Borussia Mönchengladbach: Stranzls Comeback und Träume vom ZDF

Borussia Mönchengladbach : Stranzls Comeback und Träume vom ZDF

Martin Stranzls Anwesenheit macht Borussia Mönchengladbach in der Bundesliga – rein zahlenmäßig – doppelt so gut. Nach dem 1:0 beim VfB Stuttgart könnte der Österreicher behaupten, neben Sicherheit in der Abwehr auch für das nötige Glück zu sorgen.

Martin Stranzls Anwesenheit macht Borussia Mönchengladbach in der Bundesliga — rein zahlenmäßig — doppelt so gut. Nach dem 1:0 beim VfB Stuttgart könnte der Österreicher behaupten, neben Sicherheit in der Abwehr auch für das nötige Glück zu sorgen.

Schon im letzten Heimspiel vor der Winterpause gegen Werder Bremen war die Borussia spät dran. Erst nach einer guten halben Stunde fiel das 1:0, aus Gladbacher Sicht so spät wie nie in der Bundesliga-Hinserie. Dagegen geht Patrick Herrmanns Führungstor beim VfB Stuttgart in der 71. Minute nun als echter "Last-Minutes-Treffer" durch. Zuvor war ein Führungstor vor der Pause — am besten noch in der Anfangsphase — Pflicht gewesen, um das Spiel zu gewinnen.

Auch in Stuttgart legte die Borussia los, als wolle sie weiter an ihrer Frühstarter-Statistik arbeiten. Bereits nach drei Minuten hatten die Gäste drei Ecken auf dem Konto in einer Disziplin, die sich bis dato nicht die Vorsilben "Parade-" verdient hat. Diesmal allerdings hatte Martin Stranzl die früheste Führung der Saison erst auf dem Kopf und unmittelbar danach auf dem Fuß. Es blieb jedoch bei einem Eckentor in mittlerweile 85 Anläufen.

Seine Kritiker würden Granit Xhaka wohl den größten Fortschritt bescheinigen, wenn ihn Situationen wie am Samstag überhaupt nicht mehr ereilen. Man kann aber auch einen Fortschritt darin erkennen, dass der Heißsporn sie diesmal unbeschadet überstanden hat. Als es in die Halbzeitpause ging, stellte sich die Frage, wer für das Ende von Xhakas Arbeitstag sorgen würde — Trainer Lucien Favre oder Schiedsrichter Christian Dingert? Der 22-Jährige hatte sich im Rahmen einer kleinen Rudelbildung die Gelbe Karte abgeholt, wobei sein Auftreten als Rächer und Verteidiger Christoph Kramer zumindest ehrenwert war, wenn schon nicht besonders clever. Kurz darauf ließ Dingert nach einem Foul Gnade walten. Am Ende war es dann doch der Schiedsrichter, der Xhakas Schicht beendete — mit dem Schlusspfiff in der 94. Minute. Nicht nur am Samstag hat der Schweizer verlängert, sondern jetzt auch seinen Vertrag. Bis mindestens 2019 soll er am Niederrhein bleiben.

So etwas sagt man selten über Zahlen, die keine Krankheiten oder Katastrophen protokollieren, aber: Diese Zahlen sind heftig. Es geht um Martin Stranzl und um zwei verschiedene Borussias, eine mit dem Österreicher in der Innenverteidigung und eine ohne.

Einmal ist das eine Bilanz, mit der die Borussia Wolfsburg-Jäger wäre, mit der anderen würde sie in Richtung Abstiegskampf blicken. Zum ersten Mal seit Ende Oktober stand am Samstag in Stuttgart die Null in der Bundesliga.

In der Nachspielzeit hatte Gladbach allerdings mehr Aluminium als Verstand. Wenn Georg Niedermeier nicht nur die Unterkatte der Latte getroffen hätte, wäre jegliches Loblied auf die Effizienz der Borussia und Stranzl Defensivstärke ungesungen geblieben. Diese Szene taugt als Paradebeispiel für das, was die Verantwortlichen der Bundesligavereine (nicht nur Lucien Favre und Max Eberl) unter der Woche immer predigen. Dann ist die Rede von "Ausgeglichenheit", von "ständiger Gefahr", von "Wachsamkeit". So kann man sich jetzt bereits darauf einstellen, die Tabelle nach dem 34. Spieltag nicht als Abbild der realen Stärke, geschweige denn der Gerechtigkeit zu lesen. Hinter jeder Zahl steckt jede Menge Glück — sowohl hart verdientes als auch vergeblich herbeigesehntes.

