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Borussia Mönchengladbach: Mit Gewalt ins Endspiel

Borussia Mönchengladbach : Mit Gewalt ins Endspiel

Beim 2:2 in Villarreal benutzt die Borussia ein brachiales Stilmittel. Das hätten gerne mehr als 2500 Gladbach-Fans live im Stadion gesehen, sie durften jedoch nicht. Immerhin stehen die Chancen sehr gut, dass ab Februar noch mehr Europareisen folgen.

Die Älteren erinnerten sich sofort, die Mittelalten ein wenig, Granit Xhaka mit Sicherheit nicht. Als Thomas Kastenmaier den Ball am 25. März 1995 in Bochum unter die Latte nagelte, zimmerte oder was man sonst noch für handwerkliche Begriffe zur Veranschaulichung benutzen kann, war Xhaka gerade einmal zwei Jahre alt. Von jeglichen Plagiatsvorwürfen ist der Schweizer also freizusprechen, auch wenn die Ähnlichkeit zwischen beiden Freistoßtoren frappierend war. Sogar die Kameraeinstellung stimmte — ein Strich von rechts nach links. Irgendwo war von "Feingefühl" die Rede. Im Zeitalter der "Industrieromantik" kann man das trotz der Brachialgewalt von Xhakas Linksschuss mal durchgehen lassen.

Jene überlegt eingesetzte Gewalt war vor der Saison als Stilmittel proklamiert worden. Schließlich ging für die Borussia aus der Distanz mit Ausnahme der Kunstwerke Juan Arangos jahrelang herzlich wenig. Mit zwei Weitschusstoren hat die Mannschaft in der zweiten Halbzeit gegen Villarreal nun den Kopf aus der Schlinge gezogen. Nach 36 Minuten waren 11:1 Torschüsse für die Gastgeber angezeigt worden. Angesichts der kläglichen ersten Halbzeit war man geneigt, die angekündigte Suche nach der Balance bereits für beendet zu erklären. Auf 90 Minuten plus Nachspielzeit gerechnet, wirkte das alles schon wieder ausbalancierter.

Manch einer hatte ja gehofft (oder auch befürchtet), dass das abschließende Heimspiel gegen den FC Zürich zum sportlich bedeutungslosen Schaulaufen werden könnte. Vor zwei Jahren gab es das in Istanbul, als die Borussia 3:0 gegen Fenerbahce gewann. Obwohl sie nach fünf Spieltagen weniger Punkte gesammelt hatte, war die Mannschaft von Lucien Favre damals schon eine Runde weiter. Die Ausgangslage vor dem 11. Dezember fassen die Kollegen von "Seitenwahl" treffend zusammen:

Den direkten Vergleich mit Villarreal hat #Gladbach gewonnen und ist weiter, wenn Zürich ODER Villarreal in 2 Wochen nicht siegen. #CVFBMG

Zum Glück kann Gladbach selbst dafür sorgen, dass Zürich maximal einen Zähler holt.

Im Prinzip hat sich an der Ausgangslage wenig geändert, nur die verbleibenden Spieltage haben sich halbiert. Mit einem Sieg gegen Zürich hat Gladbach den Gruppensieg sicher. Doch der bringt in der Europa League keine Vorteil-Garantie, sondern lediglich eine komfortable Wahrscheinlichkeit, es gut anzutreffen. Zu all den Gruppenzweiten, die weder aus Deutschland noch aus Borussias Gruppe A kommen, gesellen sich die vier schlechtesten Dritten der Champions League. Ganz sicher dabei ist Ajax Amsterdam, möglich wären der FC Liverpool, Manchester City und AS Rom. Immerhin gäbe es die Heimspiel-Garantie fürs Rückspiel der Zwischenrunde. Dafür lohnt es sich dann doch, den FC Zürich zu schlagen.

Roel Brouwers machte gegen das "gelbe U-Boot" zeitweise den Eindruck, als sei er ohne Sauerstoffflasche im weiten Ozean unterwegs. Das Spiel rauschte immer wieder am Niederländer vorbei, der gut einen Stunde nach dem Abpfiff seinen 33. Geburtstag feierte. Gegen Frankfurt hatte sich gezeigt, dass Gladbach kaum auf Martin Stranzls Zweikampfstärke und sein Timing verzichten kann. Gegen Villarreal untermauerte das neu zusammengewürfelte Duo aus Brouwers und Tony Jantschke, wie sehr es hinten zudem auf eine gute Abstimmung ankommt. Offenbar unterscheiden sich Innenverteidiger in der Hinsicht nicht so sehr von einem Flankengeber, der den Stürmer im Zentrum sucht (soll es heutzutage ja noch geben). Die unbestechlichen Zahlen: Mit Stranzl kassiert die Borussia im Schnitt alle 142 Minuten ein Gegentor, ohne ihn alle 36.

