Thomas Helmer erinnert sich an sein Phantomtor von 1994

Helmers Phantomtor jährt sich zum 25. Mal : „Dachte, der Ball war zwischendurch mal drin“

Vor 25 Jahren schoss Thomas Helmer für den FC Bayern das wohl kurioseste Nicht-Tor der Bundesligageschichte. Bis heute lasse ihn das „Phantomtor“ gegen Nürnberg nicht los, erzählt er im Interview.

Die zweite Bundesligasaison mit Videobeweis nähert sich ihrem Ende, und immer noch reißen die Klagen über die uneinheitliche Anwendung des vermeintlichen Hilfsmittels für die Schiedsrichter nicht ab. Eine der kuriosesten Szenen aus der Historie der Ersten Liga hätte der Kölner Keller aber ziemlich sicher als Fehlentscheidung entlarvt: das Phantomtor von Bayern Münchens Thomas Helmer am 23. April 1994 gegen den 1. FC Nürnberg. 25 Jahre ist dieser Aufreger am Dienstag her, doch loslassen wird er Helmer – Europameister 1996 und heute sonntags um 11 Uhr Moderator des „CHECK24 Doppelpass“ auf Sport1 – wohl nie, wie er im Interview zugibt.

Wenn es im April 1994 den „Doppelpass“ schon gegeben hätte, hätte der Moderator Thomas Helmer zum Phantomtor von Thomas Helmer eine Sondersendung gemacht?

Helmer Sondersendung weiß ich nicht, aber die Szene hätte wahrscheinlich einen großen Teil der Sendung eingenommen, auf jeden Fall.

Sind Sie rückblickend froh, dass es vor 25 Jahren noch keine sozialen Medien gab?

Helmer Naja, es war damals auch nicht einfach, das muss ich ganz klar sagen. Ich erinnere mich daran, dass ich mit der Nationalmannschaft auf einer Länderspielreise in den Vereinigten Arabischen Emiraten war, als beschlossen wurde, dass es ein Wiederholungsspiel gibt. Ich war sehr dankbar, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht in Deutschland war. Aber natürlich wäre es heute mit den Reaktionen noch viel schlimmer. Das hat mir Stefan Kießling auch mal bestätigt.

Nachdem er für Bayer Leverkusen 2013 in Sinsheim ebenfalls ein Phantomtor geschossen hatte.

Helmer Ganz genau. Wir haben mal drüber gesprochen, und er hat zugegeben, wie sehr und wie lange ihn das beschäftigt hat. Er hat versucht zu schildern – wie auch ich es damals versucht habe –, wie seine Wahrnehmung in dem Moment war. Und er hat gesagt – und das glaube ich auch –, dass er nur gesehen hat, dass der Ball im Tor lag. Wie er da rein gekommen ist, wusste er nicht. Deswegen war es für ihn auch erstmal ein Tor, und er konnte deswegen auch nichts zugeben, was er nicht wusste.

Sie dagegen wussten 1994 schon während des Spiels, dass es kein Tor war. Mit welchen Gedanken haben Sie das Spiel damals zu Ende absolviert? Konnten Sie sich überhaupt noch konzentrieren?

Helmer Die Szene passierte ja in der ersten Halbzeit. „Sky“ hieß damals noch „Premiere“, und die haben natürlich in der Pause die Szene gezeigt, woraufhin ich sofort gesagt habe, dass das natürlich kein Tor war. Ich habe dann tatsächlich weitergespielt und ja auch noch ein reguläres Tor geschossen. Aber irgendwie spielt man so ein Spiel dann doch in Schockstarre. Man funktioniert nur noch. Das war schon seltsam.

Im Nachgang des Spiels lautete der zentrale Vorwurf: Warum haben der Helmer und Schiedsrichter Osmers nicht miteinander gesprochen. Warum hat Osmers ihn nicht gefragt, ob der Ball drin war? Warum ist Thomas Helmer nicht von sich aus auf den Unparteiischen zugegangen?

Helmer Es war sicherlich mein Fehler, dass ich nicht mit dem Schiedsrichter gesprochen habe. Es gab auch damals schon eine Kommunikation zwischen Schiedsrichtern und Spielern, aber irgendwie haben wir es in der Szene nicht hingekriegt, das muss man ganz klar sagen.

Hätten Sie es damals sofort gesagt, hätten Sie einen Fair-Play-Preis bekommen. Aber vielleicht auch internen Tadel, weil die Bayern im Meisterschaftskampf einen Sieg brauchten?

