Trainer Sven Demandt über Fortuna Düsseldorfs Chancen in der Bundesliga und seine Zeit bei Borussia Mönchengladbach

Trainer Sven Demandt im Interview: „Wieso soll Fortuna nicht drei Teams hinter sich lassen?“

Sven Demandt ist einer der erfolgreichsten Torschützen in der Geschichte von Fortuna Düsseldorf. Später trainierte er den Unterbau von Borussia Mönchengladbach. Im Interview verrät er, ob er von einem Düsseldorfer Klassenerhalt ausgeht und warum Tony Jantschke sein Lieblingsspieler ist.

Sven Demandt (53) hat in seiner Karriere bereits viel erlebt. Als Spieler ging er jahrelang für Fortuna Düsseldorf auf Torejagd, ist immer noch einer der erfolgreichsten Torschützen der Klubhistorie. Auch für Bayer Leverkusen war er aktiv. Nach seiner Spielerkarriere wurde der gebürtige Kölner Trainer. Unter anderem betreute er von von 2008 bis 2015 die U19 und U23 von Borussia Mönchengladbach. Danach gelangte er über den Umweg Wehen Wiesbaden zu Rot-Weiss Essen ins Ruhrgebiet. Dort wurde er im November 2017 von seinen Aufgaben entbunden.

Sven Demandt, wie verbringen Sie die Zeit ohne einen Klub?

Sven Demandt Es gab einige Angebote, die ich mir angehört habe. Da hat es aber aus verschiedenen Gründen nicht gepasst. Man braucht einfach eine gewisse Zeit, um sich über die Dinge, die vorgefallen sind, klar zu werden. Ich habe die Zeit bei Rot-Weiss Essen analysiert und für mich selbst aufgearbeitet. Momentan versuche ich, viele Spiele zu sehen und viel mitzunehmen. Ich möchte da sein, wenn die nächste Aufgabe wartet.

Wieso hat es bei Rot-Weiss Essen nicht funktioniert?

Demandt Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Ich war knapp 18 Monate dort tätig. Das ist in Essen eine lange Zeit (lacht). RWE scheitert konstant an einer zu hohen Erwartungshaltung. Die ist aber einfach nicht berechtigt. Für die Vergangenheit kann sich im Verein keiner mehr was kaufen. Man muss es klar sagen: Bis auf die sensationellen Fans ist Rot-Weiss Essen ein normaler Regionalligist.

Dabei sind Sie in Essen gut gestartet, haben den Abstieg vermieden und den Niederrheinpokal gewonnen.

Demandt Das stimmt zwar, aber ich muss auch ehrlich sagen, dass wir teilweise ziemlich scheiße gespielt haben. Das war aber auch ganz normal und der Situation geschuldet, dass wir damals um den Klassenerhalt kämpfen mussten. Die Unterstützung der Fans war damals einfach grandios, weil jeder Angst hatte, dass der Verein in die Oberliga absteigt. Diese Unterstützung habe ich danach aber, außer im DFB-Pokal gegen Borussia Mönchengladbach, so nie wieder erlebt. In der Regionalliga erwartet jeder von dir, dass du dem Gegner drei Stück einschenkst, nur weil dein Verein Rot-Weiss Essen heißt. Für so ein Umfeld braucht man Spieler, die bereits höherklassig aktiv waren. Denen es egal ist, wenn die Fans mal pfeifen. Aber solche Spieler kosten nun mal Geld.

Deshalb wünscht sich Otto Rehagel für seinen alten Klub den Scheich von Dubai.

Demandt Als Otto das gesagt hat, war ich Trainer bei RWE. Da musste ich auch lächeln, aber ich dachte, dass wir es vielleicht auch ohne einen Scheich schaffen. Aber das glaube ich mittlerweile nicht mehr.

Der KFC Uerdingen hat vorgemacht, wie es mit einem Investor nach oben gehen kann.

Demandt Sie haben viel Geld in die Hand genommen, das vereinfacht natürlich vieles. Aber letztendlich muss man sagen, dass sie auch die richtigen Spieler geholt haben, sonst wäre der Aufstieg nicht zu realisieren gewesen.

Schafft der KFC erneut den direkten Durchmarsch und spielt kommende Saison in der 2. Bundesliga?

Demandt Es gab bereits einige Mannschaften, die es geschafft haben. Das liegt daran, dass die Unterschiede zwischen einer Spitzenmannschaft in der Regionalliga und der 3. Liga nicht allzu groß sind. Wieso sollte Uerdingen es also nicht erreichen? Der KFC hat eine enorm starke Mannschaft. Verbunden mit der Aufstiegseuphorie ist vieles möglich.

Sie haben Gladbach damals wegen einer Chance in der 3. Liga verlassen. War es der richtige Schritt?

Demandt Ich war zu diesem Zeitpunkt fünf Jahre bei der U23 von Borussia tätig und seit sieben Jahren im Klub. Ich hatte das Gefühl, dass ich für immer dort bleibe, wenn ich nicht den nächsten Schritt wage. Ich bin in meiner letzten Saison dort Meister in der Regionalliga geworden. Es war der perfekte Zeitpunkt für eine Veränderung.

Drei Monate später trat Lucien Favre zurück.

Demandt Natürlich kann man im Nachhinein immer hadern. Aber so ein Typ war ich noch nie. Zu dem Zeitpunkt hätte man bei den Buchmachern ein Vermögen verdient, wenn man vor der Saison darauf gesetzt hätte, dass Lucien Favre nach sieben Pflichtspielen kein Trainer mehr in Gladbach ist.

Sie hätten den Weg von Andre Schubert einschlagen können.

