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Borussia Mönchengladbach: So kam Chiquinho auf das falsche Borussia-Poster

Borussia Mönchengladbach : So kam Chiquinho auf das falsche Borussia-Poster

Chiquinho sitzt in der Sportsbar des Borussia-Parks. Er trägt eine braune Lederjacke und eine ausgewaschene Jeans. An den Wänden hängen Bilder aus der großen Gladbacher Vergangenheit. Günter Netzer ist zu sehen, Jupp Heynckes, Berti Vogts, Stefan Effenberg, Uwe Kamps. Sie alle sind Ikonen des Klubs.

Ein Bild von Alexandre da Silva, genannt Chiquinho, gibt es nicht. Er hat von 1997 bis 2000 für Gladbach gespielt, danach in der Zweiten Liga für Oberhausen und Ahlen, und auch in Österreich für Pasching und Austria Kärnten. Dass er in Gladbach sportlich nicht viele Spuren hinterlassen hat, weiß Chiquinho. "Aber", sagt der 39-Jährige, "ich stehe doch in Borussias Geschichtsbüchern. Das nimmt mir keiner. Ich bin der erste Brasilianer, der je für Gladbach gespielt hat, sogar der erste Südamerikaner." Immer dann, wenn die Gladbacher Spieler aus Südamerika holen und die Liste seiner Vorgänger hervorgekramt wird, ist Chiquinho die Nummer eins. "Das macht mich stolz", sagt er.

Seit 16 Jahren lebt er nun in Deutschland, ist inzwischen deutscher Staatsbürger. Nun, da Borussia Dortmund in den Borussia-Park kommt, erinnert er sich, wie alles angefangen hat. Es ist eine kuriose Geschichte. "Das Pikante an dem Transfer: Der Mittelfeldspieler gilt schon als feste Größe bei Borussia Dortmund, reist mit dem Champions-League-Sieger sogar ins Trainingslager. Dortmunds Verhandlungen mit seinem Heimatverein ziehen sich hin, und so schnappt sich Manager Rolf Rüssmann den 23-Jährigen", heißt es in Borussias Chronik. Es sei, schreibt Autor Holger Jenrich, die "vermeintliche Rache für Herrlich" gewesen, den Stürmer, der 1995 den Gladbachern nach ihrem Pokalsieg für elf Millionen D-Mark vom BVB weggekauft wurde.

Chiquinho war auch sich alleine gestellt

Chiquinho gibt einem Fan, der ihn erkannt hat, ein Autogramm. Dann nippt er an seinem Cappuccino und berichtet aus seiner Sicht, wie es dazu kam, dass er im Sommer 1997 auf dem Mannschaftsfoto der Dortmunder Borussia war, dann aber für die aus Mönchengladbach spielte. Seine Geschichte handelt von seltsamer Transferpolitik, von einem Spieler aus der Fremde, der auf sich allein gestellt war in einem Land, dessen Sprache er nicht kannte, aber auch von Menschlichkeit und dem Willen zu helfen. Es geht um gelebte Träume, erfüllte und unerfüllte Hoffnungen. Die Geschichte begann im April 1997.

In Brasilien hatte die neue Saison wieder begonnen. Zweimal hatte er schon für seinen Klub, Uniao Sao Joao, gespielt, als sein Trainer ihn plötzlich aus dem Kader strich. "Ich habe gefragt, was los ist, aber er gab mir keine Antwort", erinnert sich Chiquinho. Wenige Tage später bat der Klubpräsident ihn, seinen Berater und seine Familie zum Gespräch. "Alle waren da. Der Präsident, der Trainer, der Co-Trainer, der Mannschaftsarzt", berichtet Chiquinho. "Sie sagten mir, dass ich weggehen würde und eine dicke Jacke einpacken solle." Er dachte, es würde in den Süden Brasiliens gehen, nach Porto Alegre zum Beispiel, "da ist es viel kühler als bei uns". Dann sagte der Präsident, er brauche auch seinen Pass. Und zu den Eltern: "Ihr werdet Euren Sohn länger nicht sehen, er geht weit weg. Nach Deutschland." Chiquinho zuckte zusammen. Deutschland. In die Bundesliga. Davon hatte er immer geträumt. "Welcher Klub?", fragte er. "Borussia Dortmund", sagte der Präsident. Julio Cesar, der Brasilianer, der beim BVB spielte, hatte Trainer Ottmar Hitzfeld von ihm erzählt. "Hitzfeld will dich unbedingt. Er will dich sehen", erfuhr Chiquinho.

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Ein zehntägiges Probetraining war vereinbart. Doch Chiquinho wusste, dass der die Chance nutzen musste. "Mein alter Klub wollte mich unbedingt verkaufen. Es gab kein Zurück." Er flog mit Julio Cesar nach Deutschland. "Wir kamen in Düsseldorf an, fuhren nach Dortmund. Alles war neu und anders, ich war erschlagen von den Eindrücken. Und ich verstand kein Wort. Es war gut, dass Julio dabei war", sagt Chiquinho. Er spielte beim BVB vor, es war in der Schlussphase der Saison 1996/97. Aus zehn Tagen wurde ein Monat, zwischenzeitlich gewann der BVB in München das Champions-League-Finale gegen Juventus Turin. "Chico" saß auf der Tribüne des Olympiastadions. Und er trainierte mit. Ottmar Hitzfeld war angetan von dem schnellen, zweikampfstarken Brasilianer, der variabel einsetzbar war. Beim 1:1 in einem Testspiel gegen den MSV Duisburg schoss er sogar ein Tor. "Es lief alles gut", sagt Chiquinho. Er flog in der Sommerpause zurück nach Brasilien — mit einem Vertrag in der Tasche. Dortmund wollte ihn für ein Jahr ausleihen. "Ich habe unterschrieben und fuhr nach dem Urlaub mit ins Trainingslager", berichtet Chiquinho.

