Starke Antwort auf Neuer-Krach Bayern nach Sieg in Wolfsburg wieder Erster

Wolfsburg · 4:2 beim VfL Wolfsburg - die Reaktion des FC Bayern München auf ein turbulentes Wochenende ist ein starkes Statement. Schon nach 19 Minuten steht es 3:0. Die Debatte um Manuel Neuer bleibt aber.

 Thomas Müller (2.v.r.) und Kingsley Coman bejubeln einen Treffer für Bayern.

Thomas Müller (2.v.r.) und Kingsley Coman bejubeln einen Treffer für Bayern.

Foto: AP/Michael Sohn

Energisch wie selten klatschte Julian Nagelsmann jeden einzelnen seiner Spieler ab. Auch das war ein Statement - genau wie dieses Spiel. Durch ein turbulentes 4:2 (3:1) beim VfL Wolfsburg hat der FC Bayern München am Sonntagabend eine sportlich bemerkenswerte Antwort auf den großen Krach um seinen Kapitän Manuel Neuer gegeben. Der Nationaltorwart hatte an diesem Wochenende massiv die Clubführung kritisiert und die schlug zusammen Nagelsmann sofort zurück. Nur die Mannschaft zeigte sich unbeeindruckt vom Wirbel und eroberte die kurzzeitig verlorene Tabellenführung in der Fußball-Bundesliga eindrucksvoll vom 1. FC Union Berlin zurück.

„Am Ende des Tages müssen wir uns auf das Sportliche konzentrieren“, sagte Joshua Kimmich, der in der 54. Minute Gelb-Rot sah, bei DAZN nach der Partie. „Das haben wir heute gemacht, wir haben heute gewonnen. Das gibt am Ende des Tages immer am meisten Ruhe im Verein, wenn wir die Spiele gewinnen.“ Nagelsmann sieht sein Team dabei nach zuvor drei Unentschieden in der Liga und dem Weiterkommen im Pokal sportlich auf dem richtigen Weg: „Ich bin nie hundert Prozent zufrieden und die Spieler auch nicht, wir wollen immer was zu tun haben. Wenn man die Gesamtheit des Spieltags nimmt, war es ein sehr wichtiger Sieg und demnach auch ein wichtiger Schritt.“

Zwei Treffer von Kingsley Coman (9./14. Minute) sowie ein Kopfballtor des neuen Münchner Rekord-Feldspielers Thomas Müller (19.) erzielten schon in weniger als 20 Minuten einen Wow-Effekt. Dass das Bayern-Spiel danach an Tempo und Schärfe verlor, nutzte der Wolfsburger Jakub Kaminski kurz vor der Halbzeit zum 1:3 (44.).

Nach der Pause drohte die Partie sogar zu kippen. Nationalspieler Kimmich sah nach einem unnötigen Foul an Maximilian Arnold die Gelb-Rote Karte. Micky van de Ven und Mattias Svanberg (50.) hatten schon vorher die große Chance zum 2:3 für den nie aufsteckenden VfL. Ridle Baku scheiterte nach einer Stunde freistehend aus kurzer Distanz (61.). Das rächte sich aus Wolfsburger Sicht, als Jamal Musiala in Unterzahl zum 4:1 traf (73.). Der Treffer von Svanberg (81.) brachte den Münchner Sieg nicht mehr in Gefahr. „Es war viel drin, ich glaube schon, dass man gesehen hat, dass wir die Gier haben, zu gewinnen“, betonte Müller.

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Die Wolfsburger ärgerten sich hingegen angesichts zahlreicher guter, vergebener Chancen. „Angefühlt hat es sich nicht nach dem Ergebnis“, sagte Arnold. „Wir haben gezeigt bekommen, wie man Tore schießt.“ Aus Sicht von Ex-Bayern-Trainer Niko Kovac spiegelte das Ergebnis nicht den Spielverlauf wider: „Wir haben das ein oder andere mehr liegen lassen.“

Einer der Sieger dieses Spiels dürfte auch Nagelsmann sein. Zwar drehte sich Neuers Attacke in der „Süddeutschen Zeitung“ und dem internationalen Sportportal „The Athletic“ um die Trennung von seinem engen Freund und Torwarttrainer Toni Tapalovic („Ich hatte das Gefühl, mir wird mein Herz rausgerissen“). Doch sie provozierte auch die Frage, ob der aktuell verletzte Torwart so etwas auch bei einem Pep Guardiola, Jupp Heynckes oder einem anderen Trainer als dem teamintern nicht mehr unumstrittenen 35-Jährigen gewagt hätte.

Nagelsmann fand jedoch den richtigen Umgang mit dieser nach drei sieglosen Bundesliga-Spielen auch sportlich pikanten Situation. Auch er kritisierte Neuer vor dem Anpfiff bei DAZN („Hätte das Interview nicht gegeben“). Der Trainer fand dabei jedoch ausgleichendere Worte als Vorstands-Chef Oliver Kahn („Wird weder ihm als Kapitän noch den Werten des FC Bayern gerecht“) und Sportvorstand Hasan Salihamidzic („Hat seine persönlichen Interessen hier über die Interessen des Clubs gestellt“).

Vor allem ließ Nagelsmann seine Mannschaft anders als noch beim überzeugenden 4:0-Pokal-Erfolg beim FSV Mainz 05 in dem von ihr bevorzugten 4-2-3-1-System auflaufen. Leroy Sané durfte auf dem Flügel statt im Zentrum agieren, Jamal Musiala wieder auf der Zehner-Position.

Für Vereinsikone Müller fand sich auch noch ein Platz - diesmal als Mittelstürmer anstelle des erkrankten Eric Maxim Choupo-Moting (Magen-Darm). Der 33-Jährige bestritt in Wolfsburg sein 427. Bundesliga-Spiel und ist nun zusammen mit Gerd Müller der Feldspieler mit den meisten Erstliga-Einsätzen in der Geschichte des deutschen Rekordmeisters. Nur die Torhüter Sepp Maier (473) und Oliver Kahn (429) waren noch häufiger dabei.

Ein anderes Münchner Problem neben dem zwischenzeitlichen Leistungsabfall nach einer halben Stunde war die nach acht Verletzungen und Erkrankungen qualitativ stark ausgedünnte Bank. Nach Serge Gnabry wechselte Nagelsmann in Unterzahl zunächst nur noch vergleichsweise unerfahrene Spieler wie Josip Stanisic und Mathys Tel ein.

Doch der Platzverweis für Kimmich schärfte eher wieder die Sinne der Bayern, als dass er dem Spiel eine Wende gab. Der 17 Jahre alte Tel vergab in der 64. Minute die große Konterchance zum 1:4. Musiala erhöhte dann nach einem traumhaften Solo. Kurz nach dem Wolfsburger Treffer durch Svanberg zählte das vermeintliche 3:4 von Yannick Gerhardt wegen eines Foulspiels von Baku nicht.

(dpa/stja)