Ein Besuch in der BVB-Stadt Dortmund: Erlaubt ist, was schwarzgelb ist

Ein Besuch in der BVB-Stadt Dortmund : Erlaubt ist, was schwarzgelb ist

Der BVB ist in Dortmund mehr als der aktuelle deutsche Double-Sieger. Borussia Dortmund ist für die oft geplagten Menschen in der Ruhrmetropole die Konstante im Leben – und das merkt man an so ziemlich jeder Ecke. Ein Besuch in der schwarzgelben Stadt.

Der BVB ist in Dortmund mehr als der aktuelle deutsche Double-Sieger. Borussia Dortmund ist für die oft geplagten Menschen in der Ruhrmetropole die Konstante im Leben — und das merkt man an so ziemlich jeder Ecke. Ein Besuch in der schwarzgelben Stadt.

Siggi hat sein kariertes Hemd in die schwarze Trainingshose gestopft. Auf der Hose prangt das schwarzgelbe Logo von Borussia Dortmund. Bedächtig schlurft der Rentner über den Bürgersteig, die abgearbeiteten Hände auf dem Rücken gefaltet, er schaut nach oben in die Bäume, die mit schwarzgelbem Stoff umnäht sind. Irgendwann lässt er sich auf einer Bank nieder. Dann wirkt er erleichtert, als sei er angekommen. Er atmet durch. Jeden Morgen macht er diese Runde.

Diese Runde, das ist ein Spaziergang rund um den Borsigplatz im Nordosten Dortmunds. Für die Ruhrmetropole ist es nicht irgendein Platz. Um die Ecke wurde vor 103 Jahren Borussia Dortmund gegründet, der Fußballverein, der in den vergangenen beiden Jahren in Deutschland alles an die Wand gespielt hat und von dem nicht wenige in der kommenden Saison die dritte Meisterschaft in Folge erwarten — wenn die Bayern es nicht werden sollten.

Klotzige Geschäftsstelle

"Schön gefeiert hammse hier", sagt Siggi, "schöne Autokorsos waren das immer am Borsigplatz." Es ist nicht die feinste Gegend der Stadt. Pommesbuden, die Pommes blau-weiß ohne Schale (in der Papiertüte) in Anlehnung an den Revierrivalen Schalke 04 verkaufen, Schlüsseldienste, Dönerläden, ein Supermarkt, der längst dicht gemacht hat, Sportwetten-Büros. Zwischen den Bäumen hängt ein Plakat: "Hier werden Meister geboren." Das Haus mit der früheren Kneipe "Zum Wildschütz", in der 18 Herren vor 103 Jahren den BVB gründeten, ist um die Ecke. Heute ist dort die Pommesbude "Rot-Weiß".

Das ist die Seite von Dortmund, die viele nicht kennen. Wer durch Dortmund fährt, sieht die B1 mit ihren Glaspalästen. Einer davon gehört Borussia Dortmund. Dreieinhalb Kilometer sind es vom Borsigplatz zum Rheinlanddamm, wo die moderne, klotzige Geschäftsstelle des BVB in direkter Nähe zum modernen, klotzigen Stadion liegt. Dreieinhalb Kilometer, aber dazwischen liegen so viele Jahrzehnte mit Erfolgen, Misserfolgen und Fastpleiten.

Hin und wieder kommt der BVB zurück: An diesem Morgen zum Laktattest in den Hoeschpark, wenige Fußminuten vom Borsigplatz entfernt, wo das erste Stadion "Weiße Wiese" stand, oder zur Meisterfeier in den vergangenen beiden Jahren.

Wer die Ausnahmestellung des BVB in dieser Stadt erleben will, sollte am Borsigplatz anfangen. An diesem Morgen hat Dortmunds neuer Ausrüster beinahe jeden Baum in der Stadt mit schwarzgelbem Stoff zugenäht. Ohne Genehmigung, klammheimlich. Das Rathaus segnete das gnädig im Nachhinein ab und drohte mit erhobenem Zeigefinger: Bloß nicht wieder. So funktioniert das in Dortmund mit dem BVB. Was schwarzgelb ist, ist erlaubt. Und niemand kann das besser ausdrücken als Leute wie Rentner Siggi, der ehemalige Stahlkocher: "Weisse, der BVB war schon immer datt Wichtigste im Leben. Auch für mich."

