Fall Amerell: Neue Attacken vor Prozessbeginn

Fall Amerell: Neue Attacken vor Prozessbeginn

Frankfurt/München (RPO). Am Tag vor der mündlichen Verhandlung im "Fall Amerell" am Donnerstag in München (13 Uhr) verhärten sich die Fronten zwischen den Prozessgegnern weiter. Am Mittwoch kam es zu weiteren Verbalattacken und Kritik an DFB-Präsident Theo Zwanziger.

"Die Wahrheit wird ans Licht kommen. Der DFB wird Farbe bekennen müssen", sagte Amerell-Anwalt Jürgen Langer am Mittwoch und merkte an: "Unsererseits haben wir alles getan, um noch ein größeres Unglück zu vermeiden."

Amerell und Langer wollen in dem Zivilverfahren gegen den DFB vor dem Landgericht München I eine einstweilige Verfügung erreichen, wonach der DFB nicht mehr von "sexueller Belästigung und Übergriffen" in Bezug auf Amerell sprechen darf. Mit einer Entscheidung ist bereits am Donnerstag zu rechnen.

Die Sitzung im größten Saal des Justizpalasts in der Prielmayerstraße 7 ist öffentlich. Allerdings soll der DFB einen Antrag gestellt haben, wonach die Öffentlichkeit beim Verlesen der eidesstattlichen Erklärungen von Michael Kempter und drei weiteren Schiedsrichtern ausgeschlossen werden soll.

Kempter und das Trio, das anonym bleiben will, hatten am Sonntag eidesstattliche Versicherungen mit dem Vorwurf der sexuellen Belästigung gegen Amerell unterzeichnet. Dieser weist alle Vorwürfe weiterhin strikt zurück.

Während Amerell in der Verhandlung anwesend sein wird und Fragen beantworten will, lässt sich die DFB-Spitze von Verbands-Justiziar Jörg Englisch und Anwalt Christian Schertz vertreten. DFB-Boss Theo Zwanziger hatte in der vergangenen Woche betont, dass dem Verband das Ergebnis der Verhandlung "egal" sein könne. "Sollten wir von den staatlichen Behörden gebeten werden, unsere Erkenntnisse in dem Fall herauszugeben, dann werden wir das tun", sagte Zwanziger weiter. Der DFB hatte die "Akte Amerell" für geschlossen erklärt, nachdem dieser von seinen Verbands-Ämtern zurückgetreten war.

Kempter, der Amerell der sexuellen Belästigung beschuldigt und Details als Erster öffentlich gemacht hatte, wird nicht anwesend sein. "Ich habe ja eine eidesstattliche Erklärung abgegeben. Damit ist alles gesagt", erklärte Kempter am Mittwoch dem SID. Seine Rückkehr auf den Platz ist für das Wochenende geplant. Zunächst soll aber der Verlauf des Prozesses abgewartet werden. Seinen Gang an die Öffentlichkeit begründete Kempter damit, dass er andere junge Kollegen schützen wollte. "Ich wollte verhindern, dass sich jemand etwas antut", sagte der 27-Jährige der Sport-Bild.

DFB-Ehrenpräsident Gerhard Mayer-Vorfelder indes übte vor Prozessbeginn harsche Kritik am Krisenmanagement des Verbandes und attackierte auch Zwanziger. Er verstehe nicht, dass Zwanziger Amerell bereits nach wenigen Tagen in aller Öffentlichkeit an den Pranger gestellt habe. "Man wäre besser beraten gewesen zu schweigen. Ich persönlich bin der Auffassung, dass jemand unschuldig ist, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist", sagte Mayer-Vorfelder im Express. Der 77-Jährige sieht den Ruf des DFB und des Schiedsrichterwesens belastet.

Auch Franz Beckenbauer zeigte sich schockiert und bezeichnete mögliche Formen von Amtsmissbrauch als unvorstellbar. Der Ehrenpräsident von Bayern München wollte nicht ausschließen, dass noch einiges nachkommen könnte.

Der als Vertrauensperson der betroffenen Schiedsrichter fungierende Franz-Xaver Wack erneuerte unterdessen seine Vorwürfe gegen Amerell. Zudem warf Wack der Verteidigung von Amerell eine Politik der Ablenkung vor. "Die Beweislast gegen ihn ist erdrückend. Es wird immer nur abgelenkt, aber der Kern, um den es geht, nie kommentiert. Aber beim Prozess wird deutlich werden, wer Opfer und wer Täter ist", sagte Wack der Tageszeitung Die Welt.

Für Wack ist im "Fall Amerell" ein klares Schema erkennbar. "Amerell hat es nach Angaben der Betroffenen über Jahre so praktiziert: Erst das Vertrauen der Schiedsrichter zu gewinnen, dann - etwa bei Fahrten ins Stadion - den Betroffenen näher zu kommen, um schließlich beispielsweise durch das Aushändigen von Regeltestantworten oder Ausübung von Druck sexuelle Gefälligkeiten herbeizuführen", erklärte der Münchner Zahnarzt.

Wack betonte erneut, dass er bereits vor fünf Jahren auf einen möglichen Amtsmissbrauch von Amerell hingewiesen habe. Kempter sei beispielsweise bei 34 Spieltagen 28- bis 30-mal in München beim FC Bayern, 1860 München oder Unterhaching angesetzt worden. Wack: "Komischerweise war dort auch immer Amerell der Beobachter."

Hier geht es zur Infostrecke: Manfred Amerells Erklärung im Wortlaut

(SID/born)