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Fußball-Bundesliga bleibt trotz aller Kritik ein Zuschauer-Magnet

Spektakel statt Boykott : Warum die Bundesliga ein schreckliches Vergnügen bleibt

Die Fußball-Bundesliga ist zunehmend unattraktiv. Als Wettbewerb kaum noch ernst zu nehmen, zerrüttet vom Kommerz, international abgehängt und oft stinklangweilig. Doch seit Freitagabend ist das anders. Denn die Bundesliga läuft wieder.

Man kann dem Fußball so ziemlich alles vorwerfen und hat meistens recht. Die öffentliche Sammelklage umfasst Verfehlungen nahezu biblischen Ausmaßes – Betrügereien jeder Geschmacksrichtung, moralische Erosion, ein kaputter Wettbewerb bis hin zu tatsächlichen Kapitalverbrechen wie in Zusammenhang mit der WM in Katar. Das Lamento darüber geht bei vielen Fans einher mit zumindest angedrohten TV-Boykotts, dem Fernbleiben von Heimspielen oder in letzter Konsequenz sogar der Kündigung des Streamingdienstes, der inzwischen mehr kostet als eine Dauerkarte. Doch ungeachtet aller guten Vorsätze verfängt das Spiel wie eh und je. Allein der erste Bundesliga-Spieltag kam wie bestellt mit allen Zutaten, die die gut gemeinten Versprechungen des Sommers vergessen lassen.

Eben waren es noch die Frauen bei der EM in England, die uns eines besseren Fußballs belehrten und wieder Gefühle anknipsten, wo Nationalmannschaftsvergraulte nicht mal mehr einen Schalter vermutet hätten. Mit viel weniger Marketing-Klimbim als bei der „Mannschaft“, die das inzwischen gar nicht mehr sein will, begeisterte wieder ein DFB-Team das Land und regte gleichzeitig zum Nachdenken über Alternativen zum Hyper-Kommerzfußball an.

Doch von Anpfiff weg war alles wie immer. Die Laune der Zuschauer konnte an diesem Wochenende höchstens die überkandidelte Nationalhymne zur feierlichen Saisoneröffnung in Frankfurt verderben, die erwartungsgemäß in Pfiffen unterging. Sobald die Tore hochgezogen und der FC Bayern wie eine Horde ungestümer Welpen mit überbordendem Spieltrieb auf den amtierenden Europapokalsieger losgelassen wurden, der seinen Beitrag zum Spektakel darauf beschränkte, möglichst nicht im Weg zu stehen, entfaltete die Bundesliga ihre gesamte Faszination und allen schönen Schrecken, der sie im Wortsinn unwiderstehlich macht.

Die Abgänge von Erlebnisspielern wie Erling Haaland und Robert Lewandowski machten die Münchner in nur einer Halbzeit vergessen. Sogar die bange Frage, wie verhängnisvoll das wohl für die Liga sein kann, was Bayern da beim am Ende schmeichelhaften 6:1 gegen Frankfurt zur Aufführung brachten, geriet zwischenzeitlich in Vergessenheit. Ein Erlebnis wie ein Schokoriegel, der zwar schrecklich ungesund ist, dessen teuflischster Kniff aber ist, genau das für den entscheidenden Moment vergessen zu lassen.

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Kaum war der bayerische Urknall verhallt, legte der Rest der Liga nach. Mit vielen Toren, neuen Gesichtern, alten Traditionsklubs. Gelb-Rot in vier Minuten, Fallrückzieher, ein Leverkusener Feldspieler im Tor, Bremer Fans haben Ärger mit der Polizei, neue Verletzungssorgen, alte Transfergerüchte. Timo Werner zurück zu RB Leipzig? Anthony Modeste verlässt den 1. FC Köln und wechselt als Platzhalter für Sebastién Haller zu Borussia Dortmund? Durchgesickert zwei Stunden vor Kölns Saisonauftakt gegen Schalke. Steffen Baumgart schimpft, dabei hat S04 Gesprächsbedarf. Meldet sich mit einem furchteinflößenden Gewaltschuss zurück, doch statt Jubel gibt’s Videomaterial für ein ganzes Schiedsrichterseminar, eine Rote Karte, die zu regelrecht philosophischer Analyse verleitet. Alles bejubelt von einem schadenfreudigen Schalker Noch-immer-Intimfeind Kevin Großkreutz auf der Tribüne. Bilder, bei denen grundsätzlich fußballinteressierte Menschen schwerlich wegschauen und noch schwerer Desinteresse heucheln können.

Nun besteht die Bundesliga unzweifelhaft auch künftig zu einem Gutteil aus Hoffenheim gegen Wolfsburg und verschreibungspflichtig langweilige Sonntagsspiele werden längst gestellte Sinnfragen neu entflammen. Aber mit Spielen wie sie die DFL an diesem Wochenende auf allen Ausspielwegen verbreiten konnte, kaschieren die Highlights noch immer viele Schattenseiten. Dass die Bundesliga nur dank der skurrilen Katar-WM eine bemerkenswert kurze Sommerpause hinter sich hat. Dass der FC Bayern die Punkteausbeute mehr oder weniger planvoll so gestalten kann, dass die Meisterfeier auf ein angenehmes Datum fällt. Dass Dortmund mit einem Modeste-Transfer in bayerischer Gutsherrenart Spieler willkürlich von der Konkurrenz abgreift. Dass die Bundesliga im internationalen Vergleich eher ein SC Freiburg ist – vergeben, vergessen, verziehen, solange es ausreichend knallt und funkelt.

Die Konsequenz, dass keiner mehr zuschaut, muss die Bundesliga bis auf weiteres nicht befürchten. Über zehn Millionen sahen das Eröffnungsspiel auf Sat.1 - Bestwert am Freitag. Immerhin: In einer aktuellen Umfrage hat rund ein Drittel der befragten Fußballfans angegeben, sich in Zukunft auch verstärkt Bundesliga-Spiele der Frauen anzusehen. Nicht nur die Macher von Daily Soaps wissen aber dass zu, was Menschen darüber sagen und dem, was sie tatsächlich schauen, mitunter eine Lücke klafft. Die Bundesliga bleibt ein schreckliches Vergnügen und weiß, was ihr Publikum sich wünscht.