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RB Leipzig: Ein Pro und Contra zu Borussias Gegner

Pro und Contra : Streitfall RB Leipzig

Darf der umstrittene Tabellenzweite RB Leipzig zur Fußball-Bundesliga gehören? Ja, sagt Karsten Kellermann. Nein, sagt Andreas Gruhn.

Pro RB Leipzig (von Karsten Kellermann)

Diese Analogie sollte denen gefallen, die RB Leipzig als den Teufel des deutschen Fußballs definieren. Der Balrog, der Dämon, der in Teil eins vom Herrn der Ringe aus den Tiefen der Minen von Moria emporgestiegen ist und mit der Feuerpeitsche Gandalf in den Abgrund reißt, ähnelt verblüffend jenen roten Bullen, die das Logo von RB Leipzig zieren.

Traditionalisten werden nun nicken: Ja, ja, ja, das Böse, das das Gute zerstört. Sie hassen (was für ein Wort im Kontext des Fußballs, aber so muss es gesagt werden) RB Leipzig, weil es anders ist (vielleicht auch, weil es erfolgreich ist, dann wäre es eine Neid-Debatte). RB erschüttere den deutschen Fußball in seinen Grundfesten, heißt es. Gegründet, um zu werben, gekaufter Erfolg ohne Geschichte und Tradition. Aber ist Tradition Gesetz? Wer keine hat, ist vogelfrei? Und was ist mit den Traditionsklubs, die an der Börse notiert sind oder seltsame Sponsoren haben? Sind sie entschuldigt?

Skurril ist: Menschen, die gegen RB sind, sitzen tief in der Nacht vor dem Fernseher und schauen Super Bowl. Da stört Mega-Kommerz nicht. Das ist das eine. Das andere ist: Geld schießt nicht per se Tore. Es ist wie Tradition — nice to have, aber kein Garant für Erfolg (auch wenn viel Geld im Zweifel hilfreicher ist als viel Tradition). Man muss auch damit richtig umgehen können. Warum Leipzig weit oben steht? Ja, wohl auch wegen des Geldes, aber auch, weil es einen guten Plan hat. Es gibt viele junge Spieler mit viel Qualität, eine gute Struktur im Kader, ein klares Konzept und einen Trainer, der es konsequent umsetzt.

Das Problem für Gladbach ist: Leipzig schaut auf ähnliche Spieler. Junge Wilde mit großer Perspektive. Darum ist es ein gefährlicher Konkurrent. Denn Leipzig lockt mit einem ähnlichen Ansatz, aber auch mit mehr Geld. Für RB scheint es keine Grenze zu geben. Mancher scherzt schon angesichts des Herkunftslandes des Leipziger Geldgebers, RB könne der zweite österreichische Klub sein nach Rapid Wien 1941 (damals dank des legendären "Bimbo" Binder nach 0:3 noch 4:3 gegen Schalke 04), der Deutscher Meister wird.

Leipzig ist indes ein Standort, der den Titel kennt: 1903 gewann der VfB Leipzig das erste Championat des Landes, danach war der VfB 1906 und 1913 Meister. Wie 1903 ist Leipzig mit RB wieder der Erste: Der erste "Marketingklub", wie gesagt wird. Gut finden muss man das nicht. Aber sagen wir mal ketzerisch: Auf gewisse Weise hält RB dem deutschen Fußball den Spiegel vor. Es macht deutlich, dass er heute ebenso viel Kommerz wie echte Liebe ist (Wahre Liebe, herrlich!), vielleicht sogar mehr. Romantiker dürfen weiter romantische Gedanken haben, aber: RB ist ehrlicher als mancher Traditionsklub. Die Realität ist auch: Wenn Fußballkultur ist, was in Dortmund passierte, dann ist sie der Totengräber des Fußballs, dann sind die wahren Balrogs andere.

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Contra RB Leipzig (von Andreas Gruhn)

Man kann über die sportlichen Auftritte dieser Mannschaft keine zwei Meinungen haben: RB Leipzig stellt eine Mannschaft, die den zweiten Platz in der Bundesliga verdient. Dort wird gute Arbeit geleistet nach einem klugen Konzept. Es gibt nur ein Problem: Diese Mannschaft dürfte es so eigentlich gar nicht geben. Weil RB sich nicht an die Regeln hält, die für alle anderen gelten. Red-Bull-Mäzen Dietrich Mateschitz gründete den Verein 2009, übernahm die Spiellizenz des SSV Markranstädt und marschierte mit dem Klub durch die Institutionen des Fußballs bis vermutlich in die Champions League.

Der Konzern gibt Geld ohne Ende, für ihn ist der Fußball ein Marketing- Instrument. Natürlich ist das in gewissem Maße überall so. Aber es gibt doch den entscheidenden Unterschied: In allen GmbHs, Aktiengesellschaften (ob nun an der Börse notiert oder nicht), gilt die 50+1-Regel: Der Fußballverein hat die Mehrheit. Er hat das letzte Wort. Kein Besitzer, kein Mäzen, kein Geldgeber. Die Gesellschafter der RasenBallsport Leipzig GmbHs sind zu 99 Prozent bei der Red Bull GmbH. Und zu einem Prozent beim RasenBallsport Leipzig e.V., dessen 14 stimmberechtigte Mitglieder (von insgesamt 750) zwar das letzte Wort haben. Aber die alle dem Red-Bull-Konzern nahestehen.

Die 50+1-Regel ist in Leipzig eine 99+1-Regel. Und damit hat sich RB Möglichkeiten geschaffen, die niemand sonst in Deutschland hat. Der Konzern pumpt Geld hinein und kann Transfers von Salzburg nach Leipzig befehlen. Martin Kind hätte diese Chancen liebend gerne in Hannover, seit Jahren bekämpft er die 50+1-Regel, um deutsche Klubs für ausländische Investoren nach englischem Vorbild zu öffnen. Gäbe es sie nicht, dann würden heute vielleicht Rot-Weiss Essen oder der 1. FC Kaiserslautern mit dem Geld eines Investors um die Champions-League-Teilnahme spielen.

Es ist eine Farce, dass diese Klubs das nicht dürfen, was Red Bull tut. Der DFB hat mit RB Leipzig die Büchse der Pandora geöffnet. Fremdes Kapital lenkt den Fußball — und zwar nach amerikanischem Vorbild. Das unterscheidet RB sogar von Hoffenheim. Wer die große Abneigung Fußball-Deutschlands gegen RB verstehen will, sollte in die USA in die NFL blicken. Die Eigentümer der Profi-Football- Teams können problemlos den Standort wechseln — je nachdem, wo sie glauben, mehr Geld verdienen zu können. Die San Diego Chargers ziehen um und heißen jetzt Los Angeles Chargers. Die Oakland Raiders wollen nach Las Vegas. Klubs sind Franchise-Unternehmen, die Ertrag bringen müssen und deshalb unterhalten.

Sport, und nicht mehr Sponsoring, ist Mittel zum Zweck. Diese düstere Vision erhält mit RB Einzug in den deutschen Fußball. Auf der Suche nach einem Standort wollte Red Bull zuerst den FC St. Pauli übernehmen. Hamburg oder Leipzig — Hauptsache Red Bull.

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