„Nur Fußball war mir zu wenig“ Profi und Trainer in Gladbach – Ewald Lienen wird 70

Mönchengladbach · Ewald Lienen wird 70. Es gab für ihn als Spieler zwei erfolgreiche Episoden bei Borussia und eine kurze als Trainer. Im Trikot von Arminia Bielefeld schrieb er unfreiwillig und unter Schmerzen Bundesliga-Geschichte.

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Foto: dpa/Marius Becker

Als Ewald Lienen seine Biografie geschrieben hat, war es für ihn „eine spannende Reise durch mein Leben“. Auf 588 Seiten hat er davon erzählt. Und er hat seinem Lebensbericht, der 2019 auf den Markt kam, einen Titel gegeben, in dem sich alles, was Lienen ausmacht, spiegelt: „Ich war schon immer ein Rebell. Mein Leben mit dem Fußball.“

Lienen, der am 28. November 2023 70 Jahre alt wird, war als Fußballer anders, und das war ihm stets wichtig. „Nur Fußball war mir zu wenig“, sagte er. Darum war er ein Rebell, der die Haare länger trug als die Kollegen, der sich politisch und sozial engagierte, der gedankenschwere Bücher las und studierte, der immer betonte, dass er den Fußball liebt, viele Randerscheinungen des Geschäfts ihm aber zuwider sind. „Ich trete nicht als Autogramme schreibender Held auf“, ließ er jene wissen, die seine Unterschrift erbaten.

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Foto: Jens Dirk Paeffgen (jdp)

Lienen war Fußball-Profi und „Ökosozialist“. Er war Mitglied im Bund der Anti-Faschisten, kandidierte für die Friedensliste, war 1987 federführend an der Gründung der Spielergewerkschaft VDV beteiligt. Dafür, dass er sich im Fußball-Business eigentlich nicht wohlfühlte, verbrachte er gleichwohl viel Zeit in diesem Geschäft. 53.219 Minuten spielte Lienen in 649 Spielen, 329 davon für Gladbach. Lienen, Linksaußen war er meist, im Grunde passend zu seiner politischen Ausrichtung, schoss in seiner Karriere 105 Tore, über 51 freuten sich die Borussen.

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Mit Gladbach holte der gebürtige Ostwestfale 1979 den Uefa-Cup, war im Jahr zuvor beim 12:0 gegen Borussia Dortmund ebenso Torschütze wie 1985 beim grandiosen 5:1 gegen Real Madrid. Es gab zwei Episoden als Borusse von 1977 bis 1981 und dann, als er seine eigentlich beendete Karriere neu starten musste, nachdem er sich bei einem Bauherren-Modell verspekuliert hatte, von 1983 bis 1987.

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Als Angestellter von Arminia Bielefeld schrieb er unfreiwillig und unter Schmerzen Bundesliga-Geschichte, als ihm Werder Bremens Norbert Siegmann in einem Zweikampf den Oberschenkel aufschlitzte. Berühmt ist das schockierende Foto, das die klaffende, 25 Zentimeter lange Wunde zeigt. Und das Bild, auf dem Lienen, auf der Trage liegend, drohend die Faust ballt. Seit jenem 14. August 1981 sind die Namen von Lienen und Siegmann untrennbar verbunden.

Lienens Markenzeichen als Spieler in Gladbach, Bielefeld (jeweils zweimal) und zuletzt beim MSV Duisburg: seine Zunge, die bei seinen geschwindenen Sololäufen stets eifrig mitarbeitete, seine wehenden Haare und der Spitzbart, den er lange Jahre trug. 1992 endete seine Spieler-Laufbahn beim MSV, das war dann auch die erste Station des Trainers Ewald Lienen, der 1989 seine Ausbildung mit der Bestnote beendete. Auch der Trainer Lienen hatte ein Markenzeichen: seine Zettel. Er hatte immer Stift und Papier zur Hand auf der Trainerbank, es war die Zeit, als es dort noch keine Tablets und Bildschirme gab. „Es ist schwer, etwas zu notieren ohne einen Zettel in der Hand“, sagte Lienen.

Kein schönes Ende der Trainerzeit in Gladbach

Als Trainer holte Lienen wie als Spieler einen Titel – mit dem 1. FC Köln stieg er 2000 als Zweitligameister auf. Bei keinem Klub stand er öfter an der Linie als bei den Kölnern, und wegen dieses Jobs hat Lienen etwas mit Gladbachs Meistertrainern Hennes Weisweiler und Udo Lattek gemeinsam: Er arbeitete für beide rheinischen Rivalen. Denn er war quasi dreimal Borusse, zweimal als Profi und auch als Trainer. Er beerbte Hans Meyer 2003, rettete Borussia, doch währte die Liaison mit dem Klub, für den er als Profi die meisten Spiele machte, nur sechs Monate.

Zwar startete Borussia mit einem Derby-Sieg in die Spielzeit 2003/2004, doch dann gab es vor allem Niederlagen. Lienen und sein Team fanden nicht mehr zusammen, er verzettelte sich. Nach einem 0:2 bei Hannover 96, wo Lienen später auch Trainer war, war es aus und vorbei mit ihm und Gladbach. Nicht wenige, auch Lienen, vermuteten ein abgekartetes Spiel zwischen Holger Fach und Sportdirektor Christian Hochstätter. Die Trainerzeit Lienens in Gladbach nahm kein schönes Ende, beide Seiten machten daraus keinen Hehl.

So hat der Trainer Ewald Lienen anderorts mehr Spuren hinterlassen: bei Hansa Rostock, in Hannover, in Köln, bei Panionios Athen und zuletzt beim FC St. Pauli. Im Schnitt arbeitete er 1,45 Jahre bei den Klubs, immer wieder indes gab es deutlich kürzere Amtszeiten: bei CD Teneriffa, wo er zuvor als Co-Trainer von Jupp Heynckes eine sehr gute Zeit hatte, bei Arminia Bielefeld, Olympiakos Piräus und vor allem AEK Athen, wo er dem Chaos im Klub zum Opfer fiel. Dieser Episode hat „Magenta TV“ eine Doku über Lienen gewidmet: „Ewald Lienen. Eine griechische Tragödie.“

Lienen war nie angepasst

Doch reduziert der Titel der Doku das Leben Lienens mit dem Fußball zu sehr auf eine einzige Geschichte. Er war als Spieler einer, der immer in die Offensive ging. Das tut er auch als Mensch. Und er war nie angepasst, darum hat Lienen oft polarisiert und ist angeeckt. Einer wie Lienen ist zuweilen auch widersprüchlich: der Mann, der kein Star sein will, aber genau darum einer ist. Zuletzt beim FC St. Pauli war er Trainer, dann Technischer Direktor und dann Klubrepräsentant. 2022 endete das Engagement.

Lienen ist inzwischen zurückgegangen nach Ostwestfalen, in seine Heimat. Auf seinem Facebook-Account berichtet er von Bauarbeiten am neuen Zuhause, von der Gartenarbeit, aber auch von Besuchen in Fußballstadien. Außerdem ist er Experte bei Sky und Podcaster. „Fußball – Mensch“ nennt er sich auf seiner Webseite. Ewald Lienens Leben war und ist immer auch eines mit dem Fußball.

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