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Revierderby 2021: FC Schalke 04 und Borussia Dortmund treffen zum wohl vorerst letzten Mal aufeinander

Schalke gegen Dortmund : Kein letztes Mal - Abschied vom Revierderby

Das Revierderby ist das Hochamt der Bundesliga. Nun wird es wohl vorerst zum letzten Mal Schalke 04 gegen Borussia Dortmund heißen. Das vertieft die Sinnkrise eines Fußballs, dem es an Zukunftsperspektiven mangelt. Über einen Abschied, der diesem Spiel nicht würdig ist.

Gute Nachrichten vom FC Schalke wurden in Gelsenkirchen in der jüngeren Vergangenheit etwa so häufig gemeldet wie Yeti-Sichtungen. Wer in der Stadt der tausend Feuer in dieser düsteren Zeit zumindest den Aberglauben noch nicht verloren hat, wird dem Revierderby am kommenden Samstag (18.30 Uhr) aber durchaus gespannt entgegenblicken. Zwar ist Schalkes Bilanz beispiellos schlecht und Dortmund war vor wenigen Monaten noch gewillt, die Unvermeidbarkeit der nächsten Bayern-Meisterschaft zumindest mal kritisch zu prüfen. Doch dank der inneren Logik beider Klubs ist eine Schalker Überraschung genauso vorstellbar wie ein Dortmunder Betriebsunfall. Selbst wenn beinahe wider Erwarten alles normal abläuft und Schwarz-Gelb die Sache nüchtern regelt, dürfte ein Sieg dem BVB diesmal allerdings anders schmecken als je zuvor. Der „Wind of Change“ weht durchs Revier.

Ob Dortmund Schalke den nach menschlichem Ermessen etwa fünften Abstieg der laufenden Saison zufügen wird oder Königsblau nach Monaten der Klassenkeile nun noch einmal dem großen Rivalen die lange, blutige Nase zeigt, wird nichts mehr daran ändern, dass es wohl das vorerst letzte Revierderby werden wird. Bei dem von Trainer Christian Gross verwalteten Himmelfahrtskommando ist man froh, wenn der Schlüssel zur Arena noch passt. Alle, die dafür infrage kämen, zu Struktur, Zusammenhalt oder auch nur effektiver Schadensbegrenzung beizutragen, verwalten nur noch ihren Abgang. Ein Klub, bei dem alles in Auflösung begriffen scheint, ist in derart fragiler Verfasstheit so ziemlich alles, doch kein Kandidat auf den direkten Wiederaufstieg.

Ein Szenario, für das viele BVB-Fans sogar dann eine Lokalrunde schmeißen würden, wenn denn die Kneipen gerade geöffnet hätten. Aus dem Spannungsfeld dieser in Teilen unerbittlich ausgelebten Rivalität haben beide Klubs seit Jahrzehnten viel Energie abgezapft. Selbst auf einer Vermarktungsreise in China empfingen die ortsansässigen Fans 2016 die Schalker mit einem „Tod dem BVB“-Banner. Eine bewusste Unschärfe in Geschmacksfragen ist Teil des kulturellen Exportartikels Revierderby, der sich auf der ganzen Welt verkaufen lässt. Nicht zuletzt für die DFL waren diese 180 Minuten pro Saison ein starkes Verkaufsargument in der Auslandsvermarktung.

<aside class="park-embed-html"> <blockquote class="twitter-tweet"><p lang="en" dir="ltr">Oh my god. <a href="https://twitter.com/hashtag/asientour?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#asientour</a> <a href="https://t.co/2nB7IU0Z1R">pic.twitter.com/2nB7IU0Z1R</a></p>&mdash; Jan-Henrik Gruszecki (@JH_Gruszecki) <a href="https://twitter.com/JH_Gruszecki/status/750411259141615616?ref_src=twsrc%5Etfw">July 5, 2016</a></blockquote> <script async src="https://platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script> </aside>
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Der rasante Niedergang des FC Schalke ist aber womöglich nur ein Symptom für grundlegendere Probleme des Profifußballs. Beim BVB äußern sich diese bislang freilich eher subkutan: Die Aktiengesellschaft Borussia Dortmund ringt um ein Selbstverständnis zwischen europäischer Superliga und Südtribüne, will gleichzeitig Maßanzug und Zahnlücke tragen. Dadurch baut sich im Hintergrund zwangsläufig ein wachsendes Glaubwürdigkeitsproblem auf, das sich zu einer Identitätskrise auswachsen könnte. Für was genau der Klub in diesem Spannungsfeld stehen soll, konnte bislang noch niemand überzeugend beantworten. Allein das zuletzt meist erfolglose Anrennen gegen den FC Bayern und regelmäßige Champions-League-Reisen reichen dauerhaft nicht, um mehr zu sein als Bayer Leverkusen mit vielen Zuschauern.

Der Fußball veränderte sich ja bereits in halsbrecherischem Tempo und nun hat die Corona-Pandemie abermals aufs Tempo gedrückt. Schon beim Blick auf die Bundesliga der ausgehenden 1990er Jahre lässt sich kaum noch erkennen, was das noch mit dem Sport heutiger Prägung zu tun hat. Tatsächlich verführt der Fußball dazu, ihm etwas Unveränderliches anzudichten. Dabei erleben wir die scheibchenweise Auflösung des Versprechens, dass das Kicken auf dem Schulhof mit einer Coladose auf vier Jacken als Torpfosten im Grunde dasselbe Spiel ist, für das Lionel Messi sich in vier Jahren eine knappe dreiviertel Milliarde überweisen ließ. Spätestens bei diesen Kennzahlen könnte man auf den Gedanken kommen, dass das noch nie der Wahrheit entsprochen hat.

 Das bloße Festhalten an längst Vergangenem und verkitschten überkommener Traditionen wird keine Zukunftsfrage beantworten. Besorgniserregend ist deshalb umso mehr, dass die Bundesliga entgegen aller gegenteiligen Beteuerungen die Coronakrise bislang nicht erkennbar zur Entwicklung neuer Ideen und vielleicht sogar mal überraschender Konzepte genutzt hat. Tatsächlich könnte die Pandemie einiges sogar noch verschlimmern. Nicht nur bei vielen Zuschauern beschleunigt sich durch die Geisterspiele die emotionale Distanzierung. Die Indizien für einen Wandel vom Volkssport zu unwirklichen Schaukämpfen in einer hermetischen abgeriegelten Wohlstandsblase lassen sich nicht zuletzt an einigen Aussagen der Protagonisten ablesen. Denjenigen, die sich nun jedoch darauf einzurichten scheinen, dass alles schon immer irgendwie so weitergegangen ist wie gehabt, mag Schalke vielleicht wenigstens noch als mahnendes Beispiel dienen. Womöglich ist das Revierderby in einigen Jahren nur noch eine lauwarme Anekdote.

Selbst für ein letztes Mal ist es jetzt plötzlich schon zu spät - ohne Zuschauer fehlt der dafür maßgebliche Faktor. Am Samstag sagt die Bundesliga nur noch leise Servus. Viel Hall, Gebrüll und dumpfe Schläge. So wird es sich anhören, wenn der Vorhang für ein Stück Bundesliga-Geschichte fällt.