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Fußball-Bundesliga in der Krise: Bestechung, Robert Hoyzer, Kirch-Pleite

Bestechung, Kirch-Pleite, Hoyzer : Wie die Bundesliga ihre größten Herausforderungen gemeistert hat

Die Coronakrise stürzt die Bundesliga in eine tiefe Krise. Es ist nicht die erste schwere Erschütterung ihrer 57-jährigen Geschichte. Ein Rückblick auf historische Herausforderungen und was die Liga daraus lernte.

Die eher seltenen öffentlichen Auftritte von DFL-Chef Christian Seifert sind gewöhnlich getragen vom Sound des Höher-Schneller-Weiter. Dass sich der Zusammenschluss der 36 Erst- und Zweitligisten unter seiner Leitung prächtig entwickelt hat, darf der 50-Jährige als grobe Untertreibung zurückweisen. Allein der Blick nach England drückt latent auf die Stimmung. Es durfte eben immer noch ein wenig mehr sein. Mehr Umsatz, höhere TV-Erlöse.

Profundere Beiträge waren bislang eher die Ausnahme. Die wenigsten konnten wohl mit Sicherheit von sich behaupten, dass sie Seifert von ihrem örtlichen Sparkassendirektor unterscheiden können. Dieser bislang irgendwie gesichtslose Anzugmensch wird nun zum Gesicht der womöglich schwersten Krise der Bundesliga. Seifert hat praktisch den Notstand über den deutschen Fußball ausgerufen.

Das war eindrücklich und doch vermittelte er dabei das Gefühl, dass sich die Geschicke der Profiklubs in schweren Stunden bei ihm in guten Händen befinden. Eine harte Währung in Krisenzeiten. Es wird vermutlich die existenziellste Krise, die die Bilderbuch-Erfolgsgeschichte Bundesliga zu bewältigen hat, aber nicht ihr erste.

Bundesliga-Skandal

Fast schon anrührend, mit welcher Unschuld dieser Eintrag in den Geschichtsbüchern vermerkt wurde. Der Bundesliga-Skandal – ein Plural war damals nicht vorgesehen. Allerdings erwies sich auch die zuversichtliche Namensgebung im Nachgang als untauglich, um weitere Skandale zu verhindern. In der Saison 1970/71 markierte das Gemauschel von Arminia Bielefeld und Rot-Weiß Oberhausen gleichwohl einen historischen Tiefpunkt der Bundesliga-Geschichte. Horst-Gregorio Canellas, Präsident der Offenbacher Kickers verfügte nicht nur über einen extravaganten Namen, sondern auch ein Gespür für den großen Auftritt: Auf seinem 50. Geburtstag präsentierte Canellas, im Hauptberuf Obsthändler, der geladenen Prominenz delikate Tonbandaufnahmen von Spielern, die ihm Bestechungsgeld angeboten hatten. Bielefeld und RWO hatten sich den Verbleib in der Bundesliga mit verschobenen Spielen erkauft. Hans Kindermann, damals Vorsitzender des DFB-Kontrollausschusses übernahm die Ermittlungen und unkte bereits: "Wenn wir das Vertrauen nicht wieder zurückgewinnen, ist der Fußball tot.“ Der Fußball überlebte – 52 Spieler, zwei Trainer und sechs Vereinsfunktionäre wurden bestraft. Arminia Bielefeld und den Kickers Offenbach wurde die Lizenz entzogen. Canellas deutete im Nachgang an, dass der Skandal noch weitere Kreise gezogen habe. Im Schatten der in Deutschland anstehenden Großereignisse Olympia 1972 und Fußball-WM 1974 mag einiges unentdeckt geblieben sein. Geblieben ist auch der wohl tatsächlich weitreichendste Skandal in der Bundesliga-Geschichte - und einige Animositäten. Rot-Weiss Essen musste damals auch aufgrund der Manipulationen absteigen und wurde nicht entschädigt. Die Rivalität mit dem tief in den Skandal verstrickten Nachbarn aus Gelsenkirchen wurzelt allerdings hier und blüht bis heute prächtig.

