Bundesliga 18/19: Das ABC der Hinrunde

Halbzeit in der Bundesliga-Saison 18/19 : Das ABC der Hinrunde

Die Hinrunde ist vorbei. Die Fußballfreunde mussten sich an Münchner Niederlagen in der ersten Liga gewöhnen - und an die Fünferkette.

Abseits, das Immer noch ein leidiges Thema. Früher galt der schöne Satz: „Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift.“ Heute ist Abseits, wenn der Videoschiedsrichter zustimmt. Er muss über passives, aktives, bald sicher auch über moralisch einwandfreies oder ökologisch unbedenkliches Abseits entscheiden. So wichtig ist das.

Bayern, die Ältere Menschen werden sich erinnern, dass es früher schon mal Münchner Niederlagen in der Bundesliga gab. Nun wissen das auch die jüngeren Menschen. Die Bayern in der Hinrunde 2018/19 sind nicht nur sterbliche Wesen, sie entdecken auch endlich wieder den Unterhaltungswert öffentlicher Streitereien. Das sichert den Stoff für Fußball-Talkshows im Fernsehen.

Catenaccio, der Wurde vom späten Helenio Herrera in Italien erfunden. Dieser Riegel bezeichnet die Taktik, zwei Doppelstock-Busse im eigenen Strafraum vor dem Tor zu parken. Heute wird das vornehm als „Fünferkette“ und „konzentrierte Arbeit gegen den Ball“ bezeichnet. Spaß macht das nicht, aber es bringt manchmal Punkte.

Doppel-Sechs, die Ist eigentlich ein Paradoxon, wird aber in den Trainervorträgen und am Fußballstammtisch gern bemüht, um die Rolle von zwei defensiven Mittelfeldspielern zu bezeichnen. Neben der Doppel-Sechs gibt es auch die Doppel-Acht. Für die Doppel-Neun, die Doppel-Vier oder gar die Doppel-Eins ist die Zeit offenbar noch nicht reif. Künftige Taktik-Generationen wollen ja auch etwas zu tun haben.

Eng machen, Raum, den So wird die Taktik vom Spielplatz oder von der Bambini-Liga ganz oben hoffähig gemacht. Inhalt dieser Taktik: Wo der Ball ist, sollen möglichst viele Spieler sein. Dafür gibt es Trainerseminare – wichtiger Referent: Ralf Rangnick, der in Leipzig den Fußball erfindet.

Fünferkette, die Siehe auch Catenaccio. Ein Rezept aus der Werkstatt für Mauermeister. Immer wieder schön, wenn sachkundige Betrachter nach drei Minuten feststellen: „Gegen den Ball spielen sie in einer Fünferkette, mit dem Ball in einer Dreierkette.“ Das hat Schalke in diesem Halbjahr auch nur bedingt weitergeholfen.

Gegenpressing, das Besteht aus „Anlaufen“ und „unter Druck setzen“ nach einem Ballverlust infolge von Anlaufen und unter Druck setzen. Gab es zwar früher schon, wurde aber nie so ausführlich erklärt wie heute. Meister im Gegenpressing ist RB Leipzig – hauptsächlich, weil sein Trainer-Sportdirektor Ralf Rangnick die gelehrtesten Vorträge darüber hält.

Hoeneß, Ulrich Wahrer von Moral und Wahrheit im Fußball. Moralisch bedenklich sind kritische Anmerkungen zu Gurkenspielen der Bayern. Moralisch einwandfrei ist die Feststellung, dass der Özil „seit Jahren einen Dreck gespielt hat“.

Innenverteidiger, die Dürfen in Zeiten der Dreier- und Fünferkette auch mal den zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Ausputzer geben. Schrecklich eng wird es in ihrem natürlichen Lebensraum, wenn sich einer der Herren aus der Doppel-Sechs (siehe da) zwischen die Innenverteidiger zurückfallen lässt, weil ihm das Gegenpressing (siehe dort) nicht gefällt.

Jugend, die War früher ein Grund dafür, Kisten und Bälle zu tragen und darüber hinaus den Schnabel zu halten. Heute rennt die Jugend alte Menschen von 29, 30 Jahren (Thomas Müller) über den Haufen und schießt Tore in Spielen, die zu Zeiten angepfiffen werden, in denen sie längst daheim im Bettchen liegen sollte – siehe Dortmunder Flügelstürmer.

Kurzpass, der Erhöht die Ballbesitzquote, für die sich niemand etwas kaufen kann, die dennoch von eifrigen Statistikern erhoben wird. Der Kurzpass lebt vor allem auf der Doppel-Sechs (siehe da).

Lucien Favre Fast immer freundlicher Schweizer mit immer noch recht eigenwilliger deutscher Rede. Auch als Dortmunder Trainer bündelt sich seine öffentliche Ansicht über das Fußballerleben in diesem Satz: „Es ist sehr schwer.“ Manchmal auch: „Es wird sehr schwer.“ Oder: „Es war sehr schwer.“ Damit ging‘s schon mal zur Herbstmeisterschaft. Und es wird in der Rückrunde bestimmt weiter sehr schwer.

