Interview mit Herbert Laumen: Wie er 1971 das Tor der Borussia zum Einsturz brachte

Interview mit Borussia-Legende Laumen : „Offenbar bin ich museumsreif“

Herbert Laumen ist einer der besten Torschützen Borussias. Und er sorgte für den Pfostenbruch vom Bökelberg. Darum hat nun seinen Platz um Borussen-Museum bekommen.

Herbert Laumen ist der Mann, der am 3. April 1971 das Tor vor der Nordkurve des Bökelbergstadions zum Einsturz brachte. Auch deswegen ist er nun einer der Borussen, deren Geschichte in der „Fohlenwelt“ erzählt wird. Die Macher haben entschieden, die Szenerie von einst nachzubauen für die Ausstellung. Nun steht, oder besser liegt da also ein Tor im Museum und ihm gegenüber steht Laumen in Originalgröße – als Pappaufsteller. Und er selbst erzählt via Lautsprecher hier nochmal die Geschichte vom Pfostenbruch, die ihn berühmt machte. Doch das ist nicht alles, was der gebürtige Mönchengladbacher zur Borussen-Geschichte und damit zum Museum beigetragen hat, wie er im Interview mit Karsten Kellermann berichtet.

Herr Laumen, sind Sie schon museumsreif?

Laumen Eigentlich nicht. Aber offenbar jetzt schon.

Hätten Sie sich damals träumen lassen, dass die Geschichte mit dem umgeknickten Pfosten Ihr Leben so sehr prägen würde?

Laumen Mir war sicherlich klar, dass es eine außergewöhnliche Geschichte ist, aber dass ich für immer damit verbunden sein würde, sicherlich nicht. Was mich aber wundert: Es war ja mal wieder Jahrestag des Pfostenbruchs Anfang April, aber es hat mich keiner angerufen. Wahrscheinlich, weil es kein rundes Jubiläum ist.

Es hätte noch schlimmer kommen können, wenn dieses Szene die Meisterschaft gekostet hätte.

Laumen Allerdings. Das Spiel wurde ja 2:0 für Bremen gewertet und damit waren die Bayern vor dem letzten Spieltag Tabellenführer. Und wir mussten zu den abstiegsgefährdeten Frankfurtern, während die Bayern beim MSV Duisburg spielten, der jenseits von Gut und Böse war. Wir hatten Glück, dass die Duisburger sich reingekniet haben, so haben wir mit unserem 4:1 in Frankfurt unseren Meistertitel verteidigt.

Ist es gut, dass Geschichten wie diese nun in einem Museum erzählt werden können?

Laumen Ich finde es toll, dass Borussia nun so ein Museum bekommt, das ist wichtig und wird für die Fans sicherlich ein Renner. Ich vermute mal, dass es Tage geben wird, gerade wenn Spiele sind, an denen keiner mehr rein darf, weil das Museum so überfüllt ist. Es macht Spaß, in der Geschichte eines Vereins, mit dem man verbunden ist, zu schwelgen. Ich war vor einigen Jahren mal im Museum von Werder Bremen, da habe ich ja auch gespielt.

Werder war auch der Gegner im Pfostenbruch-Spiel, ist das auch im Werder-Museum ein großes Thema?

Laumen Der Pfostenbruch wurde irgendwo erwähnt, war aber keine große Geschichte, zumindest nicht, als ich damals da war. Es war ja auch für Gladbach viel entscheidender als für Werder. Da war es nur eine skurrile Randnotiz.

Sie sind als ein Teil der Fohlenelf, wesentlich daran beteiligt, dass Borussia zu einem Mythos geworden ist. Spürte man das früher schon?

Laumen Das konnte keiner ahnen. Es hat sich ja auch erst mit den Jahren entwickelt, Borussia war sicherlich immer schon ein beliebter Verein nach dem Aufstieg in die Bundesliga 1965. Wir sind einfach drauflosgestürmt, das hat den Leuten gefallen.

Wie fühlt es sich an, ein so wichtiger Teil der Vereinsgeschichte zu sein?

Laumen Darauf bin ich schon ein bisschen stolz. Das hat eine große Bedeutung für mich als Eigengewächs, das von der kleinsten Schülermannschaft an für Borussia gespielt hat. Ich finde es toll, dass in dem Museum einige Menschen, die es verdient haben, herausgestellt werden. Und zwar nicht nur aus den 70ern, sondern auch aus den anderen Epochen. Zum Beispiel die Pokalsieger-Mannschaften von 1960 und 1995. Und auch die junge Truppe, die damals erstmals in die Bundesliga aufgestiegen ist. Als die Bundesliga 1963 gegründet wurde hatten nicht viele damit gerechnet, dass Gladbach jemals dahinkommt, es gab in der Regionalliga einige Teams, denen man es eher zugetraut hätte. Und dann passte alles zusammen mit Hennes Weiseiler und der Mannschaft.

Es war eng in der Relegation damals.

Laumen Stimmt. Wir hatten schon im zweiten Spiel viel Glück mit der 90. Minute gegen Kiel. Später waren wir nach dem 7:0 gegen Reutlingen ja so gut wie aufgestiegen, aber gegen Worms war es dann ja nochmal eng. Worms führte, da ging uns die Muffe. Aber dann hat Günter den Ausgleich gemacht – aber wir wären ja selbst bei einer Niederlage aufgestiegen.

Wenn es nicht geklappt hätte mit dem Aufstieg, dann gäbe es heute vielleicht kein Museum.

Laumen Man kann sagen, dass die Vereinsgeschichte damals den richtigen Weg genommen hat.

