiten München hat die Truppe von Trainer Klopp. Nicht nur die Zahlen sprechen für die Borussia. Sie ist dem Rekordmeister Bayern zurzeit in vielen Details voraus.

In vielen Bereichen bietet Borussia Dortmund zurzeit ganz große Leistungen. In Fußball-Serien (sieben Siege in Folge, 18 Spiele ohne Niederlage), im Zusammenspiel der Mannschaft, im Tempo der Aktionen, im verschwenderischen Umgang mit Torchancen beispielsweise. Aber auf dem Weg zur Perfektion befinden sich Spieler und Verantwortliche bei der Fähigkeit, das Wort von der Meisterschaft zu umdribbeln. Das haben sie in der zurückliegenden Saison geübt. "In der vorigen Saison habe ich das M-Wort erst bei elf Punkten Vorsprung freigegeben", sagt Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, "elf Punkte Vorsprung haben wir nicht." Und Abwehrchef Mats Hummels erklärt artig: "Bayern ist immer noch der Topfavorit." Glauben wird er das aber nicht. Denn nicht nur sieben Punkte Vorsprung auf München sprechen für den BVB und die Titelverteidigung.

Der Trend. Ältere Menschen werden sich erinnern: Acht Punkte lagen die Dortmunder mal zurück hinter den Münchnern. Das war in der Hinrunde, als der Titelverteidiger sich noch nicht so richtig mit dem Abgang seines zentralen Mittelfeldspielers Nuri Sahin angefreundet hatte. Drei Punkte waren es immerhin noch zur Winterpause, in der die Bayern "das beste Trainingslager aller Zeiten" (Trainer Jupp Heynckes) hinter sich brachten. Inzwischen hat der BVB den Rivalen einfach stehen lassen.

Der Trainer. Jürgen Klopp ist Dortmund. Er steht für den hemmungslosen Fußball des BVB, für den gelegentlichen Überschwang und das kämpferische Grundkonzept ("wir arbeiten in der Defensive, als wenn es kein Morgen gäbe"). Die Fans lieben ihn, die Geschäftsleitung würde seinen Vertrag gern bis zur Pensionsgrenze und womöglich darüber hinaus verlängern. Heynckes hat seinem Team im vergangenen Sommer den Spaß zurückgegeben. Dadurch stellten sich Erfolge ein. Weil sie inzwischen ausbleiben, ist Heynckes in der lebhaften Münchner Medienwelt in die Kritik geraten. "Damit", sagt er, "muss ich als Bayern-Trainer leben."

Das System. Beide Mannschaften kommen aus der gleichen Grundordnung (4-2-3-1). Die Dortmunder erfüllen das System allerdings mit mehr Leben, weil die offensive Dreierkette wesentlich variabler angreift als die der Bayern. Die Münchner leben zu sehr von der individuellen Qualität ihrer Außen Franck Ribéry und Arjen Robben, die an guten Tagen alles in Brand spielen, an schlechten einen Hang zur Unsichtbarkeit haben.

Die Harmonie. Bei Borussia Dortmund tanzt niemand aus der Reihe. Athleten mit starken persönlichen Ansprüchen werden rechtzeitig an den Teamgedanken erinnert. So gibt es für manche (Jakub Blaszczykowski, kürzer: Kuba) später die Gelegenheit, Proben ihres Können einer größeren Öffentlichkeit zu unterbreiten. So spielt "Kuba" zurzeit für den verletzten Mario Götze. Andere fügen sich ins anderswo triste Los des Ersatzspielers wie der Vorjahres-Rekordschütze Lucas Barrios. Manchmal glaubt man Hummels und Dauersprinter Kevin Großkreutz sogar, wenn sie versichern: "Wir sind Freunde."

Das Umfeld. Die Dortmunder Vereinsführung lässt die Mannschaft in Ruhe. Watzke hat für die Sanierung des Klubs gesorgt, und das will er ganz gern auch wissen. In München schauen, besonders in Krisenzeiten, alle auf Präsident Uli Hoeneß und dessen Erklärungen zur Lage des Vereins. Der Klub ist seine Herzensangelegenheit. Deshalb hängt er sich zu sehr rein.

Die Leidenschaft. Der jüngste Meister aller Zeiten lebt nicht nur vom fußballerischen Können, sondern auch von seiner Begeisterung. Vor allem die Heimspiele im ehemaligen Westfalenstadion sind ein Erlebnis, selbst für die Spieler. Die Münchner verfallen dagegen an schwächeren Tagen viel zu schnell in den emotionslosen Verwaltungsfußball. Da wird Verantwortung wie der Ball hin- und hergeschoben. Und ans große Ganze denkt wahrscheinlich nur Hoeneß. Der darf aber nicht mitspielen.

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(RP/can/rm)
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