Transfers in der Bundesliga: Der Größere bedient sich beim Kleineren

Hazard nach Dortmund? : Die Nahrungskette der Bundesliga

Gladbachs Thorgan Hazard könnte zu Borussia Dortmund wechseln. Es wäre ein typischer Transfer im Ökosystem Bundesliga. Der Größere bedient sich beim Kleineren. Ein Ordnungsversuch.

Der Große frisst den Kleinen. So war es in der Fußball-Bundesliga doch schon immer. Bayern-Manager Uli Hoeneß hat mit dieser Transferstrategie in den 1990er Jahren einen Champions-League-Sieger gebastelt - und Missgünstigen ordentlich Futter für Stammtischparolen in die Hand gegeben. Stefan Effenberg und Patrick Andersson kamen aus Mönchengladbach, Mehmet Scholl und Oliver Kahn aus Karlsruhe, Giovane Elber aus Stuttgart, Münchens heutiger Sportdirektor Hasan Salihamidzic vom Hamburger SV und Thomas Linke vom FC Schalke 04. Alle Spieler standen in der Startelf, als die Bayern 2001 in Mailand den FC Valencia im Elfmeterschießen besiegten. Bayern München ist der Spitzenprädator der Bundesliga. Eine Handvoll Faktoren machen den Klub dazu: Er hat das meiste Geld, ist quasi jedes Jahr in der Champions League dabei, und die Titelwahrscheinlichkeit ist in München am höchsten. Spieler hören diese Argumente gern. Wer kommt hinter dem gefährlichsten Räuber?

Ganz weit oben: Borussia Dortmund

Bei keinem Klub hinter den Bayern ist die Wahrscheinlichkeit, in der Champions League zu spielen, so hoch wie bei den Dortmundern. Der BVB hat damit ein gutes Argument, Spieler in den Ruhrpott zu lotsen. Das nötige Kleingeld dafür hat er auch. Denn Dortmunder Spieler sind für die Ganz großen in der Branche interessant: Allein die Transfers von Ousmane Dembélé zum FC Barcelona und Pierre-Emerick Aubameyang zum FC Arsenal haben zusammen 183 Millionen Euro in die Kasse des Klubs gespült. Das Geld und die sportliche Reputation ermöglichen den Dortmundern Transfers wie der nach Angaben des Kickers bevorstehende von Borussias Thorgan Hazard, für den Dortmund finanziell und sportlich noch einmal eine Ecke interessanter ist.

Mit guten Argumenten: Borussia Mönchengladbach, TSG 1899 Hoffenheim, Eintracht Frankfurt

Sportdirektor Max Eberl nennt Borussia gerne einen Karriereverein. Das beschreibt die Chancen und das Schicksal des Klubs zugleich: Borussia holt Spieler im Aufwind, die auch gerne kommen, weil der Klub ein gutes Umfeld bietet. Die Spieler machen bestenfalls den nächsten Schritt - bis sie den Verein für viel Geld verlassen. Beispiele dafür aus der jüngeren Vergangenheit sind Marco Reus, Max Kruse oder Granit Xhaka. So hat sich die Borussia nach oben gearbeitet und spielt regelmäßig um die internationalen Plätze mit. Gelegentlich können die Fohlen inzwischen sogar ein Regal höher greifen. 2018 holte Borussia für 17 Millionen Euro Nationalspieler Matthias Ginter aus Dortmund. Hoffenheim macht es wie die Gladbacher, Frankfurt neuerdings auch - muss aber noch die Nachhaltigkeit seiner Arbeit beweisen.

Geld, aber sportlich zuletzt wackelig: Schalke 04, Bayer 04 Leverkusen

Geht es nach dem Etat, müssten Leverkusen und Schalke regelmäßig in der Champions League spielen. Beide Klubs haben das nötige Kleingeld, kamen sportlich aber zuletzt nicht aus den Puschen. Bayer 04 kann Spieler aktuell nicht mit Europa überzeugen, schon gar nicht Schalke 04, das mitten im Abstiegskampf steckt. Das schwächt ihre Position im Ökosystem Bundesliga. Beide Vereine sind aktuell nicht mehr als mittelmäßige Räuber. Vielmehr müssen sie im Fall von Bayer 04 Leverkusen aufpassen, nicht von den Großen gefressen zu werden. Julian Brandt und Kai Havertz sind in Europa begehrt: Wechseln die beiden den Verein, kriegt Bayer für die sicher hohe Ablöse nicht einfach gleichwertigen Ersatz. Schon mit Europa als Verhandlungsargument wäre das für den Klub nicht zu bewerkstelligen.

Für die hiesige Beute eher harmlos, aber starker Jäger: RB Leipzig

Leipzig hat das Geld: 65,6 Millionen Euro zahlte der Verein vor der laufenden Saison an Ablöse für neue Spieler. Und Leipzig hat die Perspektive, regelmäßig in der Champions League dabei zu sein. Das macht den Klub zu einem gefährlichen Räuber. Aber er hat es weniger auf Beute aus der Bundesliga abgesehen: Die Leipziger holen ihre Leistungsträger am liebsten aus dem Ausland und wenn sie noch jung sind. Im Nachwuchsbereich sind die Leipziger ein Top-Jäger: RB stellt in den meisten Jahrgängen mehrere Nationalspieler.

Wolf im Graue-Maus-Kostüm: VfL Wolfsburg

Transfers wie die von Julian Draxler (43 Millionen Ablöse) und Andre Schürrle (30 Millionen) haben in der Vergangenheit gezeigt, was beim VfL Wolfsburg finanziell möglich ist. In dieser Saison stehen auch noch die Chancen auf das europäische Geschäft gut. Diese Mischung macht den Verein für neue Spieler interessant, zumal die sportliche Führung mit Manager Jörg Schmadtke einen klaren Plan zu verfolgen scheint und Nachhaltigkeit verspricht. Minusfaktor: der Standort Wolfsburg. Böse gefragt: Wer will da schon hin?

Die Beutevereine: der Rest der Liga

Wenn einer der genannten Vereine anklopft, müssen sich die übrigen Vereine der Liga in der Regel mal mehr, mal weniger hilflos ergeben. Schafft einer von ihnen überraschend die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb, so wie es Bremen in dieser Saison tun könnte, kann das ein Argument sein. Finanziell aber ist die Kluft nach oben zu groß. Den Klubs bleibt nichts anderes übrig, als sich beim Nächstkleineren zu bedienen und mit geschicktem Scouting Spieler zu holen, die später teuer verkauft werden können. Dass man mit geringen Mitteln gute Spieler an Land ziehen kann, zeigt Fortuna Düsseldorf. Der zweitbeste Torschütze Dodi Lukebakio (8 Treffer) kam günstig als Leihgabe, der mit neun Toren beste Torschütze Benito Raman gehört sogar Fortuna. Nach einer Leihe verpflichtete Fortuna ihn für bescheidene 1,5 Millionen Euro fest.

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