VfB Stuttgart und SC Freiburg: Doping-Skandal?

Profi-Fußball im Fadenkreuz : Doping-Vorwürfe gegen VfB Stuttgart und SC Freiburg

Dem deutschen Sport droht ein Doping-Skandal bisher unbekannten Ausmaßes - und erstmals steht der Profi-Fußball im Fadenkreuz: Die Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin, die sich mit der Doping-Vergangenheit an der dortigen Universität beschäftigt, hat Beweise für flächendeckendes Doping im Radsport sowie für die Verabreichung von Anabolika bei den Bundesligisten VfB Stuttgart und SC Freiburg gefunden. Der heutige Bundestrainer Joachim Löw war für beide Klubs als Spieler aktiv.

Diese gehen aus den gut 60 "Klümper-Akten" hervor, die sich mit dem abgeschlossenen Betrugsverfahren gegen den damaligen Leiter der Sporttraumatologischen Spezialambulanz Armin Klümper befassen. "Erstmals" sei der "sichere Befund möglich, dass Anabolikadoping auch im Profi-Fußball eine signifikante Rolle spielte", schrieb Andreas Singler, Mitglied der Evaluierungskommission, der die Details pikanterweise ohne Rücksprache mit seinen Kollegen und gegen den Willen der Kommissionsvorsitzenden Letizia Paoli veröffentlichte.

In den "späten 1970er und frühen 1980er Jahren" sei beim Bundesligisten aus Stuttgart "im größeren Umfang" und "wenn auch nur punktuell nachweisbar" auch beim damaligen Zweitligisten aus Freiburg Anabolikadoping vorgenommen worden. Die Schlüsselfigur ist Klümper, es geht vor allem um das Anabolikum Megagrisevit, das auch von der von Klümper behandelten und 1987 verstorbenen Leichtathletin Birgit Dressel zeitweise eingenommen wurde.

Die Erkenntnisse werfen einen dunklen Schatten auf beide Vereine, für die in dem betreffenden Zeitraum auch der heutige Bundestrainer Joachim Löw gespielt hatte. Die Kommission hielt in ihrem Zwischenbericht aber ausdrücklich fest, "dass eine Zuordnung von Medikationen an einzelne, konkret zu benennende Spieler nach Auswertung der Akten der Staatsanwaltschaft Freiburg nicht möglich ist".

Der SC Freiburg spielte damals in der zweiten Liga, der VfB Stuttgart befand sich mit Spielern wie Bernd und Karlheinz Förster, Hansi Müller oder Karl Allgöwer auf dem Höhenflug und wurde 1984 deutscher Meister. Löw war damals bei beiden Klubs als Spieler aktiv: 1978 bis 1980 sowie 1982 bis 1984 in Freiburg, 1980/81 in Stuttgart.

Der VfB Stuttgart schrieb in einer Pressemitteilung, dass ihm das Gutachten nicht vorliege. Aus diesem Grund könne nicht nachvollzogen werden, "worauf die Vorwürfe fußen beziehungsweise ob und wenn ja in welcher Form sie zutreffend sind", hieß es. Festzustellen sei, "dass Prof. Klümper zu keinem Zeitpunkt Vereinsarzt des VfB Stuttgart war". Der Klub betonte, dass er "im Sinne eines sauberen Sports an der lückenlosen Aufklärung des Sachverhaltes interessiert" sei. Ähnlich äußerte sich auch der SC Freiburg.

Rainer Koch, Vorsitzender der Anti-Doping-Kommission des DFB, sprach von "gravierenden Vorwürfen", die "selbstverständlich umfänglich aufgeklärt werden müssen". "Befremdlich" sei allerdings, dass die Anti-Doping-Kommission "nicht schon längst informiert worden ist".

Mögliche Betroffene reagierten mit ungläubigem Staunen. "Das ist absurd", sagte hingegen der ehemalige VfB-Trainer Hans-Jürgen Sundermann (1976 bis 1979 und 1980 bis 1982) dem SID: "Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen und halte das für völlig ausgeschlossen." Immerhin bestätigte Sundermann, dass verletzte VfB-Spieler damals von Klümper behandelt wurden.

Der ehemalige Meistertrainer Ottmar Hitzfeld, zwischen 1975 und 1978 Spieler in Stuttgart, sagte bei Sport1: "Der Bericht überrascht mich total. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand von meinen Mitspielern wissentlich gedopt hätte."

Ein kürzlich im SWR veröffentlichtes Zitat von Karlheinz Förster lässt zumindest auf fahrlässiges Handeln schließen: "Wenn's Spitz auf Knopf ging, da haben wir gesagt: 'Mensch Professor, ich muss am Samstag wieder ran.' Da hat man auch mal was Unvernünftiges gemacht." Am Montag sagte Förster dem kicker, die Sätze seien "überhaupt nicht im Zusammenhang mit dieser Thematik zu sehen".

Wenig erstaunt gab sich Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag. "Mich überrascht gar nichts mehr", sagte die SPD-Politikerin: "Ich hatte aber schon konkrete Ergebnisse erhofft und erwartet. Aber jetzt gibt es erstmals Belege, dass auch im Fußball gedopt wurde. Das wird vielleicht dem einen oder dem anderen die Augen öffnen."

Beim Bund Deutscher Radfahrer (BDR) fand laut dem Bericht "Doping vor allem mit anabolen Steroiden in den Jahren zwischen 1975 und 1980 nicht nur in fast flächendeckender Manier auf Veranlassung Klümpers statt", schrieb Singler: "Dieses Doping wurde, wie hier erstmals bewiesen werden kann, auch vom BDR aus einem eigenen 'Ärzteplan' finanziert. Dabei ist derzeit nicht auszuschließen, dass auch Minderjährige Dopingmittel erhalten haben könnten."

Singler, der am Heidelberger Zentrum für Dopingprävention arbeitet, veröffentlichte die Details, da das "berechtigte Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit so zeitnah bedient werden soll, wie dies der Kommission nach wochenlanger intensiver Sichtung und Auswertung der Akten möglich war". Gleichzeitig bot er den übrigen Kommissionsmitgliedern seinen Rücktritt an.

Paoli teilte mit, dass die Kommission über dieses Angebot beraten werde. Die Mafia-Expertin von der belgischen Universität in Leuven bestätigte immerhin, dass Singlers Ausführungen "durch die Akten belegt" seien.

Singler schrieb, es sei mit den Ermittlungen der Nachweis möglich, "dass Doping in der Bundesrepublik Deutschland keineswegs nur der individuellen Verantwortung einzelner Sportler überstellt war, sondern dass es über einzelne Sportverbände oder Sportvereine mitunter zentral organisiert und finanziert wurde".

(sid)