Zuschauerkrise

„Der Tag, an dem der Fußball starb“ schrieb der „Daily Mirror“ über die Katastrophe im Brüsseler Heysel-Stadion am 29. Mai 1985. Die Realität war ungleich schlimmer: 39 Menschen kamen bei einer Massenpanik beim Endspiel im Europapokal der Landesmeister zwischen Liverpool und Juventus Turin ums Leben, 454 wurden verletzt. Vorangegangen waren gegenseitige Provokationen, ehe Fans aus Liverpool einen eigentlich neutralen Block stürmten, der von Juve-Fans besetzt war, Panik brach aus. Eine marode Mauer brach ein und begrub weitere Fußballfans unter sich. Die offensichtlich überforderte Polizei konnte nichts davon verhindern. Anschließend trugen beide Teams tatsächlich noch ein Finale aus. Ein Tag, der allemal dazu geeignet gewesen wäre, mit dem Fußball zu brechen. Vieles, was hier in Form einer Katastrophe hervorbrach, brodelte aber längst unter der Oberfläche. Hooligans konnten im Stadion noch einigermaßen unbehelligt agieren und fabrizierten regelmäßig abschreckende Bilder, von rassistischen Auswüchsen und anderen Verirrungen in den Fankurven ganz zu schweigen. Auch sportlich mangelte es den 80er in Deutschland an den großen Erzählungen. Der Tennis-Boom sägte zusätzlich am Thron von König Fußball. Im Ergebnis waren ganze vier Spiele der Bundesliga-Saison 1985/86 ausverkauft. Mit einem Schnitt von knapp über 27.000 war der 1. FC Nürnberg Zuschauerkrösus. Zu den Erstliga-Heimspielen im Düsseldorfer Rheinstadion verirrten sich im Durchschnitt kümmerliche 8.379 Besucher. Sogar über staatliche Subventionen wurde damals diskutiert. Doch die Bundesliga erholte sich - auch aus eigener Kraft. Vor allem die Weltmeisterschaft 1990 stieß einen neuen Fußball-Boom in Deutschland an.

Wiedervereinigung

Ein totaler Ausverkauf müsse verhindert werden, tönte DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder nach der Wiedervereinigung. Wenn damit gemeint war, dass die meisten großen DDR-Vereine in der Versenkung verschwinden und die besten Spieler zu Schnäppchenpreisen in den Westen wechseln sollten, dann hat Mayer-Vorfelder recht behalten. Tatsächlich wurde der Ostfußball in den Jahren nach der Wende verramscht. Da die etablierten Bundesligisten kein übergeordnetes Interesse daran hatten, Plätze in der lukrativen Eliteklasse für Nachrücker aus dem Osten freizuräumen, durften mit Hansa Rostock und Dynamo Dresden gerade mal zwei Klubs aus der ehemaligen DDR in der Bundesliga-Saison 1991/92 starten. Keine dauerhafte Erfolgsgeschichte - Rostock stieg umgehend ab, Dresden hielt sich immerhin bis 1995. Auch wenn der Bundesliga die Zusammenführung mit dem Ostfußball keinesfalls geschadet hat, hat sie in Sachen Integration an dieser Stelle schlicht versagt. Auch 30 Jahre später bedurfte es erst der Gnade eines österreichischen Getränkeriesen, der Leipzig zum Fußballstandort auserkor, um den Osten mit höheren Ambitionen auf der Bundesliga-Landkarte zu platzieren.

Kirch-Pleite

Als Anfang 1991 das erste Bundesliga-Spiel live im Pay-TV übertragen wurde, schwang eine Menge Skepsis mit. Franz Beckenbauer warnte eindringlich: "Wenn der Fußball eine TV-Sportart wird, geht er einen schwierigen Weg." Für den Fall, dass massenweise Stadionbesucher abwandern sollten, versprach Wolfgang Niersbach, damals DFB-Pressesprecher, sogar, wieder zurückzurudern. Heute lässt sich bilanzieren, dass die flächendeckende Übertragung der Bundesliga-Spiele dem Fußball vor allem wirtschaftlich keineswegs geschadet hat. In welche potenziell sogar verhängnisvolle Abhängigkeit von den TV-Geldern sich der Sport in den folgenden Jahren begeben hat, zeigte sich gegen Ende der Saison 2001/02 mit voller Härte. Medienmogul Leo Kirch und sein TV-Sender Premiere gingen in die Insolvenz, insgesamt verloren die Klubs der Bundesliga und 2. Bundesliga rund 270 Millionen Euro. Letztlich markierte die Pleite aber nur eine Delle in der wirtschaftlichen Entwicklung. Auch ein Solidaritätsfond der DFL trug dazu bei, dass kein Klub Insolvenz anmelden musste. Die globalen Erlöse hoben in den kommenden Jahren alle Boote. Die Bundesliga konnte nach wenigen Jahren die zuvor erreichte Marke von 355 Millionen Euro TV-Einnahmen für die Saison 2001/02 wenige Jahre später übertreffen. Gleichwohl war die Kirch-Pleite ein Fingerzeig, der empfindlich auf die Sollbruchstelle des Geschäftsmodells der Bundesliga hingewiesen hat.

