Borussia Mönchengladbach: Lucien Favre und ein Zeitproblem

Borussia Mönchengladbach : Lucien Favre und ein Zeitproblem

Zeit ist ein hohes Gut für Fußballteams. Vor allem nach einem intensiven Spiel, wie dem der Borussen in Sevilla (0:1). Der nächste Arbeitseinsatz folgt alsbald, Körper und Geist müssen schnell aufgepäppelt werden.

Doch wer in der Europa League spielt, hat ein Zeitproblem. Zumal, wenn nach dem internationalen Auswärtsspiel auch in der Bundesliga eine Dienstreise ansteht. "Unser Spiel in Sevilla war am Donnerstag spät, um 21 Uhr, Sonntag in Hamburg spielen wir um 15.30 Uhr, es ist eng", sagte Borussias Trainer Lucien Favre in Sevilla.

Wer wenig Zeit hat, denkt stets darüber nach, an irgendeiner Stelle Zeit zu gewinnen. Vielleicht dadurch, weniger unterwegs zu sein. So wurde bei den Borussen die Option diskutiert, direkt von Sevilla nach Hamburg zu reisen. "Es war eine Idee", bestätigte Favre. Ein Tag länger im frühlingshaften Andalusien, einmal weniger Reisestrapazen. Frühere Borussen-Generationen haben das oft gemacht: direkt vom Europapokal-Spiel zum Liga-Auswärtsspiel, kein Zwischenstopp am Niederrhein. Die Idee wurde nach dem Abwägen aller Vor- und Nachteile aber verworfen. "Es gibt keine ideale Lösung", sagte Favre. Am Freitagmorgen reisten die Gladbacher also von Sevilla nach Gladbach, Samstag ging es dann nach einem kurzen Training nach Hamburg.

Favre hat den hanseatischen Gegner längst im Blick, in Europapokal-Zeiten geht es nicht allein nach dem Prinzip: Es gibt nur das nächste Spiel. Auch Paderborn, das nach dem Rückspiel gegen Sevilla in den Borussia-Park kommt, und den Pokalgegner Offenbach, mit dem es Borussia am 4. März zu tun bekommt, hat Favre schon analysiert. So kann der Trainer sein Team binnen kurzer Zeit auf die kommende Aufgabe einstellen.

Trainieren kann er jedoch wenig, weswegen er in der Vorbereitung viel hat arbeiten lassen an taktischen Abläufen, die jetzt sitzen müssen, auch ohne längere Studieneinheiten auf dem Platz. In Englischen Wochen ist vor allem Erholung wichtig, Regeneration. Die Akkus müssen im Eilverfahren aufgeladen werden – und nun, nach Sevilla, muss zudem die Enttäuschung der unnötigen Niederlage beim Titelverteidiger aus den Köpfen gewischt werden. Das ist in dieser Saison eine neue Erfahrung, denn bis dato hatte es noch keine Niederlage in Europa gegeben. "Wir müssen sehen, wer bereit ist für Hamburg, und die, die es sind, müssen es dann richten", sagte Sportdirektor Max Eberl. Favres Antwort auf die knappe Zeit ist die Rotation. "Die ist obligatorisch", sagte der Schweizer.

Favre rotiert indes im kleinen Kreis. Nur 18 Spieler haben die Borussen bislang in der Bundesliga eingesetzt, andere, wie der Hamburger SV, kommen auf 33. Masse macht nicht gleich Erfolg, das zeigt der Vergleich beider Klubs: Borussia ist trotz der Mehrfachbelastung Dritter, der HSV steckt tief drin im Abstiegskampf, ist 14. der Tabelle mit nur zwei Punkten Vorsprung auf Rang 17. Favre jedoch mag es nicht, am Tabellenplatz Tendenzen für ein Spiel abzulesen. "Für mich gibt es keinen Unterschied ab Platz drei abwärts, alle Kader sind gut", sagte der Trainer. Für sein Team geht es in Hamburg trotzdem darum, wichtige Punkte einzusammeln für das Europapokal-Rennen.

Und auch darum, eine Bilanz zu schönen. Denn bislang gab es in dieser Saison nach einem internationalen Spielen in der Liga noch keinen Sieg. Nach europäischen Heimspielen gab es Unentschieden in Freiburg (0:0), in Köln (0:0), gegen die Bayern (0:0) und in Leverkusen (1:1). Nach Europa-League-Auswärtsreisen endeten die Heimspiele gegen Stuttgart und Mainz jeweils 1:1. Die Auswärtsspiele, die auf Euro-Reisen folgten, gingen in Dortmund und Wolfsburg jeweils 0:1 verloren.

Die Borussen sind gewillt, die Statistik zu ändern und in Hamburg zu gewinnen. Den Gegner aber zu unterschätzen, das lässt Favre nicht zu. Dass der HSV 0:8 in München verlor, ist für Favre kein Aufhänger. "Die Hamburger konzentrieren sich auf andere Aufgaben, um zu punkten", sagte er. Zum Beispiel auf die Heimspiele, unter anderem besiegte der HSV Gladbachs direkten Konkurrenten Leverkusen. Das soll den Borussen nicht passieren. "Der HSV wird alles geben. Aber wir wollen etwas mitnehmen, es ist ein Spiel, das wir gewinnen müssen", sagte Offensivmann André Hahn. Nachdem in der Europa League nun zum ersten Mal verloren wurde, wäre es an der Zeit für den ersten Sieg im Anschluss an einen internationalen Einsatz.

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