Die Dauerkarte wird vererbt

Das ist die eine Seite des Klubs, die romantische. Die andere sieht so aus: Mehr als 200 Millionen Euro Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr, zum ersten Mal in der Geschichte des Klubs, wie Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke jüngst verlauten ließ. Die gigantischen Schulden nach der knapp abgewendeten Insolvenz 2005 sind auf ein verträgliches Maß abgebaut, 54.000 Dauerkarten wurden gerade verkauft, 90.000 Bestellungen gab es, 37.000 enttäuschte Fans stehen auf der Warteliste.

Das Recht auf eine Dauerkarte wird vererbt in dieser Stadt, erklärt Siggi. Mehr als 80.000 Zuschauer kommen im Schnitt zu den Heimspielen, so viele wie nirgends sonst in Europa. Und der Klub ist wieder in der Lage, 17 Millionen Euro Ablöse für einen Wunschspieler wie Marco Reus zu zahlen. Der BVB kann beides: Einerseits der romantisch verklärte Fußballklub mit Hang zur Gefühlsduselei sein, und andererseits die knallhart kalkulierende Kapitalgesellschaft.

Das weiß auch Sportdirektor Michael Zorc. Er ist seit mehr als 30 Jahren im Verein und glaubt, dass sich die Menschen in dieser Stadt wohl im Moment ganz besonders mit dem BVB identifizieren. Und das liegt nicht nur am sportlichen Erfolg.

Dafür gibt es einige entscheidende Figuren im Klub. Trainer Jürgen Klopp, der nach Dortmund passt wie Uli Hoeneß nach München. Klopp wird nicht nur für Meisterschaften geliebt, sondern auch dafür, dass er wie in dieser Woche vor Kölner Sportstudenten Sätze sagt wie: "Wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig. Oder gar nicht. Absolute Identifikation. Um das zu zeigen, stehe ich hier auch im BVB-Pulli, obwohl ich schwitze wie ein Schwein. Ich habe auch andere Sachen zum Anziehen."

Es gibt den als Mittelfeld-Spieler getarnten Ultra-Fan Kevin Großkreutz, der sich nach der Meisterschaft 2011 die Dortmunder Skyline auf die Wade tätowieren ließ. Und es gibt Spieler wie den Verteidiger Neven Subotic, der im Freudentaumel mitten auf der Straße sein Auto anhielt, ausstieg und mit Fans feierte. Das hatte Folgen: Subotic hat jetzt seinen eigenen markierten Parkplatz — mitten auf der Straße im Dortmunder Kreuzviertel.

13 Prozent Arbeitlose

Das muss man wissen, um Borussia Dortmund zu verstehen. Der BVB ist in dieser Stadt die Konstante, das, was immer da war, auch wenn es den meisten Menschen dreckig ging. Die Zechen und die Kokereien machten spätestens in den 80ern zu, viele Brauereien ebenfalls. Auch Siggi wurde nach jahrzehntelanger Maloche nicht mehr gebraucht, der BVB aber blieb.

Obwohl er ebenfalls mehrmals bedrohlich nah am Abgrund stand in seiner Geschichte, zuletzt vor zehn Jahren, als die Verschwendungssucht den Präsidenten Gerd Niebaum und den Manager Michael Meier hunderte Millionen verschleudern ließ. Heute ist die Borussia den Glaspalästen viel näher als den Kneipen am Borsigplatz. Aber die Verantwortlichen schaffen den Spagat zwischen Unternehmen und Verein.

Die Arbeitslosenquote in der Stadt liegt derzeit bei 13 Prozent, Aufschwung ist woanders. Deshalb lehnen sich die Menschen an den Verein an, der gleichzeitig auch ihr Vorbild ist: Man kann den Strukturwandel schaffen, wenn man fleißig ist — und sei es nur bei der morgendlichen Runde um den Borsigplatz. Oder eben auf dem Platz im ehemaligen Westfalenstadion. Genauso spielt die Mannschaft.

Am Borsigplatz erinnern heute zahlreiche Plaketten auf dem Boden und an den Wänden an die ersten Stationen des BVB. So auch am Haus der Gründungsgaststätte "Zum Wildschütz". Die Kneipe gibt es auch heute noch, nur nicht mehr an dieser Stelle. Sie steht jetzt nachgebaut im Vereinsmuseum.

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(das)
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