Interview mit Mike Büskens: "Der schlimmste Moment, den ich erlebt habe"

Interview mit Mike Büskens: "Der schlimmste Moment, den ich erlebt habe"

Fürth/Düsseldorf (RPO). Mike Büskens, in Düsseldorf geborener Trainer des Zweitligisten SpVgg Greuther Fürth, gehörte zu den Schalker Fußballern, die vor neun Jahren "278-Sekunden-Meister" waren. Nach dem 5:3-Sieg gegen die SpVgg Unterhaching sprangen Gelsenkirchener Spieler, durch eine Falschinformation getäuscht, im Parkstadion freudetrunken wild durcheinander. Raketen stiegen in den Himmel, Tausende Fans stürmten auf den Rasen, und die Mannschaft flüchtete vor den feiernden Anhängern erst einmal in die Kabine.

Dort erlebte sie dann die niederschmetternden Bilder aus Hamburg, wo Patrik Andersson gegen den HSV mit einem Freistoß den Ausgleich zum 1:1 erzielte und dem FC Bayern damit die Meisterschale sicherte.

Der vom FC Schalke stammende Torhüter Mathias Schober hatte den Freistoß verursacht, weil er den Ball nach einem Rückpass in die Hand nahm. So wurden die Schalker nur "Meister der Herzen". Eine Woche später gewannen sie im Berliner Olympiastadion den DFB-Pokal durch einen 2:0-Endspielsieg gegen 1. FC Union Berlin. Im Gesprüch mit unserer Redaktion spricht der 42-Jährige über das Drama.

Herr Büskens, was ist in Ihnen vorgegangen, als Sie plötzlich realisierten, dass nicht Schalke 04, sondern der FC Bayern Deutscher Meister war?

Sie haben hemmungslos geweint.

Büskens: Ja klar. Das war einfach ein sehr emotionaler Moment, da brachen die Dämme. In Hamburg flossen Freudentränen, bei den Bayern. Bei uns war es der Frust, der heraus musste. Aber ich habe mir gesagt: Für den Meistertitel hätte ich nie auf unseren Uefa-Cup-Sieg 1997 verzichten wollen, wenn ich die Wahl gehabt hätte. Denn das war der größte Erfolg der Schalker Vereinsgeschichte.

Gab es jemanden, der Sie damals über die grenzenlose Enttäuschung hinwegtrösten konnte?

Büskens: Es war doch eine kollektive Trauer. Jeder musste das für sich selbst verarbeiten, in den nächsten Stunden, an den folgenden Tagen. Was uns dann aber wahnsinnig geholfen hat, war die Unterstützung in der Woche danach, bevor wir zum Pokalfinale nach Berlin fuhren. Zu unserem Abschlusstraining auf Schalke kam eine fünfstellige Zahl von Fans, das war sensationell.

Wie haben Sie Schalkes damaligen Manager Rudi Assauer nach dem Herzschlagfinale in der Bundesliga erlebt?

Glauben Sie, dass Schalke es in diesem Jahr schafft und nach 52 Jahren wieder einmal Meister wird?

Büskens:Schalke hat auf jeden Fall noch eine Chance, trotz des schwereren Restprogramms. Für die Bayern ist die Belastung durch das Champions-League-Halbfinale am vergangenen Dienstag größer, und jetzt haben sie ja auch noch das Endspiel vor der Brust.

Haben Sie das Kapitel Schalke abgeschlossen, als es für Sie im vergangenen Jahr dort keinen Platz mehr im Trainerstab bei den Profis gab?

Büskens:Ich war 17 Jahre bei Schalke und habe so viele schöne Momente erlebt in diesem Verein. Durch ihn habe ich meine Frau kennengelernt, als sie im Klub ein Praktikum machte, in Gelsenkirchen sind unsere Kinder geboren, und ich bin immer noch Schalke-Mitglied. Das alles kann man nicht zerstören. Ich habe rotweißes Blut in meinen Adern durch meine Zeit bei Fortuna Düsseldorf. Und ich habe zugleich blauweißes Blut durch Schalke.

Friedhelm Körner führte das Gespräch

(RP)
Mehr von RP ONLINE