Lars Stindl und Matthias Ginter: Einer, beide oder keiner zur WM 2018?

Stindls und Ginters WM-Chancen: Für Südtirol sollte es mindestens reichen

Lars Stindl durfte in den beiden Länderspielen gegen Spanien und Brasilien nur 30 Minuten ran, Matthias Ginter gar nicht. Hatte der Bundestrainer schon alles von ihnen gesehen? Oder müssen sich beide nun Sorgen machen? Mit dem Trainingslager können beide Borussen bestimmt planen.

Einer, beide oder keiner? Der Frage nähert man sich am besten von den Rändern des Wahrscheinlichkeits-Spektrums, wenn es um die WM-Chancen von Lars Stindl und Matthias Ginter geht. Die beiden heißen nicht Thomas Müller, Mesut Özil, Mats Hummels oder Toni Kroos, was einerseits gut für Borussia ist, weil sie sonst vermutlich nicht in Gladbach spielen würden, andererseits aber schlecht, weil sich die Frage nach der Russland-Reise im Sommer gar nicht mehr stellen würde — die beiden wären sicher dabei. Bleibt die andere Seite des Spektrums: Hießen Stindl und Ginter in Wirklichkeit Amin Younes, Gonzalo Castro oder Mitchell Weiser, dann wäre es zwar vorstellbar, dass sie in Gladbach spielen, mit der WM-Teilnahme müssten sie aber vermutlich gar nicht erst liebäugeln.

Stindl und Ginter bewegen sich irgendwo in der Kandidaten-Glocke hinter den Etablierten und vor den Chancenlosen, die je nach Zählweise 15, 20 oder gar 25 Spieler umfasst. Bis heute hat fast jede deutsche Sportredaktion ihr eigenes Ranking verfasst und die beiden Borussen kommen immer mindestens als "Wackelkandidat" weg. Mal haben sie "Gute Chancen", mal sind sie zu "80 Prozent" dabei, mal zu "70 Prozent", mal heißt es: "Muss noch Gas geben."

23 Spieler darf Bundestrainer Joachim Löw mit nach Russland nehmen, seinen vorläufigen Kader gibt er am 15. Mai im Fußballmuseum in Dortmund bekannt. Vor vier Jahren wurden aus 30 Spielern zunächst 27 ausgewählt, die mit ins Trainingslager nach Südtirol durften. Ähnlich dürfte Löw es diesmal handhaben, insofern lassen sich Stindls und Ginters Aussichten weiter präzisieren: Die Chancen auf eine Reise nach Südtirol am 23. Mai sind sogar "sehr gut". Meldeschluss für den finalen 23-Mann-Kader ist am 4. Juni, bis dahin lebt der WM-Traum beider Borussen ganz bestimmt.

Sami Khedira rief zuletzt in der "Sport Bild" in Erinnerung: "Es geht ja nicht nur darum, 23 Topspieler zusammenzubekommen, sondern es muss auch von den Charakteren und den Positionen stimmen." Das ist gut für Stindl und Ginter, die sicher zu den individuell besten 40 bis 50 Fußballern in Deutschland zählen, aber nicht zu den besten 20. Einer ihrer Teamkollegen in Gladbach könnte ein Vorbild werden: Christoph Kramer. Der war 2014 zuerst im 30er-, dann im 27er-, dann im 23-Kader, kam zu Kurzeinsätzen in Brasilien und stand letztendlich im Finale in der Startelf. Am Dienstag im ZDF nannte Löw den Mittelfeldspieler explizit als Beispiel, was noch alles passieren könne.

Kramer selbst sprach sich auf Nachfrage unserer Redaktion klar für die beiden Kandidaten aus Gladbach aus. "In jeder Fußballmannschaft und generell in jeder Menschengruppe ist es wichtig, dass man Leute hat, die sich hinten anstellen und das Kollektiv in den Vordergrund rücken. Dafür sind Matthias und Lars extrem gute Beispiele", sagte Kramer. Er gibt dem Duo auf jeden Fall "grünes Licht". "Die Frage ist eher: Warum nicht?", sagte der 27-Jährige.

Kramer verwies jedoch auch auf den "großen Pool an Konkurrenten". So kämpft Ginter dem Vernehmen nach um eines von sieben Tickets für Abwehrspieler. Links ist Jonas Hector gesetzt, Marvin Plattenhardt dürfte sein Back-up werden, rechts führt kein Weg an Joshua Kimmich vorbei, innen fahren Mats Hummels und Jerome Boateng ganz sicher mit, und Antonio Rüdiger hat sich als Nummer drei im Zentrum etabliert.

Ginter kämpft also gegen Niklas Süle (Bayern), der am Dienstag mit einer Monster-Grätsche für Aufsehen sorgte, und Shkodran Mustafi (Arsenal), der gar nicht nominiert war. Leverkusens Jonathan Tah werden kaum Chancen zugerechnet. Was für Ginter sprechen könnte: Er fühlt sich im Zentrum einer Viererkette genauso wohl wie rechts in einer Dreierkette — und könnte sogar rechts in einer Viererkette aushelfen, falls Kimmich mal ausfällt. Und: Er hat Turnier-Erfahrung gesammelt bei einer WM, bei Olympia und beim Confed Cup.

Stindls Konkurrenz ist noch namhafter. Drücken wir es so aus: Ist Marco Reus fit, kommt Leon Goretzka mit und entscheidet sich Löw auch für Mario Götze, wird es fast unmöglich für Gladbachs Kapitän. Denn ganz vorne dürften Mario Gomez und Sandro Wagner das Ticket als Timo-Werner-Ersatz unter sich ausmachen. Stindl kann mit seinen Leistungen beim Confed Cup wuchern (inklusive Siegtor), mit dem Last-Minute-Ausgleich im Testspiel gegen Frankreich (als Joker) und Löw hätte seine Ruhe, wenn der 29-Jährige letzten Endes nicht spielt: Stindl selbst würde niemals Theater machen und medial müsste sich der Bundestrainer wohl nicht rechtfertigen, wenn er den Spätberufenen auf der Bank lässt. Und: Er ist der deutsche Topspieler, dessen Qualitäten am ehesten denen Thomas Müllers ähneln (wobei es fast an Blasphemie grenzt, den Bayern-Star für kopierbar zu halten).

Auch wenn es beide Gladbacher, die am Donnerstagnachmittag wieder ins Training einsteigen, nicht zugeben werden: Spätestens ab jetzt geht es in den verbleibenden Bundesligaspielen auch um ihren WM-Traum. Sieben Chancen gibt es, um aus 80 Prozent noch 90 oder aus 70 Prozent noch 80 zu machen. Für 100 kann nur der Bundestrainer sorgen.

(jaso)
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