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Mönchengladbach: Nur Talent reicht nicht

Mönchengladbach : Nur Talent reicht nicht

Interview mit Nachwuchs- und Amateurdirektor Roland Virkus über das Scoutingsystem von Borussia und die Bedeutung des Charakters im Fußball.

Gibt es in Mönchengladbach Talente, die für Borussia interessant sind?

Virkus Ich schaue mir viele Gruppen der Hallenstatdtmeisterschaft an, um zu sehen, welche Talente es in der Stadt gibt. Wir wollen keinen guten Fußballer verpassen. Früher gab es eigentlich nur den FC Gladbach, den Rheydter SV oder Odenkirchen, die richtig gute Spieler hatten. Heute kann jeder Klub der Stadt Talente hervorbringen, siehe Marcell Jansen, der vom SV Lürrip kam. Von der Stadt, die unser erster Ansatz ist, vergrößern wir den Radius: den Kreis, den Verband, schließlich bundesweite DFB-Maßnahmen. Wir versuchen, alle hoffnungsvollen Talente im Blick zu haben — und müssen dann schneller sein, als die anderen Klubs, die natürlich auch so sichten.

Wie erkennt man das Potenzial?

Virkus Für mich gibt es drei entscheidende Faktoren: Das Bewegungsgeschick, das Rückschlüsse auf die technischen Fähigkeiten zulässt, die Spielintelligenz und die Schnelligkeit.

Wenn der FC Bayern auch einen Spieler haben will, wie im Falle Patrick Herrmanns — wie kriegt man ihn dann dazu, nach Gladbach zu kommen?

Virkus Wir überzeugen die Jungs von unserer Idee. Sie müssen sehen, dass der Weg, den wir gehen wollen, ehrlich und aufrichtig ist. Patrick haben wir bei diversen Länderspielen gesehen, zum Beispiel bei einem der U16 in Berlin. Da waren Mario Vossen, unser Chefscout, und ich da, wir saßen zufällig neben Patricks Opa. Max Eberl, der damals noch Nachwuchsdirektor war, hat uns hingeschickt, er kannte Patrick und wollte unsere Meinung hören. Patrick ist schnell, hat eine Persönlichkeit, ist klar strukturiert. Wir haben Max gesagt: Ja, der Bursche ist richtig gut. Und er hat ihn überzeugt, zu uns zu kommen.

In der U23, die Herbstmeister in der Regionalliga ist, gibt es eine ganze Reihe von Eigengewächsen, die eine gute Rolle spielen...

Virkus Das ist der 1992er Jahrgang: Marc-André ter Stegen, Yunus Malli, Elias Kachunga, Julian Korb und Christopher Mandiangu. Von den Jungs können wir noch viel erwarten. Wobei Christopher sich erst einmal wieder auf das Wesentliche konzentrieren muss, er ist zurückgefallen. Das ist entscheidend, denn für Vorschusslorbeeren kann man sich nichts kaufen.

Kann man voraussagen, ob es ein junger Spieler bis ganz nach oben schafft?

Virkus Es geht immer um Wahrscheinlichkeiten. Die werden immer größer, je älter die Jungs werden. In der A-Jugend ist man dann bei 75 Prozent. Die letzten 25 Prozent entscheiden dann, ob es einer schafft oder nicht. Da geht es vor allem um Charakterfestigkeit.

Ist es also eine Frage des Kopfes, ob ein Nachwuchsmann Profi wird oder nicht?

Virkus Talent allein reicht nicht, es gibt viele Faktoren, die am Ende entscheiden. Es gibt viele Einflüsse von außen, mit denen ein junger Spieler umgehen muss. Es kommt viel darauf an, wie er damit umgeht. Ab und zu muss man die Jungs natürlich auch mal einfangen. Aber das passt dann schon, wenn die grundsätzliche Richtung stimmt. Und dann kommt am Ende natürlich Glück dazu: Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.

Wie viele junge Spieler schaffen es?

Virkus Normalerweise ist es schön, wenn es einer von zehn eines Jahrgangs schafft. Wir hatten durch die starken Jahrgänge 1991 und 192 eine tolle Quote: Fünf Spieler aus dem eigenen Nachwuchs haben es geschafft. Natürlich muss man noch abwarten, wie sie sich entwickeln. Für uns war es wichtig, dass wir weiter in der Regionalliga spielen, da ist eine ausgezeichnete Plattform für die Jungs.

Wie wird gescoutet?

Virkus Erst mal schaut man sich die Entwicklungsstufe eines Spielers an, und natürlich sein Talent. Wir haben ein Bewertungssystem, in dem verschiedene Personen ihre Bewertung abgeben: Die Scouts, die Trainer. Wenn ein Spieler einen gewissen Wert hat, kann er Kaderspieler werden. In den oberen Jugendklassen schauen wir natürlich gezielter auch auf die Positionen: Was brauchen wir im Profiteam, in der U23.

Sportdirektor Max Eberl legt bei der Auswahl der Zukäufe großen Wert auf den Charakter der Spieler. Wie prüfen Sie den bei den Talenten?

Virkus Man kann grundsätzlich von den Charaktereigenschaften nur einen Eindruck gewinnen. Wie sich die Jungs dann entwickeln, ist nicht immer genau vorauszusehen. Aber es ist schon entscheidend, wenn man die richtig Einstellung hat. Das war zum Beispiel das große Plus von Marcell Jansen. Die Fähigkeiten hatte er schon immer, als es dann aber darauf ankam, hat er alles richtig gemacht.

Aber ist nur so lange gut, wie es Erfolg hat. Wie wichtig ist Erfolg im Nachwuchsbereich?

Virkus Titel in der Jugend sind schön, bringen uns aber nichts, wenn wir keine Spieler nach oben bringen. Natürlich sollte die U19 in der A-Junioren-Bundesliga nicht gegen den Abstieg spielen, ansonsten stehen nicht die Ergebnisse, sondern die Ausbildung im Vordergrund.

Interview Karsten Kellermann

(rl/efie)