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Bundesliga-Relegation: Relegation ist für den Experten "eine Qual"

Bundesliga-Relegation : Relegation ist für den Experten "eine Qual"

In Mike Diehls Brust schlagen zwei Herzen. Beide mussten seit 2011 zweimal in die Relegation. Denn Diehl ist nicht nur Stadionsprecher und Fanbetreuer in Hoffenheim, sondern seit Jahrzehnten Gladbach-Fan.

Was haben Igor de Camargo, Mohamadou Idrissou und Mike Diehl gemeinsam? Sie alle müssen zum zweiten Mal innerhalb von drei Spielzeiten in die Relegation. Während die beiden Erstgenannten auf dem Fußballplatz versuchen, ihre Anspannung in positive Energie umzuwandeln, darf Diehl nur zuschauen. Der 49-Jährige ist Stadionsprecher und Fanbetreuer bei der TSG Hoffenheim. Das Kuriose: In seiner Brust schlagen zwei Herzen — eines für Hoffenheim, ein anderes für Borussia Mönchengladbach.

Ja, es geht, beteuert Diehl. "Mitte der 70er war das für kleine Jungs eine Grundsatzentscheidung: Borussia oder Bayern", erinnert er sich, "ich bin Gladbach-Fan geworden." Die kleinen Jungs, die ihr Herz potenziell an Hoffenheim verlieren könnten, seien vor ein paar Jahren erst geboren worden. Deswegen ärgert sich Diehl auch über die Häme, der Klub von Mäzen Dietmar Hopp habe keine Fans.

Am Montagabend wird die TSG Fans haben. Alle 4600 Gästetickets für das Relegations-Rückspiel beim 1. FC Kaiserslautern seien verkauft worden, sagt Diehl. "Das ist für uns schon bemerkenswert." Insgesamt 300.000 Menschen wollten eine Karte, hat der FCK mitgeteilt. Kaiserslautern hat gerade einmal 100.000 Einwohner. Auch wenn selbst TSG-Stadionsprecher Diehl sagt, die Relegation sei "eine Qual", besitzt dieses Doppel-Endspiel um Klassenerhalt und Aufstieg eine große Anziehungskraft. Allerdings ist es für Außenstehende eben diese "Qual", die das Liga-Finale ausmacht.

Borussia-Fans werden die Relegation 2011 noch lebhaft vor Augen haben. Eine ganze Generation Gladbach-Fans hat ihre Mannschaft vor zwei Jahren gegen den VfL Bochum zum ersten Mal im Europapokal-Modus spielen sehen. In jedem anderen Finale gibt es ebenso Sieger und Verlierer. Nur besteht für den Unterlegenen der Verlust lediglich darin, dass er etwas nicht bekommt, was er zuvor im Regelfall gar nicht besaß — eine Trophäe. In der Relegation dagegen kann der Bundesligist im Stadion eines Zweitligisten absteigen und muss zusehen, wie die Heimfans ausgelassen den Aufstieg bejubeln. Während sich der Klassenerhalt wie ein Titelgewinn anfühlen kann, ist das die Höchststrafe im Vereinsfußball.

Hoffenheim- und Gladbach-Fan Diehl erlebt diesen Nervenkitzel nun zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit. "Rein nervlich war 2011 natürlich anstregender, weil es im Hinspiel so lange 0:0 stand — bis Igor de Camargo für die Erlösung gesorgt hat", erinnert sich Diehl. Für Gladbach-Fans ist dieses Last-Minute-Tor bis heute eine Tütensuppe mit Gänsehaut-Geschmack. Das heiße Wasser ist die Erinnerung, draufschütten und schon ist es wieder der 19. Mai 2011, 22:18 Uhr.

Vergangenen Donnerstag fand das Hinspiel zwischen Hoffenheim und Kaiserslautern statt. Nach der 2:0-Pausenführung musste Diehl nur kurz zittern, als der Ex-Gladbacher Idrissou den Anschlusstreffer erzielte. "Da kamen die Erinnerungen an Bochum sofort hoch", sagt Diehl. "In der Relegation ist es so eng. Da spielt es keine Rolle, ob du schwacher Bundesligist oder starker Zweitligist bist." Seine Mannschaft gewann am Ende 3:1, steht kurz vor dem Klassenerhalt.

Der Stadionsprecher und Fanbetreuer in Personalunion sieht auch eine Parallele zwischen den Aufholjagden seiner beiden Herzensvereine. "Beide hatten vor der Relegation einen Lauf, kamen von unten", sagt Diehl. "Das ist für den Kopf enorm wichtig." Sowohl für Hoffenheim als auch Gladbach war die Relegation eine fast schon unverhoffte letzte Chance.

Das Gladbacher Nichtabstiegs-Wunder von 2011 hat ganz Fußball-Deutschland fasziniert. Diehl muss jedoch davon ausgehen, dass die große Mehrheit der Fans diesmal hinter Kaiserslautern steht — mit den fast 50.000 auf dem Betzenberg als Speerspitze. "Die Spieler freuen sich auf diesen Hexenkessel. Die Abneigung motiviert sie mittlerweile eher", sagt Diehl. "Das ist ein bisschen wie bei Oliver Kahn."

Für Montagabend tippt Diehl ein 2:2. Das würde dicke reichen. Aber was, wenn die TSG zwischenzeitlich 0:2 zurückliegt? "Dann kommt eben Igor de Camargo", sagt Diehl und lacht. Im Hinspiel hat der Belgier mit Borussia-Vergangenheit 90 Minuten auf der Bank gesessen. Was de Camargo als Joker reißen kann, weiß man in Gladbach am allerbesten.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Bundesliga-Relegation 12/13: Hoffenheim - Kaiserslautern

(are)