Helmer Das würde ich nicht gelten lassen, auch nicht für mich. Also, dass ich nichts gesagt habe, weil ich Angst vor meinem Verein oder vor Mitspielern hatte. Nein, bei mir war die Wahrnehmung wirklich, dass der Ball zumindest zwischendurch mal drin gewesen ist. Vor allem, weil Andreas Köpke hinter der Linie lag. Dass der Ball danach daneben war, war mir klar – aber davor? Deswegen habe ich nichts gesagt.

Viele behaupten bis heute, Sie hätten nach dem vermeintlichen Tor sogar gejubelt.

Helmer Ich weiß, aber da bin ich anderer Auffassung. Ich habe zwar die Arme nach oben genommen, aber das war eher so „Was ist jetzt? Was war denn?“. Richtig ist, dass Mitspieler auf mich zukamen und jubelten, und damit war es schon zu spät für Korrekturen, das muss man leider sagen.

Wie blicken Sie heute auf dieses Spiel, das 2:1 endete, zurück?

Helmer Naja, es geht in der Geschichte immer ein bisschen unter, was das für Konsequenzen hatte. Das war ja tragisch, dass Nürnberg damals abstieg, weil ihnen ein Punkt fehlte. Und für mich ist es natürlich bitter, wenn meine Karriere nach 17 Jahren Profifußball zuweilen nur auf das Phantomtor reduziert wird. Fakt ist aber einfach: Man kriegt die Szene nicht aus den Fußball-Geschichtsbüchern heraus, und sie gehört nun mal zu meiner Geschichte. Damit muss ich umgehen. Immerhin ist es ja nun schon 25 Jahre her, das heißt, die ganz Jungen wissen es nicht mehr. Das hilft mir auch ein bisschen.

Die meiste Kritik musste damals das Schiedsrichtergespann einstecken. Haben Sie vier sich mal ausgetauscht?

Helmer Nicht konkret. Aber ich habe Herrn Osmers vor einem Jahr in Bremen bei einem Spiel getroffen. Da haben wir gesagt: Komm, wir setzen uns mal zusammen, trinken ein Bier und besprechen die Geschichte von damals nochmal. Es hat also lange gedauert, bis wir endlich mal gesprochen haben, aber wir hatten auch lange eine unterschiedliche Auffassung, weil er behauptet hat, er habe mich 1994 gefragt, und ich hätte gesagt, der Ball sei drin gewesen. Das stimmt aber nicht. Und deswegen war ich ein bisschen sauer auf ihn. Aber das ist ausgeräumt.

Mit dem Videobeweis wäre das Phantomtor sicherlich verhindert worden, so viel ist wahrscheinlich klar. Aber ist der Fußball in den vergangenen zwei Spielzeiten aus Ihrer Sicht tatsächlich gerechter geworden?

Helmer Ich bin natürlich aufgrund dieser Szene ein klarer Befürworter des Videobeweises, aber an der Umsetzung hapert es weiterhin. Ich finde den Weg zur Entscheidung noch immer zu kompliziert. Deswegen bin ich noch nicht restlos überzeugt.

Ex-Schiedsrichter Babak Rafati hat in der vergangenen Woche im Interview mit unserer Redaktion angeregt, dass Schiedsrichter auch mal Trainingsspiele der Bundesligisten pfeifen sollen, um Distanz abzubauen. Was halten Sie von dieser Idee?

Helmer Das fände ich gut. Ich habe auch manchmal das Gefühl, dass die Kommunikation zwischen Schiedsrichtern auf der einen und Spielern und Trainern auf der anderen Seite ausbaufähig ist. Ein engerer Dialog würde da sicherlich mehr Verständnis auf beiden Seiten wecken.

Wenn wir noch einmal auf 1994 zurückblicken, sind wir uns sicherlich einig, dass die Szene mit dem Phantomtor etwas stärker eskaliert wäre, wenn Oliver Kahn statt Andreas Köpke im Nürnberger Tor gestanden hätte. Kahn soll nun ab 1. Januar 2020 als Vorstand beim FC Bayern eingearbeitet werden. Eine gute Entscheidung von Uli Hoeneß?

Helmer Ja, und ich finde es gut, dass sie ihn einarbeiten, und dass Olli das auch will. Das ist optimal. Das machen viele Vereine leider nicht. Ich glaube, dass es für beide Seiten ein Gewinn ist.

Und wie lautet Ihr Meistertipp als Ex-Dortmunder und Ex-Münchner?

Helmer Wenn die Dortmunder nicht in München so deutlich verloren, sondern einen Punkt geholt hätten, hätte ich ihnen den Titel zugetraut. So sehe ich aktuell einen kleinen Vorteil bei den Bayern.

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