Bundesliga 2019/20: Borussia Dortmund mit Rückenwind zum FC Bayern München

Härteprobe für Flick : Dortmund mit Rückenwind nach München

Borussia Dortmund hat nach der Champions-League-Partie gegen Inter Mailand Rückenwind und der FC Bayern steckt in der Krise. Vor dem Gastspiel der Dortmunder in München könnte die Ausgangslage der beiden Top-Teams nicht unterschiedlicher sein.

Hans-Joachim Watzke ist ein großer Skeptiker. Einer, der noch bei einer 3:0-Führung der eigenen Mannschaft ängstlich auf die Stadionuhr schaut und den Schlusspfiff herbeisehnt, der Stunden vor einem Spiel alle möglichen grausigen Szenarien vor dem inneren Auge vorbeiziehen sieht und der während des Spiels von einer Verzweiflung in die andere fällt. Ein ganz normaler Fußball-Fan eben. Das hat der Geschäftsführer von Borussia Dortmund in seiner gerade erschienenen Autobiografie "Echte Liebe" pünktlich zur Frankfurter Buchmesse einem größeren Publikum verraten.

Deshalb ist es schon bemerkenswert, dass Watzke vor dem fast schon ewigen Bundesliga-Spitzenspiel bei Bayern München zumindest leise Töne der Zuversicht von sich gibt. Nach der großartigen Aufholjagd gegen Inter Mailand in der Champions League, als der BVB einen 0:2-Pausen-Rückstand in ein 3:2 verwandelte, sagte er tatsächlich: "Das gibt uns ein bisschen Rückenwind für Samstag." In die Sprache herzhafter Berufs-Optimisten übersetzt: "So rennen wir auch die Bayern um."

In der inneren Führung des BVB gibt es aber derartige Lautsprecher nicht. Sportdirektor Michael Zorc hält sich mit öffentlichen Einschätzungen gern zurück, Trainer Lucien Favre belässt es meist dabei, kommende Aufgaben mit leiser Stimme und gequälter Miene als "sehr, sehr schwer" zu bezeichnen. Und Mannschaftskapitän Marco Reus hat in jüngerer Vergangenheit mehr mit vielen kleinen Verletzungen zu tun als mit großen Ansagen ans Fußballvolk.

Es könnte durchaus sein, dass Reus fehlen wird beim Treffen der beiden Mannschaften, die ganz Fußball-Deutschland vor der Saison auf einem gemeinsamen Durchmarsch vor dem bedauernswerten Rest der Liga sah, die aber nach zehn Spieltagen immer noch nur Verfolger des Überraschungs-Spitzenreiters Borussia Mönchengladbach sind.

Die Bayern haben an dieser Last deutlich mehr zu tragen. Während die Dortmunder sich in den vergangenen Wochen nicht nur gegen Mailand ein wenig befreit haben und die Diskussionen um den ebenso liebenswürdigen wie zaudernden Trainer-Zausel Favre mal wieder verstummt sind, brennt bei den Münchnern spätestens seit der 1:5-Niederlage bei Eintracht Frankfurt so richtig der Baum.

Erster Leidtragender einer fußballerischen Krise, die sich in Frankfurt auch mal im Ergebnis niederschlug, war Trainer Niko Kovac. Trotz des Double-Gewinns in der Vorsaison ist er bei den Münchnern nie richtig angekommen. Er musste sich öffentliche Kritik von Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, halb-öffentliches Murren über Mängel in der taktischen Ausrichtung von der Mannschaft und zuletzt Aufstellungs-Anregungen von Präsident Uli Hoeneß gefallen lassen. Selten stand ein Trainer beim FC Bayern so allein. Und am Ende hat es den immer so aufrechten Kovac davongeweht.

