DFB: Schiedsrichter-Streit um Manuel Gräfe und Felix Brych droht zu eskalieren

Schiedsrichter-Streit im DFB: Mobbing, Missgunst und dubiose Machenschaften

Unter den deutschen Top-Schiedsrichtern rumort es. Die Führung des DFB soll einzelne Unparteiische gezielt bevorteilen - und kritisches Personal abstrafen. Manuel Gräfe trägt den seit Jahren laufenden Zwist öffentlich aus. Eine Analyse.

Es handelt sich dabei nicht um eine reine Eifersüchtelei. Dahinter steckt knallharte Machtpolitik. Hellmut Krug, der für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) die Einführung des Videobeweises in der Bundesliga betreut, gilt seit Jahren als Pate von Zwayer. Ohne die Unterstützung von Krug wäre der Referee aus Berlin, behaupten viele seiner Kollegen, niemals so weit aufgestiegen. Und vielleicht wäre seine Karriere auch schon zu Ende.

Zwayer war Schiedsrichter-Assistent im Team von Robert Hoyzer, der im Auftrag einer Wettmafia Spiele verschob. Zwayer war damals 23 Jahre alt. Hoyzer beschuldigte ihn damals, 300 Euro angenommen zu haben. Zwayer bestreitet dies, ihm konnte auch nie etwas nachgewiesen werden.

Es gehört zu den Besonderheiten dieser Zunft, dass sich mit einem gewichtigen Fürsprecher Türen eben deutlich leichter öffnen - und für andere geschlossen bleiben. Krug hat diese Macht. Doch wie will man das beweisen? Es gibt keine klaren Bewertungsgrundlagen - ein falscher Pfiff muss noch lange kein falscher Pfiff sein. Und Zwayer ist nicht überragend gut, aber auch nicht abgrundtief schlecht. Die Deutungshoheit darüber beansprucht ein kleiner Kreis von Funktionären für sich. Und manchmal sind die Ansichten sehr wechselhaft. An einem Wochenende wird so entschieden, am anderen kann es schon anders aussehen. Das hängt auch damit zusammen, wie aktuell die öffentliche Wahrnehmung ist.

Es ist selten, dass sich jemand gegen das System auflehnt. Denn alle sind irgendwie miteinander in Abhängigkeit. Vor ein paar Wochen hat Manuel Gräfe das Schweigen gebrochen. "Die beiden haben sich ihre Schiedsrichterliste so zusammengebastelt, wie sie es wollten. Es ging nicht vorrangig nach Leistung", sagte Gräfe im Interview mit dem Berliner "Tagesspiegel".

Im Fokus: Manuel Gräfe. Foto: Bongarts

Er meinte damit Krug und Herbert Fandel, die bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) und beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) jahrelang über Schiedsrichter-Ansetzung und Schiedsrichter-Bewertung bestimmten. Und immer noch durch Projektarbeiten sehr direkt Einfluss nehmen.

Krug wacht in Köln über den Videoschiedsrichter. In einem Technikzentrum ist er als Supervisor im Einsatz. Erfahrenen Schiedsrichtern kann er nicht dazwischenreden, aber es gibt genug junge Unparteiische, die seine "Ratschläge" sehr wohl zu deuten wissen. War es strafbares Handspiel? Es geht manchmal um Bruchteile von Sekunden.

Eigentlich gibt es ein Protokoll, wie es zu einer Entscheidungsfindung kommen soll. Doch, so erfuhr unsere Redaktion aus Schiedsrichterkreisen, soll dieses Verfahren wiederholt durchbrochen worden sein. Man habe allerdings den Eindruck gewonnen, es würde mehr nach Bauchgefühl denn nach einem festen Regelwerk entschieden.

Krug und Fandel sehen sich als Opfer einer Intrige. Tatsächlich ist es fast unmöglich, Harmonie zwischen allen Beteiligten zu erzielen. Es gibt zwar im Prinzip einen festgelegten Kriterienkatalog, für was ein Schiedsrichter während einer Partie Pluspunkte und Abzüge bekommt. Am Ende errechnen das aber nicht ein "unbestechliches" Computersystem, sondern Benutzer, die ihre Wünsche umsetzen wollen. Es soll in der Spitze der Unparteiischen ein Klima der Kälte herrschen.

Die Rede ist von systematischem Mobbing. Jedes Frühjahr versammelt sich die Elite deutscher Schiedsrichter zu einem Trainingslager auf Mallorca. Dort, so berichten Teilnehmer, sei es wiederholt schon zu harschen Zwischenfällen gekommen. Die Ausbildungsleiter, darunter auch Krug, hätten sich gezielt schwächere Kollegen rausgesucht, "und vor versammelter Mannschaft frischgemacht". Der ehemalige Schiedsrichter Babak Rafati, der im November 2011 versuchte, sich vor einem Ligaspiel das Leben zu nehmen, klagte Fandel öffentlich an. Er sei von ihm wiederholt erniedrigt worden. Fandel bestritt die Vorwürfe.

Es ist eben auch schwer, eine Opposition zu organisieren, weil alle Teil des Spiels bleiben wollen. Denn wer nicht mehr aktiv pfeifen darf, der will sich mindestens dafür empfehlen, als Schiedsrichterbeobachter für ein paar hundert Euro durch die Republik zu tingeln. Solche Versorgungspöstchen lassen so manchen Kritiker schnell verstummen.

Manuel Gräfe, 43, wehrt sich gegen dieses System. Der DFB will nun die Vorwürfe "genauestens" analysieren. Was wohl so viel heißt: Alles bleibt so wie immer.

(gic)