Hertha BSC - Borussia Mönchengladbach: Duell der Standard-Spezialisten

Borussia zu Gast in Berlin : Das Duell der Standard-Spezialisten

Borussia Mönchengladbach fährt zum Topspiel des vierten Bundesliga-Spieltags nach Berlin. Nach Stand der Dinge ein echtes Spitzenspiel.

Dass es viele Menschen gibt, die das Treffen von Hertha BSC und Borussia Mönchengladbach als „Topspiel“ des vierten Spieltages dieser Bundesliga-Saison auf dem Zettel hatten, ist nicht zu vermuten. Stefan Hermanns, als gebürtiger Mönchengladbacher und Redakteur des Berliner „Tagesspiegel“, Kenner des Gladbacher und des Berliner Fußballs, gesteht: „Darauf hätte ich nicht getippt.“

Beide Klubs sind mit zwei Siegen und einem Unentschieden gestartet, und beide haben den Vizemeister des Vorjahres, Schalke 04, entzaubert. Die Berliner sogar in der Arena in Gelsenkirchen, die Gladbacher im Borussia-Park. Dabei sorgte der Schalker Breel Embolo mit einem fulminanten Fernschuss in den Winkel zum 2:1-Endstand dafür, dass sich am Samstag im Olympiastadion zwei Teams exakt auf Augenhöhe begegnen, denn beide haben nicht nur sieben Punkte eingesammelt, sondern auch eine Torbilanz von 5:2.

„Hertha ist vor zwei Jahren sogar mit drei Siegen gestartet. Aber ich halte das aktuelle Team für stärker“, sagt Hermanns. Im überraschenden Topspiel treffen sich zwei Mannschaften, deren Ansätze recht unterschiedlich sind. Pal Dardai, der Berliner Trainer, setzt auf eine extreme defensive Kompaktheit und offensiv auf Effektivität, Gladbachs Trainer Hecking dagegen auf aktiven Offensivfußball. Beide Teams waren in den bisherigen Saisonspielen stark bei Standards, vier von fünf Gladbacher Toren resultierten daraus, bei Hertha hat Ondrej Duda zwei Freistöße direkt verwandelt.

„Entscheidend bei Hertha ist das neue zentrale Mittelfeld“, sagt Hermanns – Duda, Herthas dreifacher Torschütze, dazu Marko Grujic, der vom FC Liverpool kam, und Eigengewächs Arne Maier. Das Trio wird in der Hauptstadt als „magisches Dreieck“ gefeiert, es „entrumpelt Herthas Zentrale“, wie die „Berliner Zeitung“ findet. Maier ist in Dardais System der Sechser, die beiden anderen sorgen für Kreativität im Spiel nach vorn.

Auch in Mönchengladbach ist das zentrale Mittelfeld das Geheimnis des neuen spielerischen Aufschwungs. Trainer Dieter Hecking hat auf ein offensives 4-3-3-System umgestellt, in dem Tobias Strobl in den bisherigen Bundesliga-Partien einen umsichtigen Sechser gab, vor ihm sind zwei Achter für Pressing-Situation, Kreativität und Torgefahr zuständig. Jonas Hofmann, der gegen Schalke groß aufzog, ist bislang gesetzt, zweimal spielte der junge Florian Neuhaus an seiner Seite, gegen Schalke Denis Zakaria.

Der Schweizer war es, der bei der letzten Dienstreise der Borussen nach Berlin Ausgangspunkt des 4:2-Sieges war. Sein Solo nach wenigen Minuten war unwiderstehlich, seine Hereingabe nutzte Lars Stindl zum schnellen 1:0, schon nach 20 Minuten führte Gladbach 3:0, am Ende stand es 4:2, weil Berlin doch mächtig aufkam. Stindl, der zwar wieder im Teamtraining, aber noch nicht soweit ist, und Raffael, damals Doppel-Torschütze, der wieder Wadenprobleme hat, fehlen nun. Hecking hat jedoch Alternativen, unter anderem den französischen Mittelstürmer Alassane Plea.

Heckings Bilanz gegen Dardai ist ebenso gut wie die der Borussen gegen Hertha generell in den vergangenen Jahren. Hecking hat alle fünf der sechs Bundesliga-Vergleiche mit dem Ungarn gewonnen und noch keinen verloren, als Borussen-Trainer holte er drei der sieben Siege, die Gladbach in den vergangenen acht Spielen gegen Hertha schaffte. Daraus jedoch einen Vorteil der Borussen abzuleiten, ist Heckings Sache nicht. „Das ist Vergangenheit“, sagt er.

Vergangenheit, so hoffen Borussias Macher, sind auch die Dissonanzen zwischen Team und Anhang, die es in der vergangenen Saison gab. Manager Max Eberl hat aber einen Wandel ausgemacht. „Im vergangenen Jahr war es aus unterschiedlichsten Gründen unruhig. Ich finde es großartig, dass wir wieder eine Stimmung haben, bei der man sagen kann: Wir wollen es zusammen packen. Die Vereine, die den größten Zusammenhalt haben, werden Erfolge feiern. Das ist aus meiner Sicht unabdingbar miteinander verbunden“, sagt Eberl. Ein neuer fußballerischer Geist, ein neues „Wir-Gefühl“ – „wir sind dabei, etwas Neues auf den Weg zu bringen“, sagt Eberl. Zusammen mit den 6000 Fans, die mit in Berlin sind, soll das im überraschenden Topspiel fortgesetzt werden.

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