Zunächst steht sein ehemaliger Assistent Hans (früher Hansi) Flick in der Verantwortung - zumindest bis zum Spitzenspiel am Samstag. Es kennzeichnet die Bayern-Krise vielleicht mehr als jedes Ergebnis, dass die Suche nach einem prominenten Nachfolger von einer Absage zur nächsten führt. Der erklärte Wunschkandidat Erik ten Hag hat in einer Pressekonferenz erklärt, dass er den Weg mit Ajax Amsterdam weitergehen wolle und vorerst nicht zur Verfügung stehe. Ralf Rangnick, im Augenblick Manager zwischen allen Welten des Red-Bull-Fußball-Konzerns, ließ über seinen Berater mitteilen, dass seine besonderen Fähigkeiten wohl nicht die seien, die der FC Bayern im Herbst 2019 benötige. Und Thomas Tuchel, der Coach von Paris St. Germain, erklärte lapidar, er sei "nicht interessiert".

Es ist kein Wunder, dass sich der Rekordmeister eine Flut an Absagen einhandelt, denn auch mögliche Wunschtrainer haben Augen und Ohren. Sie haben vor allem in jüngerer Vergangenheit das unheilvolle Wirken der beiden Münchner Führungsfiguren erleben können. Rummenigge und Hoeneß blockieren den Klub durch ihre offenkundigen Meinungsverschiedenheiten und den Anspruch, die jeweils allein gültige Wahrheit zu vertreten. Beide stehen vor dem Abschied, Hoeneß in einer Woche, Rummenigge in gut anderthalb Jahren. Der FC Bayern muss einen durchgreifenden Umbau hinbekommen - nicht nur der Mannschaft. Trainer, die dieses Werk begleiten sollen, warten da lieber noch bis zum nächsten Sommer, bis sich alle Nachwehen des Hoeneß-Abschieds und das größte Kompetenzgerangel gelegt haben.

Folglich wird der nächste Fußballlehrer wieder ein Moderator des Übergangs sein müssen. Jupp Heynckes hat das in der Nachfolge von Carlo Ancelotti vor fast genau zwei Jahren wunderbar gemeistert. Er führte die Mannschaft aus einer schweren Krise zum Titel, ins Pokalfinale und ins Champions-League-Halbfinale. Aber mit 74 Jahren steht er nicht mehr zur Verfügung. Er hatte schon 2017 betont, dass sein Einspringen ein reiner Freundschaftsdienst für Uli Hoeneß gewesen sei.

Es ist kein Zufall, dass in dieser Lage Arsène Wenger (70) ins Gespräch kam. Der Elsässer darf für sich in Anspruch nehmen, in seinem langen Wirken für den FC Arsenal die gesamte englische Premier League in ihrem Spielstil reformiert zu haben, und er steht allein aufgrund seines Alters jetzt nicht für die Dauerlösung. Es passte ebenfalls ins Bild, dass Wenger selbst den FC Bayern in einem Interview pries und sich in München regelrecht bewarb. Aber diesmal sagten die Münchner ab. Der "Bild" erklärte der FC Bayern: "Arsène Wenger hat Karl-Heinz Rummenigge angerufen und grundsätzlich Interesse am Trainerposten beim FC Bayern signalisiert. Der FC Bayern schätzt Arsène Wenger für seine Arbeit als Trainer beim FC Arsenal sehr, aber er ist keine Option als Trainer beim FC Bayern." Dafür könnte es diese Erklärung geben: Wenger wollte mehr als ein Übergangstrainer sein, der den Münchnern wie zuvor Heynckes in einem Dreivierteljahr Ruhe und eine fußballerische Identität bis zur Amtsübernahme des Wunschkandidaten (ten Hag?) gibt.

Vor allem an fußballerischer Identität mangelt es dem FC Bayern im November 2019. Das sehen auch die Spieler so. "Vielleicht hat uns nach vorn der Glanz gefehlt", mutmaßte Thomas Müller nach dem 2:0-Arbeitssieg gegen Olympiakos Piräus. Zur Erklärung fügte er einen Satz mit drei Pünktchen hinzu: "Aber in unserer Situation..."

Andere führten den Satz fort, indem sie die defensive Stabilität gegen ein international zweitklassiges Team bejubelten. Es geht beim Meister offenkundig zunächst mal wieder um die Grundlagen. Dass Flick in seinem ersten Spiel als Chef die beiden Künstler Philippe Coutinho und Thiago Alcántara auf die Bank setzte, beweist das mehr als jeder Wortbeitrag. Und Kampfansagen an die Dortmunder gibt es nicht. Natürlich nicht.

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