Robert Hoyzer

Plasma-Fernseher gelten inzwischen als überholt - aktuelle Modelle setzen auf andere Technologien. Die Vergänglichkeit eines technischen Geräts ist in mancher Hinsicht sinnbildlich für die Tragik der Person Robert Hoyzer. Eine schnöde Glotze und 67.000 Euro waren es dem damals 24-jährigen Schiedsrichter 2004 wert, den Zorn der Republik auf sich zu ziehen, seine Karriere als Unparteiischer grundlegend zu ruinieren und eine Haftstrafe zu kassieren. Hoyzer gestand, Spiele der 2. Bundesliga, des DFB-Pokals und der Regionalliga verschoben zu haben und löste damit ein Beben im deutschen Fußball aus, dessen Erschütterungen bis heute nachwirken. Im Nachgang der im wesentlichen durch den Drahtzieher Ante Sapina in Auftrag gegebenen Manipulationen wurden vom DFB Maßnahmen erlassen, um Schiedsrichter intensiver zu beobachten und Ansetzungen auch kurzfristig noch ändern zu können. Zudem ließ der Verband ein Frühwarnsystem installieren, um auffällige Wetten zu identifizieren. Übrigens war auch eine Absichtserklärung zur baldmöglichen Einführung des Videobeweises Teil der Konsequenzen aus der Affäre. Ein Großteil dieses Skandals blieb an Hoyzer persönlich haften - sein Name steht bis heute synonym für Schiebung. Mit Dominik Marks wurde dabei ein zweiter Unparteiischer im Rahmen des Skandals verurteilt. Dem deutschen Fußball und der Bundesliga blieb ein nachhaltiger Imageschaden indes erspart. Nicht zuletzt wohl, weil die WM 2006 schnell die Schlagzeilen übertünchte - und viel später ihre eigene Skandalgeschichte schrieb.

Robert Enke

Am 10. November 2009 nahm sich der Torwart von Hannover 96 das Leben, im Nachgang wurde bekannt, dass er seit langer Zeit unter schweren Depressionen litt. Der Fußball neigte in der Folge verstärkt zu Grundsatzfragen. DFB-Präsident Theo Zwanziger appellierte an einen anderen Umgang miteinander, für mehr Menschlichkeit und Achtsamkeit sprachen sich Profis und Funktionäre über alle Klub- und Ligagrenzen hinweg aus. Seither gilt Enkes Tod als Projektionsfläche für alles, was zu Anstand und gegenseitiger Fürsorge mahnt. Zwar war mitnichten der Fußball selbst ursächlich für Enkes Krankheit, gleichwohl stand die überfällige Diskussion über den Umgang mit Fußball-Profis in der Öffentlichkeit der Bundesliga gut zu Gesicht. Grundlegend verändert hat sich seither betrüblicherweise nicht allzu viel. Enkes Schicksal dient der Bundesliga gleichwohl als stille Mahnung, die auch an den Fußball-Zirkus mit seinem chronisch überhöhten Bedeutungsanspruch adressiert ist.

Die Auswirkungen der Coronakrise auf die Bundesliga sind noch immer völlig spekulativ. Im Angesicht unabsehbarer Einnahmeausfälle und womöglich existenzieller Nöte ist wohl vorerst nur tröstlich, dass nach jeder Krise bislang der Alltag wieder zurückgekehrt ist.