Spielergewerkschaft VdV sorgt sich um Solidarität im Fußball

Gewerkschaft sorgt sich um Solidarität im Fußball : „Klubs müssen ihrer Fürsorgepflicht stärker nachkommen“

Ein Ausrüstervertrag für einen Elfjährigen, ein aussterbender Teamgeist-Mythos und fehlende Berufsqualifikation bei vielen Spielern – die Gewerkschaft VdV sieht im Fußball zunehmend ein Hauen und Stechen um Einzelinteressen.

Als die Bahn-Gewerkschaft EVG in der Vorweihnachtszeit den Verkehr zum Erliegen brachte, war der Aufschrei unter den Fahrgästen groß. Fluggäste fürchten ihrerseits nichts mehr, als dass Sicherheitspersonal oder Kabinenbegleiter ihren Arbeitskampf just dann austragen, wenn der Urlaub ansteht. Öffentliche Wahrnehmung in einem solchen Ausmaß wird der Fußballspielergewerkschaft VdV und ihrem Geschäftsführer Ulf Baranowsky nicht zu teil. Alljährlich im Sommer blitzt das Interesse mal auf, wenn der VdV medienwirksam mit einem prominenten Trainer sein Trainingscamp für arbeitslose Fußballer inszeniert.

Doch ansonsten wähnt der interessierte Fan in einer Branche, in der viele viel verdienen, nicht unbedingt die Notwendigkeit einer Gewerkschaft gegeben. Das sieht Baranowsky freilich anders. Und so ist seine Prognose zum „Fußball in zehn Jahren“, wie unsere Serie heißt, durchaus misstrauisch.

Hier geht es zu Teil 1 der Serie.

„Der Fußball ist ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen; der Homo oeconomicus ersetzt zunehmend den Elf-Freunde-Mythos“, sagt er.

Wenn jeder an sich denke, sei für alle gesorgt, scherzt bekanntlich der Volksmund, doch bei einem Gewerkschafter wie Baranowsky müssen natürlich die Alarmglocken schrillen, wenn er den Solidaritätsgedanken im Fußball in Gefahr sieht. Und so bleibt ein zentrales VdV-Thema für die kommenden Jahre die Etablierung eines Tarifvertrags im deutschen Fußball. „Hinsichtlich der Arbeitsbedingungen hat der deutsche Profifußball im internationalen Vergleich noch klare Wettbewerbsnachteile. So werden in einigen anderen europäischen Ligen die Gehälter im Verletzungs- oder Erkrankungsfall grundsätzlich sogar bis zum Vertragsende gezahlt. Ebenso gibt es in Deutschland keine verpflichtenden Karriere-, Sozial- und Rentenfonds zur Absicherung der Spieler“, sagt er.

Nun mag mancher Fan anführen, wer Millionen verdient, müsse doch genug auf die hohe Kante legen können, um nach der Karriere ausgesorgt zu haben. Doch es sind nicht zuvorderst die Stars, die Nationalspieler, die die VdV mit der Forderung nach einem Tarifvertrag im Blick hat. Es sind die Profis, die die große Masse in der zweiten, dritten, vierten Liga bilden, und von denen eben nicht jeder eine Soccerhalle oder Fußballschule nach der Laufbahn eröffnen kann, um für den Rest des Lebens über die Runden zu kommen. Und gerade in der Frage „Was kommt, wenn die Schuhe am Nagel hängen?“ sieht Baranowsky ein Thema, bei dem der Fußball hierzulande einiges an Verbesserungspotenzial aufweist.

„Laut unserer aktuellen VdV-Bildungstendenzstudie, die wir mit der Hochschule Koblenz durchgeführt haben, verfügen viele Spieler zwar über eine gute Schulbildung. Allerdings haben wir auch festgestellt, dass fast jeder zweite Profi weder eine Berufsqualifikation besitzt noch dabei ist, eine solche zu erwerben“, sagt Baranowsky. „Gerade vor dem Hintergrund der bekannten Probleme beim Übergang in die nachfußballerische Berufslaufbahn ist es dringend angezeigt, dass die Klubs ihrer Fürsorgepflicht besser nachkommen müssen.“ Schließlich schafften nur ganz wenige Spieler den Sprung in den finanziell lukrativen Spitzenbereich. Die große Masse hingegen werde schon in den Nachwuchsleistungszentren aussortiert oder komme über schlecht bezahlte Jobs in der Regionalliga nicht hinaus.

Mehr noch als heute schon dürfte sich in den kommenden Jahren für manchen Profi die Frage stellen, ob es sich für ihn rentiert, die vierte Liga einem regulären Beruf vorzuziehen. Und so formuliert Baranowsky einen Gedankengang, den sich jeder bewusst machen sollte, für den es eben nicht für einen Anteil am großen Kuchen der Bundesliga und Champions League reicht: „In welchen Ligen in zehn Jahren noch Profifußball angeboten werden kann, wird nicht nur vom Vermarktungsgeschick der Veranstalter abhängig sein, sondern insbesondere auch vom Interesse der Fans vor Ort.“ In den Bereichen der Dritten Liga und der Regionalligen geht es schon jetzt häufiger um Themen wie Klubinsolvenzen, ausstehende Gehaltszahlungen und gesetzlichen Mindestlohn, als viele auf den Rängen denken dürften.

Der Fußball individualisiert sich – das ist eine der grundlegenden Beobachtungen und Prognosen, die die Branche macht. Aus verschiedenen Blickwinkeln. Selbstvermarktung, Selbstverwirklichung, Eigeninteressen werden immer wichtiger, können aber gerade deswegen auch immer öfter mit den Interessen der Klubs, Verbänden, Sponsoren oder Ausrüstern kollidieren. „Aktuell prüft unsere Rechtsabteilung einen fast 30 Seiten starken Ausrüstervertrag für einen gerade mal elfjährigen Spieler eines Bundesligaklubs“, erzählt Baranowsky.

Bleibt am Ende die für den Zuschauer wohl interessanteste Frage an den Gewerkschafter: Wird es in den kommenden Jahren mal zu einem Streik von Profis kommen, um Interessen durchzusetzen? Baranowsky schließt das nicht aus, sagt aber auch: „Der Einsatz gewerkschaftlicher Mittel im Fußball ist in zahlreichen Ländern völlig normal. In Deutschland hingegen gibt es traditionell eine eher defensive Streikkultur.“

Zumindest im Fußball.

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