Es wird im Museum auch eine große Schau besonders sehenswerter Gladbacher Tore geben im so genannten Bereich Torfabrik. Sie sind reichlich dabei vertreten.

Laumen Ich habe ja auch 97 Bundesliga-Tore für Borussia geschossen. Das ist in sechs Jahren ein guter Schnitt, oder?

Wie viele dieser Tore haben Sie noch im Kopf?

Laumen Wenn ich mal anfangen würde, sie mir in Erinnerung zu rufen, wahrscheinlich die meisten davon. Eines meiner schönsten Tore wurde mir aberkannt … Moment. Es waren sogar zwei, die verhindert wurden. Einmal habe ich in München einen Hechtkopfball gemacht, der auch reingegangen wäre. Aber kein Geringerer als Gerd Müller hat den Ball auf der Linie mit einer Torwartparade abgewehrt. Es gab dann Elfmeter, den hat Klaus-Dieter Sieloff verwandelt.  Das andere Tor war auf Schalke, eine Granate aus 25 Metern oben in den Knick. Aber angeblich hat Horst Köppel den Torwart behindert. Ich war schon an der Mittellinie und habe jubelt und dann wird das Ding nicht gegeben. Ach, da fällt mir ein: Ich habe auch beim 4:3 gegen den Hamburger SV, mit dem wir die erste Meisterschaft gesichert haben, ein Tor erzielt, das nicht anerkannt wurde.

Dann wären Sie bei 100 gewesen.

Laumen Allerdings. Es stand da 4:1 für uns. Mein Schuss ging an den rechten Pfosten, rollte dann zum anderen Pfosten und der Torwart hat den Ball aufgefangen. Der Ball war aber hinter der Linie, die Torlinientechnik von heute hätte das bewiesen. Danach wurde es nochmal knapp. Beim 4:3 stand Hennes Weisweiler am Elfmeterpunkt und hat uns Beine gemacht. Puh, was hat er geflucht. Als dann der Schlusspfiff kam, war kein Halten mehr. Die Glocken wurden geläutet, alle haben gefeiert. Wer hätte denn gedacht, dass Borussia mal deutscher Meister wird?

Macht Sie ein Museum wehmütig oder nur stolz?

Laumen Beides. Wehmütig, weil es einfach eine tolle Zeit war. Und auch, weil ich schon Lust hätte, auch in den neuen, wunderbaren Stadien von heute mal zu spielen. Es hat sich ja viel verändert seit meiner aktiven Zeit.

Ist das, was Borussia damals ausgemacht trotzdem noch zu spüren? Sie sind ja als Traditionspfleger noch immer im Klub aktiv.

Laumen Das glaube ich schon. Gut finde ich, dass man zu schätzen weiß, was wir damals getan haben für den Verein.

Haben Sie bei den Vorab-Rundgängen durchs Museum etwas vermisst?

Laumen Ich glaube, es ist alles Wichtige drin. Aber ich habe auch einen Fehler entdeckt. Wir sind 1960 mit der B-Jugend Niederrheinmeister geworden. Bei dem Bild stand, dass Willi Wicken unser Trainer war. Aber es war Bernhard Schiller. Er hatte in den 50er Jahren als Mittelläufer für Borussia gespielt. Ich habe ein Bild herausgesucht von damals, da war er mit drauf. Das haben die Museumsmacher dann natürlich sofort korrigiert.

Wie wichtig sind solche Episoden wie der Pfostenbruch für eine Vereinsgeschichte?

Laumen Auf jeden Fall sehr wichtig. Solche Geschichten machen ja einen Traditionsverein aus.

Was haben Sie dem Museum über die Pfostenbruch-Geschichte hinaus zur Verfügung gestellt?

Laumen Ein Trikot von mir aus dem ersten Meisterjahr. Und den roten Ball, mit dem wir gegen Schalke 11:0 gewonnen haben. Das war das erste zweistellige Ergebnis für Borussia und die Bundesliga. Dazu gibt es auch eine kleine Vitrine. Wir haben mit dem roten Ball gespielt, weil ja Schnee lag auf dem Bökelberg. Es gab zu der Zeit nur einen Spielball, nicht wie heute zig. Ich habe drei Tore gemacht und habe den Ball dann als Erinnerungsstück mitgenommen. Ich musste dafür dann 50 Mark zahlen. Die hat mir Manager Helmut Grashoff am Monatsende einfach vom Gehalt abgezogen. Ich dachte: Verdammt, was steht denn da. Ich bin hin zu Grashoff und habe gefragt: Warum fehlt das Geld? Er sagte: Sie haben doch den Ball mitgenommen. Das war Grashoff.

Mussten sie für das Trikot, das sie damals behalten haben, auch zahlen?

Laumen Nein, zum Glück nicht. Ich habe übrigens noch ein zweites Trikot abgegeben, eins von Berti Vogts. Das hatte er mir in meinem letzten Spiel für Gladbach, dem 4:1 in Frankfurt, geschenkt. Da ist vorn ein kleiner Brandfleck drauf. Wie der dahinkommt, weiß kein Mensch.

Also fassen wir zusammen: Sie haben zum Museum den Pfostenbruch, 97 Bundesliga-Tore, drei Phantomtore, einen roten Ball und zwei Trikots beigesteuert …

Laumen (nickt) … drei Phantomtore. Die 100 wäre schon schön gewesen. Aber so habe ich mein 100. Bundesliga-Tor gegen Gladbach geschossen. Für Bremen. Da schließt sich der Kreis auch wieder mit dem Pfostenbruch.

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