Schalke gegen Dortmund Das Warten auf das Derby hat ein Ende

Dortmund · Nach einem Jahr ohne Revier-Derby empfängt am Samstag der BVB den FC Schalke. Die Rollen sind klar verteilt – aber dem BVB steckt ein Spiel unter der Woche in den Knochen und Köpfen.

 Gewohntes Bild in den letzten Aufeinandertreffen: Der BVB jubelt über einen Sieg gegen Schalke 04.

Gewohntes Bild in den letzten Aufeinandertreffen: Der BVB jubelt über einen Sieg gegen Schalke 04.

Foto: dpa/Martin Meissner

Fußball kann so gemein sein. Er habe sich „so sehr auf die Woche gefreut“, gab Borussia Dortmunds neuer Verteidiger Nico Schlotterbeck vor ein paar Tagen in Leipzig zu Protokoll. Doch dann musste er eine ziemliche Vorführung und eine 0:3-Niederlage bei RB erdulden. In Manchester wurde er spät eingewechselt und erlebte aus großer Nähe, wie Erling Haaland mit einem Kung Fu-Tor der Zlatan Ibrahimovic-Art zum 2:1 das Champions-League-Spiel gegen ein lange sehr starkes BVB-Team für City entschied. Von der ganzen Wochenpracht bleibt nur noch die Vorfreude aufs Revier-Derby gegen Schalke 04 am Samstag, „das Match der Matche“, wie die Fans am Rande der Autobahn 40 so schön sagen.

Ein langes Fußballjahr hat es diesen Saison-Höhepunkt nicht gegeben, weil Schalkes Talfahrt für eine Saison in die Zweite Liga führte. Das fanden nicht mal die meisten Dortmunder schön, die dem Nachbarn ansonsten in herzlicher Abneigung verbunden sind – ein Gefühl, das selbstverständlich auf Gegenseitigkeit beruht.

Deshalb konnten sich sogar Dortmunder am Erfolg und am Wiederaufstieg der Gelsenkirchener Rivalen begeistern. Nicht so sehr wie 1934, als halb Dortmund den Deutschen Meister Schalke 04 am Bahnhof feierte und im Triumphzug zum Rathaus (Dortmunder Rathaus!) begleitete, wo sich die Blau-Weißen ins Goldene Buch eintrugen. So weit wird’s nicht mehr kommen. Damals war Schalke eine Klasse für sich, nicht nur im Revier, da ging das.

Heute hat Borussia Dortmund den Rivalen vor allem in der gemeinsamen Bundesliga-Geschichte längst deutlich überholt, auch wenn die Statistik das noch nicht so klar zum Ausdruck bringt. Von 98 Erstliga-Duellen gewann der BVB 36, Schalke 32.

Borussia Dortmund - FC Schalke 04: Die größten Momente des Revierderbys
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Die größten Momente des Revierderbys

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Beim traurigen und vorübergehenden Abschied der Gelsenkirchener aus der Bundesliga war der Unterschied zwischen den Teams besonders krass. Dortmund gewann zu Hause mit 3:0, auswärts mit 4:0. Eine Welt lag zwischen dem Champions-League-Team und dem Kellerkind.

Die Voraussetzungen am Samstag sind ähnlich. Dortmund hat sich über Jahre als sportlich und wirtschaftlich zweite Kraft hinter den Bayern etabliert, Schalke beeindruckt lediglich durch einen 185 Millionen Euro hohen Schuldenberg und endlich einmal angemessene Demut im Umgang mit den Saisonzielen.

Das heißt natürlich nicht, dass der BVB den Sieg im ehemaligen Westfalenstadion geschenkt bekommt. Denn Spieler und Fans (die vor allem) wissen, was auf dem Spiel steht. Niemand hat dem damaligen Dortmunder Kapitän Christian Wörns geglaubt, als der 2008 feststellte: „Es geht doch nur um drei Punkte.“ Das kann nur jemand sagen, der in Fußball-Heimatkunde gefehlt hat. Tatsächlich geht es darum, den jeweiligen Verlierer ein halbes Jahr lang genüsslich an die Schmach der Niederlage erinnern zu können. Es geht um mindestens eine besonders gute oder besonders schlechte Woche am gemeinsamen Arbeitsplatz von Schalker und Dortmunder Fußballfreunden, um Frotzeleien auf dem Campingplatz oder an der Trinkhalle, um Stolz. Deswegen sagte der Schalker Stürmer Sebastian Polter nach der gelungenen Generalprobe beim kleinen Derby gegen den VfL Bochum (3:1): „Jetzt kommt ein ganz, ganz wichtiges Spiel für die Region, für jeden Schalker. Dessen sind wir uns bewusst und werden alles geben, damit unsere Fans nach dem Derby stolz auf uns sein können.“

Dass derartige Hingabe nicht immer zum vielleicht verdienten Erfolg führt, hat der Schalker Gegner in Manchester erlebt. Bis in die Schlussphase führte der BVB, verstellte dem Favoriten mit großer Laufarbeit die Räume und war mit wenigen, aber gepflegten Angriffen sehr gefährlich. „Wir hatten City“, stellte Mats Hummels fest, der wie zu besten Zeiten verteidigte. Dann jedoch wurden die Dortmunder müde und gewährten dem Team von Pep Guardiola zweimal rund 20 Meter vor dem Tor ein wenig Beinfreiheit. John Stones bedankte sich, indem er den Ball mit Gewalt ins Netz hämmerte. Joao Concelo schlenzte das Spielgerät auf den einfliegenden Haaland. Alle Lobeshymnen auf die Dortmunder Klasse waren Makulatur. „Heute“, erklärte Hummels, „überwiegt das Negative, weil wir verloren haben.“

Kaum auszudenken, wenn das am Samstag beim 99. Revier-Derby in der Bundesliga wieder so sein sollte. Ganz bange BVB-Gemüter erinnern sich schon wieder ans Jahr 2019. Mehr als nur zarte Meisterträume blühten in Dortmund, doch der Tabellen-Fünfzehnte Schalke gewann mit 4:2, Marco Reus und Marius Wolf flogen vom Platz. Der Weg war wieder mal frei für den Dauer-Titelträger FC Bayern Das war für Fußball-Dortmund fast genauso schlimm wie die Derby-Niederlage. Fast.

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