Demandt Aber das war doch nie der Plan von Borussia. Andre Schubert hat die ersten sechs Bundesliga-Spiele gewonnen und Schalke aus den Pokal geworfen. Damit konnte doch niemand rechen. Da blieb den Verantwortlichen gar nichts anderes übrig, als ihn in die Verantwortung zu hieven.

Also ist Max Eberl nie auf Sie zugekommen, um auszuloten, was passieren würde, falls Favre zurücktritt?

Demandt: Nein.

Dabei hat Favre durchaus von Ihnen profitiert. Damals schafften viele Jugendspieler den Sprung in die Profimannschaft. Wer ist Ihnen da besonders in Erinnerung geblieben?

Demandt Von der Qualität her war Marc-Andre ter Stegen überragend. Ich kann mich noch an seine erste Partie unter mir erinnern. Er wollte das Spiel schnell machen und spielte Elias Kachunga den Ball per Dropkick direkt in den Lauf. Und wir haben uns einfach nur angeguckt und uns gefragt: 'War das jetzt mit links? Marc ist doch Rechtsfuß.' Später habe ich ihn selbst darauf angesprochen.

Wie lautete seine Antwort?

Demandt Er sagte: 'Stimmt Trainer, aber es musste schnell gehen. Für den rechten Fuß blieb keine Zeit mehr'. Da war ich sprachlos. Marc ist ein außergewöhnlicher Torwart.

Und welcher Feldspieler hat Sie am meisten beeindruckt?

Demandt Tony Jantschke ist mein absoluter Lieblingsspieler. Das ist ein toller Typ. Er hat in der U19 damals in der Mannschaft Dinge geregelt, die ich so nur von Routiniers in Profimannschaften kannte. Tony hat brutale Qualitäten, es gibt aber auch Eigenschaften, die man normalerweise als Profi mitbringen sollte, die er nicht hat. In gewissen Dingen ist er ein Nationalspieler. Leider fehlt ihm das Tempo, um wirklich einer zu sein.

Mo Dahoud war der letzte Jugendspieler der bei Borussia den großen Durchbruch geschafft hat. Wieso bringt Gladbach seit Jahren keine neuen Eigengewächse mit Stammplatz-Potenzial hervor?

Demandt Borussia hat ein wenig den Fokus verloren. Sie holen zwar junge Spieler, aber eher von anderen Vereinen, aus anderen Ländern. Dadurch wird es für die eigenen Jugendspieler schwieriger nachzurücken. Das Ziel muss es sein, Spieler wie Jordan Beyer fest im Profikader zu integrieren.

Debattiert wird auch darüber, ob die Vereine nur noch Jugendspieler nach Schema F ausbilden.

Demandt Wir haben in den Nachwuchsleistungszentren in Deutschland eine enorme Qualität. Aber man muss einen Weg finden, wieder mehr Individualität zu fördern. Nur dadurch entwickeln sich Spieler, die später Spiele für dich entscheiden können. Momentan herrscht da ein zu einheitliches Denken. Deshalb fallen viele Spieler durchs Raster, die einer Mannschaft enorm gut tun würden. Wenn ich einem Spieler alles vorgebe, dann wird er es später auf dem Platz schwierig haben, selbstständige Entscheidungen zu treffen. Da sollte man versuchen, einen Mittelweg zwischen Disziplin, Ordnung und Kreativität zu finden.

Manche Nationen stellen mittlerweile positionsgebundene Trainer ein. Thierry Henry war Stürmertrainer der belgischen Nationalmannschaft, Miroslav Klose der des deutschen Teams. Ist das ein kurzweiliger Trend oder wird sich das durchsetzen?

Demandt Das ist keine schlechte Idee. Ich war auch Stürmer und weiß , wie sich ein Angreifer in gewissen Situation fühlt und welche Wege er gehen sollte. So kann man individuell aus jedem Spieler noch ein paar Prozentpunkte mehr rauskitzeln.

Seit dieser Saison spielen Ihre drei ehemaligen Vereine alle in der Bundesliga. Wie schätzen Sie die Chancen von Düsseldorf, Leverkusen und Gladbach ein?

Demandt Für Fortuna ist der Klassenerhalt natürlich das einzig realistische Ziel. Es wird sicherlich Rückschläge geben. Da muss das Umfeld ruhig bleiben und die Mannschaft in Ruhe arbeiten lassen. Dafür ist Friedhelm Funkel der richtige Trainer, das wird er gut händeln. Es wird sechs oder sieben Klubs geben, die nach unten schielen müssen. Wieso soll Fortuna drei von denen nicht hinter sich lassen? Der Klassenerhalt ist also keineswegs unrealistisch.

Bayer 04 hat eine enorm junge und interessante Truppe beisammen.

Demandt Leverkusen wird definitiv eine gute Rolle spielen. Das Ziel wird es sein, in die Champions League zu kommen. Oben ist es allerdings auch enorm eng. Du hast Bayern, du hast Dortmund, Leipzig und Schalke. Ich glaube auch, dass Wolfsburg eine gute Rolle spielen kann.

Gladbach auch?

Demandt Dieter Hecking versucht es in dieser Saison mit einem neuen System. Die Systemfrage wird viel zu hoch gehängt. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Systemen sind nicht groß und die Mannschaft hatte eine gesamte Vorbereitung, um sich daran zu gewöhnen. Entscheidend wird eher sein, dass Gladbach diese Saison ohne große Verletzungssorgen übersteht. Wenn der Kader komplett ist, dann ist er so gut, dass Borussia auch um Europa mitspielen kann.

Für welchen Klub sind Sie, wenn Borussia gegen Fortuna spielt?

Demandt Da bin ich relativ neutral. Ich kann sehr gut damit leben, wenn es ein schönes Spiel wird und beide einen Punkt bekommen.

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