Trotzdem muss sich Gladbach nicht grämen, in Villarreal 2:2 zu spielen. Die Spanier hatten zuvor elf Europa-League-Heimspiele in Folge gewonnen. Wobei inmitten dieser Serie drei Pleiten ohne eigenes Tor in der Champions League liegen. Gegen Astana, Zürich und Limassol hatte Villarreal in dieser Spielzeit je viermal getroffen. Das Unentschieden geht also in Ordnung für die Borussia, die selbst nur eines ihrer elf Europapokal-Auswärtsspiele seit 1995 verloren hat. Gleichzeitig ist das 0:2 in Rom 2013 überhaupt die einzige Niederlage in den vergangenen 13 internationalen Begegnungen.

0,166 Punkte bekommt die Bundesliga in der Fünf-Jahres-Wertung diese Woche gutgeschrieben. Davon gehen 0,166 Punkte auf das Konto von Borussia Mönchengladbach. Einen perfekten Spieltag und einen bis auf den FC Schalke perfekten Spieltag hatte es in dieser Saison bereits gegeben. Jetzt also nahezu das Negativ dieser Ausbeute mit vier Niederlagen in der Champions League, dem 0:2 des VfL Wolfsburg gegen den FC Everton und Gladbachs Punktgewinn in Villarreal.

Man sollte meinen, in einem Wettbewerb mit FK Dnipro Dnipropetrowsk als Teilnehmer sollte es aus orthographischer Sicht keine größere Herausforderung geben. Doch der Villarreal CF hat die Ukrainer unerwartet herausgefordert. Das Doppel-"r" in der Mitte ist nach wie vor korrekt, wenn man sich an die kastilische Schreibweise hält. Und bei der Aussprache führt kein Weg daran vorbei, das Doppel-"l" nahezu wie ein "j" auszusprechen, um nicht wie ein Ballermann-Tourist zu wirken. (Wer möchte, der darf.) Nun ist jedoch das Valencianische, ein Dialekt das Katalanischen, gerade im provinziellen Villarreal sehr verbreitet. Seit 2006 heißt die Stadt offiziell sogar Vila-real, zu Deutsch "Stadt des Königs". Jakob I. von Aragón (auch Jaume oder Jaime genannt) hat Villarreal 1274 gegründet. Der Monarch eroberte in jungen Jahren Mallorca von den Mauren. Womit sich wieder der Kreis zu den Ballermann-Touristen schließt.

"El Madrigal" ist gewiss keine Kathedrale des europäischen Fußballs, eher eine Tapas-Bar, die spezielle Gourmet-Herzen höherschlagen lässt. Da hier die Rede von einem Stadion ist, heißen die Gourmets dieser Branche Groundhopper. Etwa 2500 Borussia-Fans durften die Speisekarte am Donnerstag genießen, die unter anderem so Leckerbissen wie "steile Ränge", "mitten im Wohngebiet" und "über den Wolken" enthielt. Aber es schmeckt beileibe nicht alles dort. Baulich zählt der Gästeblock in Villarreal — "Vogelkäfig" genannt — zur extravaganteren Sorte, zur Marke "Upps, den haben wir ganz vergessen". Und so konnten einige Borussia-Fans den Freistoß-Hammer von Granit Xhaka gar nicht genau sehen. Auch "Sichtbehinderung" stand auf der Speisekarte. RP-Redakteur Stefan Klüttermann dokumentiert mit einem nächtlichen Schnappschuss, dass zwischen Stadion und Häusern wirklich nur die Carrer Blasco Ibáñez liegt — eine einspurige Einbahnstraße:

Letztes Foto aus Villarreal. Links Stadion. Rechts Reihenhaus. Adios. pic.twitter.com/vn8TPss1C8

Gerne hätten mehr als 2500 Gladbach-Fans dieses Gefühl im "Madrigal" aufgesogen. Noch einmal etwa 600 bemühten sich an den Ticketschaltern um Karten. Am Vormittag hatte die Borussia getwittert, dass es vor Ort keinen Verkauf an deutsche Fans geben würde. Wer jedoch extra angereist war, versuchte es trotzdem — zunächst vergebens. Allerdings gelang es Borussias Vize-Präsident Rainer Bonhof und Geschäftsführer Stephan Schippers schließlich doch noch, zwischen der Uefa und den Fans zu vermitteln, weshalb der Großteil der Deutschen doch noch ins Stadion durfte. Die anderen schauten sich die Partie derweil in den umliegenden Gaststätten an. Die Medaille hat zwei Seiten. Einerseits ist es mit einem großen Risiko verbunden, ohne Ticket einen Flug nach Spanien zu buchen. Andererseits kann die Uefa heilfroh sein, dass ein Verein wie Borussia Mönchengladbach die Europa League derart zelebriert. Stattdessen treten Verband und Behörden die Begeisterung mit Füßen. Womöglich haben aber zahlreiche Pyro-Aktionen und der Sturmhauben-Auftritt von Zürich den friedlichen Fans einen Bärendienst erwiesen, die einfach nur ein Fußballspiel in Europa sehen wollten. Also eine Medaillen mit drei Seiten?

Hier geht es zur Bilderstrecke: Villarreal - Gladbach: Einzelkritik