„Bin nicht zufrieden mit mir“ Yann Sommer lässt „Nati“-Zukunft nach Schweizer WM-Debakel offen

Mönchengladbach · Mit einer historischen Pleite hat sich die Schweizer Nationalmannschaft aus dem WM-Turnier verabschiedet. Yann Sommer erwischte gegen Portugal einen schlechten Tag und versuchte nach dem Spiel, die Gründe für die Klatsche zu nennen. Auch seine Zukunft war ein Thema.

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Foto: AFP/KIRILL KUDRYAVTSEV

Yann Sommer war fassungslos. Nach dem Abpfiff am späten Dienstagabend hockte er vor seinem Tor, zog sich den rechten Handschuh aus und hielt einen Moment lang inne. Mit 1:6 verlor die Schweiz ihr WM-Achtelfinale gegen Portugal, in seinen 79 Länderspielen zuvor hatte Sommer maximal drei Treffer kassiert.

Es war ein komplettes Debakel: Mit fünf Toren Abstand war die Schweiz zuletzt 1966 bei der 0:5-WM-Pleite gegen Deutschland untergegangen. „Portugal dreht die Schweiz durch den Fleischwolf“, titelte die österreichische Zeitung „Krone“. Zunächst hatte es am Dienstag im Lusail Iconic Stadium, wo auch das WM-Finale stattfindet, nicht nach einer Klatsche für Sommer und seinen Gladbacher Teamkollegen Nico Elvedi ausgesehen. Der Innenverteidiger nahm nach seiner Erkältung im Gegensatz zu Sommer allerdings auf der Bank Platz, Fabian Schär ersetzte ihn erneut und erwischte wie das gesamte Schweizer Team einen rabenschwarzen Tag.

„Nati“-Trainer Murat Yakin hatte sich vor der Partie für einen Systemwechsel entschieden. Bedingt durch den Ausfall des Rechtsverteidigers Silvan Widmer stellte Yakin auf eine Dreierkette um – die bereits während der Partie scharf kritisiert wurde. Doch das 0:1 (17.) und das 0:2 (33.) in der ersten Halbzeit kassierte die Schweiz nach einem Einwurf und einem Eckball. Elvedi-Vertreter Schär war bei beiden Gegentreffern nicht auf der Höhe, Sommer flog der stramme Schuss von Goncalo Ramos zum 0:1 nur so um die Ohren, doch vermutlich war Borussias Nummer eins chancenlos.

„Wir haben gegen einen anderen Gegner gespielt, mit mehr Qualität. Wir haben nicht die Mentalität auf den Platz gebracht, die wir uns gewohnt sind. Es war ein sehr bitterer Abend“, sagte ein enttäuschter Sommer nach dem Abpfiff. Statt eines Aufbäumens im zweiten Durchgang folgten vier weitere Gegentreffer. Der für Cristiano Ronaldo in die Startelf gerückte Ramos machte beim WM-Startelf-Debüt seinen Hattrick perfekt.

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Foto: jdp/Jens Dirk Paeffgen

„Es war kein Ohnmachtsgefühl. Es ist schwierig, Erklärungen zu finden. Wir waren in gewissen Situationen zu ungenau, wir haben ihnen zu viel Räume gelassen. Auch ich habe in zwei, drei Situationen nicht gut ausgesehen“, resümierte Sommer. Ein ähnliches „Ohnmachtsgefühl“ dürfte er zuletzt in der Anfangsphase beim 1:5 gegen Werder Bremen im Oktober im Vereinstrikot verspürt haben, ebenso bei den 0:6-Klatschen gegen Borussia Dortmund und den SC Freiburg in der vergangenen Saison.

Wie effizient die Portugiesen spielten, verdeutlicht die Statistik. Neun Schüsse gaben sie auf das Schweizer Tor ab. Aus 2,1 „Expected Goals“ machte Portugal sechs Treffer. Mit einer ähnlich guten Chancenverwertung wäre die DFB-Elf vermutlich länger im Turnier dabei gewesen. Sechs Tore erzielte Hansi Flicks Team in den drei Gruppenspielen, 10,4 hätten es aufgrund der Qualität der Chancen sein können. Aber ein Turnier mit kurzer Gruppenphase und folgenden K.o.-Spielen bestraft solche Defizite gnadenlos.

An einem guten Tag hätte Sommer am Dienstag mitunter das 0:3 verhindert, der Schuss aus kurzer Distanz flog zwischen seinen Beinen ins Tor, beim 1:5 hatte Ramos leichtes Spiel, den Ball über Sommer zu chippen. Dem Schlenzer des eingewechselten Rafael Leao schaute Sommer nur noch hinterher. Das Spiel gegen Serbien hatte Sommer krankheitsbedingt verpasst, gegen Portugal wollte er wieder zwischen den Pfosten stehen und seiner Mannschaft helfen, das erste WM-Viertelfinale seit 1954 zu erreichen. „Ich fühlte mich gut, sonst hätte ich nicht gespielt. Aber es war auch keine gute Leistung von mir selbst, ich bin nicht zufrieden mit mir“, sagte Sommer. Vom Schweizer „Blick“ bekam er die Note 1, was im deutschen System einem „Ungenügend“ entspricht.

Sommer, der in der kommenden Woche seine 34. Geburtstag feiert, wurde nach der Partie unter anderem zu seiner Zukunft in der Nationalmannschaft befragt – und lieferte eine offene Antwort. „Das kann ich nicht sagen, so kurz nach dem Spiel. Keine Ahnung. Ich habe viel Energie in dieses Turnier gesteckt. Wir wollten unbedingt etwas erreichen und der Schweiz einen weiteren tollen Fußballabend bescheren. Jetzt werde ich ein paar Tage brauchen, um alles zu verarbeiten. Dann schauen wir weiter“, sagte Sommer.

Nach dem sensationellen Erreichen des EM-Viertelfinals im vergangenen Jahr, an dem Sommer mit seinen Paraden im Elfmeterschießen des Achtelfinals gegen Frankreich großen Anteil hatte, muss die Schweiz nun erneut früher die Heimreise antreten. Für Sommer und Elvedi geht es zunächst in den Urlaub, dann zurück nach Gladbach. Dort ist Sommers Zukunftsfrage ebenfalls nicht geklärt, der Klub wartet darauf, dass Sommer final auf das Angebot zur Vertragsverlängerung reagiert. Insbesondere Manchester United scheint sehr interessiert daran zu sein, den Schweizer in die Premier League zu locken. Doch Sommer dürfte nun erst einmal damit beschäftigt sein, das WM-Aus zu verdauen.

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