Marco Reus Ist schon 30 und endlich mal nicht alle zwei Monate schwer verletzt. Spielt, als wäre er 25 und zappelt sogar vor den Kameras nicht mehr herum. Alles wirkt so leicht, dass man seinem Dortmunder Trainer Lucien Favre (siehe da) gar nicht glauben will, dass alles so schwer ist.

Niederlage, die Tut auch in dieser Hinrunde weh. Die meisten Niederlagen sammelte Stuttgart (11) ein. Immer noch besser als Tasmania Berlin, die es in der Hinrunde 1965/66 auf 15 Schlappen brachte.

Organisation, die Das Maß aller taktischen Weisheit. Obwohl Fußball angeblich ein Laufspiel ist, offenbart sich die gute Organisation vor allem in der Tatsache des „guten Stehens“. Das versichern jedenfalls die Trainer. Sie sagen: „Da haben wir gut gestanden.“ Oder: „Da haben wir nicht so gut gestanden.“ Oder: „Da müssen wir besser stehen.“

Pressing, das Keine Spielanalyse ohne dieses Wort. Mittlerweile wird „früh gepresst“, es gibt eine erste und zweite „Pressinglinie“. Und die Meisterschaft besteht darin, diese Linien zu überspielen. Diesen Job übernehmen häufig die Innenverteidiger (siehe dort). Und wenn sie so schlecht in Form sind wie die Bayern Mats Hummels und Jerome Boateng in der Mitte der Hinrunde, führt das Pressing zu Gegentoren.

Querpässe, die Erhöhen ebenso wie Kurzpässe die Ballbesitzquote. Sie sind beim Publikum trotzdem nicht beliebt. Viele Querpässe erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass die Chorknaben im Ultrablock das alte Lied „Wir woll‘n euch kämpfen seh‘n“ anstimmen. Schlimm.

Rummenigge, Karl-Heinz Führender Menschenrechtler, der den Artikel 1 des Grundgesetzes („die Würde des Menschen ist unantastbar“) auch auf Fußballer angewandt sehen will. Allerdings nur auf Fußballer, die beim FC Bayern einen Vertrag unterschrieben haben.

Sommer, Yann Immer noch Torwart bei Borussia Mönchengladbach und immer noch begabter Hobbykoch. Tut viel gegen das Vorurteil, Profifußballer säßen die gesamte Freizeit vor der Spielekonsole. Richtig ist: Deutsche Nationalspieler sitzen die gesamte Freizeit vor der Spielekonsole. Siehe: Watutinki im Sommer (Jahreszeit, nicht Yann). Aber das ist eine andere Geschichte.

Tor, das Schönes Erlebnis für Spieler und Zuschauer. Auch wenn Sicherheitsfanatiker und Freunde der Fünfer-, Sechser- oder Achterkette mit dicken Riegeln vor dem Tor gelegentlich Erfolge feiern, sind die torfreudigsten Teams die besten der Hinrunde - Dortmund (44), Bayern (36) und Gladbach (36).

Umschaltspiel, das Hieß früher in der Angriffsvariante Konter und in der Abwehrvariante Zurückziehen. Qualitäten im Umschaltspiel führen an die Spitze (Dortmund), Schwächen ans Tabellenende (Nürnberg). Das ist auch nichts Neues.

Vizemeister, der Ein Titel, der hilft, vieles unter den Tisch zu kehren – fußballerische Schwächen, glückliche Siege. Auf glückliche Siege hat niemand ein Abo, so bleiben manchmal nur fußballerische Schwächen. Und so führt der Weg von der Vizemeisterschaft ans untere Ende des Mittelfelds (Schalke).

Wolfsburg, VfL, der Befand sich auf dem besten Weg, zum HSV der späten 2010er Jahre zu werden. Der feste Platz im Relegationsspiel wird in dieser Saison wohl verpasst. Auf nichts ist mehr Verlass.

Xte Wiederholung, die Beliebtes Spiel in der TV-Nachbereitung. Ergebnis: Anschließend weiß jeder, wie sich die Videoschiedsrichter in ihrem Kölner Keller fühlen.

Yeboah, Anthony Zerschoss einst für Frankfurt die Netze in der Liga. Er hat Nachfolger. Der Eintracht-Yeboah der Hinrunde heißt Luka Jovic, und er ist ein Grund dafür, dass Frankfurt 2018 an das Frankfurt der 90er erinnert.

Zentner, Robin Torwart von Mainz 05. Hier könnte auch Zufall stehen. Aber den gibt‘s im Fußball ja nicht. Nachfragen beantwortet Ralf Rangnick sicher gern.

(pet)
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