Plötzlich kam Rüssmann

Hitzfeld indes wechselte nach dem Champions-League-Triumph den Job, war nun Sportdirektor des BVB. Nevio Scala wurde neuer Trainer. Dennoch schien es gut zu laufen für Chiquinho. Er bekam die Nummer 23, gehörte zum Team und war auf dem Mannschaftsfoto für die Saison 1997/1998 dabei. In der Vorbereitung machte er viele Spiele, "ich dachte, ich hätte gute Chancen auf einen Platz in der Startelf". Irgendwann kam Julio Cesar zu ihm. Der Präsident des FC Sao Paolo hatte angerufen, wollte Chiquinho haben. "Er wollte mir viel Geld geben und einen Fünf-Jahres- Vertrag. Aber ich sagte, ich habe gerade in Dortmund unterschrieben. Und dass ich mich in Deutschland durchsetzen wolle." Er blieb. Wenige Tage später war sein Foto in der Bild-Zeitung. "Julio Cesar sagte mir, dass in der Zeitung steht, dass Borussia Mönchengladbach mich jagt. Ich wusste von nichts." Es gab dann tatsächlich ein Treffen mit Gladbachs Manager Rolf Rüssmann. Der bot Chiquinho einen Drei-Jahres- Vertrag an. "Das war eine tolle Perspektive. In drei Jahren hat man mehr Zeit, sich einzuleben und sich durchzusetzen", sagt Chiquinho.

Er und sein Berater sprachen bei BVB-Boss Dr. Gerd Niebaum vor. "Er sagte: so etwas sei eigentlich nicht möglich, schließlich gäbe es einen Vertrag. Doch ich habe ihm erklärt, dass ich meine Familie versorgen müsse und in Gladbach bessere Chancen sähe. Er sagte: 'Wir machen eine Ausnahme' und willigte ein. Wir fuhren wieder nach Gladbach, ich unterschrieb dort. Wir fuhren zurück nach Dortmund , und Niebaum löste den Vertrag auf", erzählt Chiquinho.

Was hinter den Kulissen passierte, bekam er nicht mit. Auch nicht, dass alle Welt davon sprach, es sei eine Retourkutsche der Gladbacher für den Herrlich- Wechsel zwei Jahre zuvor. Oder davon, dass Rolf Rüssmann 2,2 Millionen Mark für ihn zahlte, weil er verpasste, den Dollarkurs festschreiben zu lassen und damit nahezu 200.000 Mark zu viel berappte. Oder, dass er einen satten Teil der Ablösesumme selbst kassiert habe, wie der Focus schrieb. "Zum Glück konnte ich damals noch kein Deutsch lesen. Und es war mir auch egal. Ich hatte einen Vertrag und wollte spielen", sagt Chiquinho. Dem BVB ist er noch heute dankbar. "Ich bin mir sicher, dass Borussia erst mit dem BVB gesprochen hat, bevor es das erste Treffen mit mir gab. Dortmund hat mir eine Tür geöffnet, Gladbach hat mich dann aufgenommen", sagt er.

Erster Gladbacher Brasilianer

Er wurde bei der Borussia vom Niederrhein mit großem Brimborium vorgestellt: Der erste Brasilianer, der je in Gladbach spielte. Bei der Saisoneröffnung wurde er als "Überraschung" angekündigt, es gab künstlichen Nebel im Spielertunnel, als er als letzter Borussia bei der Vorstellung des Teams einlief. "Es war unglaublich, das ist noch heute ein Highlight für mich. Ich fühlte mich wie ein Popstar." Gemessen daran, wie es weiterging, war es viel Lärm um wenig.

Es gibt größere Karrieren, das weiß Chiquinho, der heute mit seiner Frau, die er bei Borussia kennenlernte, und seinen Töchtern in Nettetal lebt und den SC Kapellen- Erft trainiert. Während er in Gladbach spielte — 24-mal in der Bundesliga (zwei Tore), zwölfmal in der Zweiten Liga (drei Tore), zweimal im DFB-Pokal — erlebte er die Schattenseiten des Profigeschäfts, war zeitweise psychisch total am Ende. "Ich weiß, dass ich zu wenig Spiele gemacht habe, dass es nicht immer gut gelaufen ist. Ich war oft verletzt. Aber ich habe immer gekämpft, trotz aller Rückschläge — und ich bin glücklich über alles, was in meinen Leben passiert ist." Er ist Gladbacher geblieben, spielt inzwischen für das Traditionsteam, die Weisweiler Elf. Auch der BVB hat diesbezüglich mal angefragt, doch er sagte: "Sorry, ich bin Gladbacher." Ein letztes Kuriosum seiner Geschichte mit beiden Borussias: "Ich habe mit Gladbach nie gegen Dortmund gespielt. Immer dann, wenn das Spiel war, war ich verletzt oder krank", sagt Chiquinho.

(seeg)