Marokko statt DFB: Azaouagh: Schwergewicht von 64 kg

Marokko statt DFB: Azaouagh: Schwergewicht von 64 kg

Bochum (RP). Der 26 Jahre alte Bochumer Mimoun Azaouagh spielt künftig für die Nationalmannschaft von Marokko. Voraussetzung: Der Weltverband Fifa stimmt dem Wechsel wie im Fall des Schalkers Jermaine Jones zu, der für die USA antreten möchte. Azaouagh wurde in dem nordafrikanischen Land geboren.

Der Frage nach dem Körpergewicht muss sich Azaouagh am Ende des Gesprächs doch noch stellen, sie war ja einfach nicht zu vermeiden bei seiner hageren Statur. 63 Kilo — ist das immer noch aktuell? "64", sagt er. Dabei streckt er den Zeigefinger hoch, als sei er richtig stolz über das Kilo mehr, lacht übers ganze Gesicht und fügt hinzu: "Man wird ja älter." Der 26-jährige Mittelfeldspieler des VfL Bochum ist einer der schmächtigsten Bundesligaprofis.

"Ich habe dünne Beine", sagt er. Wie ein überforderter Hänfling unter Großen und Starken sieht sich das Leichtgewicht aber nicht. Das muss Azaouagh auch nicht mit seiner überragenden Technik und den flinken Bewegungen, mit denen er Gegnern Schnippchen schlägt.

Fußballerisch soll Mimoun Azaouagh künftig sogar ein richtiges Schwergewicht sein. Zumindest für das Land, in dem er geboren wurde. Nationaltrainer Hassan Moumen hat ihn überredet, die Mannschaft Marokkos mit anderen in Europa tätigen Profis zu führen, obwohl der Bochumer vor Jahren sechsmal das Trikot der deutschen U21-Auswahl trug. Er braucht dazu allerdings noch die Spielberechtigung durch den Weltverband Fifa.

Azaouagh will die Chance nutzen, international zu spielen, sich als Fußballer weiterzuentwickeln. Und er nennt noch zwei andere Gründe: "Meine Eltern sind ziemlich stolz darauf, dass ich für Marokko spiele, und der Trainer hat sich die Mühe gemacht, extra nach Deutschland zu kommen, um mir hier sein Konzept vorzustellen. Er will eine junge, ehrgeizige Truppe aufbauen, die die Qualifikation für die WM 2014 bestreitet."

Eine Mannschaft, die "einfach erfolgreicher sein soll" als jene, die den Sprung zur Endrunde 2010 in Südafrika nicht geschafft hat. Dass die WM nächstes Jahr im Land am Kap ausgerichtet wird, begeistert ihn auch als Menschen mit afrikanischen Wurzeln nicht sehr. "Das ist so, als wenn die Europameisterschaft in Russland stattfinden würde. Man hat keinen Bezug."

Geboren wurde Azaouagh in Benisidel unweit der spanischen Enklave Melilla am Mittelmeer. Großeltern, Tanten und Onkel leben dort. "Als ich zwei, drei Monate alt war, so sagt es immer meine Mutter, sind wir nach Deutschland gezogen", erzählt er. Aufgewachsen ist er in Frankfurt, wo er heute noch Freunde hat.

Der Name Mimoun, erklärt Azaouagh, heißt ins Deutsche übersetzt "der Fröhliche". Und das ist er wirklich. Oft zumindest. "Ich bin eigentlich ein fröhlicher Mensch", sagt er. "Aber ich kann auch sehr launisch sein, wie das Wetter in Deutschland. Mal brauche ich meine Ruhe, dann brauche ich meine Familie um mich herum und viel Spaß."

Auch bei der Frage, was an ihm typisch marokkanisch sei, nennt er den Wechsel von "gut gelaunt und schlecht gelaunt" und verrät: "Verlieren wir ein Spiel, will ich oft mit niemandem telefonieren. Wenn das Handy dann klingelt, gehe ich nicht ran, bin ungenießbar und brauche eine Nacht." Und was ist an ihm typisch deutsch? "Ich bin in gewissen Dingen wirklich diszipliniert. Wenn jemand sagt, um zwölf treffen wir uns, dann bin ich um zwölf da. Und wenn ich mein Wort gebe, halte ich es."

Bisher, gibt Azaouagh zu, hatte er "wenig Ahnung von der marokkanischen Nationalmannschaft". Und er nennt keinen Fußballer des Königreichs als Idol: "Ich habe generell keine Vorbilder." Er ist Berber, Angehöriger einer im Norden Afrikas beheimateten Volksgruppe, und spricht berberisch. "Arabisch, die Hauptsprache in Marokko, spreche ich leider nicht", erklärt er. Und deshalb wird er sich oft auf englisch unterhalten, wenn er demnächst bei seinen Landsleuten ist. Unter den "Löwen vom Atlas", wie Marokkos Nationalspieler genannt werden.

(RP)
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