Das soll einen jedoch nicht davon abhalten, über die Entwicklung dieser Gladbacher Mannschaft zu sinnieren. Ende November 2013 spielte sie den VfB Stuttgart im Siegesrausch auswärts an die Wand, belegte nach der Hinrunde mit 33 Punkten Platz drei — und wartete anschließend sieben Spiele lang auf den ersten Rückrundensieg. Anfang 2015 ist die Borussia in dieser Hinsicht deutlich weiter. Vier Punkte gegen den SC Freiburg und den FC Schalke genügen bereits für eine bessere Zwischenbilanz als vor einem Jahr. Damit wäre die Basis geschaffen, um am Ende der Saison den Beweis anzutreten, dass Fortschritt im Frühjahr möglich ist — und die Frage nach der Weiterentwicklung könnte auch bejaht werden.

Bestünde die Bundesliga nur aus der Borussia und 17 VfB Stuttgarts, müsste man sich Sorgen machen um die "Elf vom Niederrhein". In 34 Duellen mit den Schwaben seit 1995 gab es gerade einmal vier Siege, davon seit Januar 2012 gleich drei in der Fremde. Da wiederum reicht aktuell nur die Bilanz bei Eintracht Frankfurt heran (ebenfalls drei Siege in den vergangenen vier Bundesliga-Begegnungen bei den Hessen). So nah können Angst- und Lieblingsgegner beieinander liegen.

Am Dienstag geht's schon weiter. Auch gegen Freiburg mit jubelnden #Borussia-Spielern? #BMGSCF pic.twitter.com/eQY5WExT8V

Im Mai 2012 regierte zweifellos Borussia Dortmund die Bundesliga, was den FC Bayern erst so richtig anstachelte und in einer beeindruckenden Vorherrschaft mündete. Niederlagen des Rekordmeisters sind seitdem rar wie Schaltjahre, auf hohe Niederlagen wartet man länger als auf eine Sonnenfinsternis. Kein Wunder, dass der VfL Wolfsburg mit dem 4:1 gegen die Münchner gleich mehrere fast schon epochale Serien beendete, die einst Borussia Mönchengladbach begonnen hatte. Es war 21. Januar 2012, als der FC Bayern letztmals 0:2 zur Pause zurücklag und Patrick Herrmann ein Doppelpack gelang. Bas Dost, Kevin De Bruyne und Co. haben am Freitag diese Zähler auf Null gestellt, nach mehr als drei Jahren.

Christoph Kramer ist mit wohltuender Zurückhaltung ins neue Jahr gestartet, ein seltener Fall erfolgreich beherzigter Vorsätze. Am letzten Tag des ersten Monats hätte er sogar etwas mehr ins Rampenlicht drängen dürfen, beim 1:0-Erfolg seiner Mannschaft in Stuttgart. Da agierte der Weltmeister sehr unauffällig. Freitag war Kramers Name ohne sein Zutun ein Thema gewesen (wenn man so will, war es im Juli nach dem Check des Argentiniers Ezequiel Garay ja nicht anders). Der FC Augsburg präsentierte auf Instagram jedenfalls einen neuen Spieler, der mit gutem Langzeitgedächtnis als Christoph Janker zu identifizieren war, 2008/09 Herbstmeister mit der TSG Hoffenheim. Der Social-Media-Beauftragte der Augsburger hatte in der Winterpause in Ermangelung anderweitigen Lesestoffs scheinbar alle Kramer-Interviews der zweiten Jahreshälfte nachgelesen, so dass er "Neuzugang Christoph Kramer" bescheinigte, eine gute Figur im FCA-Trikot zu machen. Anderthalb Stunden vergingen bis zur Auflösung des Rätsels: Kramer bleibt bis zum Sommer in Gladbach und nimmt seinen kleinen Neuanfang ohne neues Gesicht in Angriff. Oder doch nicht, wie die Kollegen von "Zeiglers wunderbarer Welt des Fußballs" aufdecken?

"Nie mehr DSF!", skandierten die Borussia-Fans 2001, als sich der Wiederaufstieg in die Bundesliga anbahnte. Der Sender, der sich heute Sport1 nennt, war das Synonym für lästige Montagsspiele. Auch nach der Umbenennung galt die Faustregel: Wer im Free-TV bei Sport1 zu sehen ist, der hat sportlich Luft nach oben. Es könnte sein, dass man sich in Stuttgart bald damit beschäftigen muss. In den kommenden drei Jahren gilt die Faustregel in völlig anderen Sphären: Sport1 überträgt dann je ein Spiel der Europa League live. Künftig wäre es also wieder ein Anreiz, dem Sender gute Quoten zu bescheren. Wobei die Borussia-Fans irgendwann dem ZDF mal eine Freude bereiten wollen. Mit der besagten "Luft nach oben" in Sachen Europa sind die Champions-League-Übertragungen der Öffentlich-Rechtlichen gemeint.

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