Borussia Mönchengladbach: Günter Netzer: "Mein Abschiedsgeschenk an Borussia"

Borussia Mönchengladbach: Günter Netzer: "Mein Abschiedsgeschenk an Borussia"

Am 23. Juni 1973 machte Günter Netzer sein letztes Spiel für Gladbach. In seiner Biografie erzählt er die (Vor-)Geschichte des Dramas, in dem er der Hauptdarsteller war. "Der Tag, an dem Christian Kulik umfiel", hat Netzer das Kapitel genannt.

Es war kein gutes Jahr für Günter Netzer. "Es lief nicht gut in der Mannschaft, ich war oft verletzt, und wenn nicht, dann war meine Form schwankend. Meine Auszeiten, mein Leben neben dem Fußball wurden immer öfter Thema", schreibt Netzer in seiner Autobiografie "Aus der Tiefe des Raumes".

Es ist indes jenes Kapitel der Netzerschen Lebensbeschreibung, das endet mit dem Ende seiner Zeit bei Borussia — und mit der Geschichte dazu, die, so heißt es auf Borussias Homepage, ein "Mythen bildendes Drama" war. "Als Christian Kulik umfiel" hat Netzer das Kapitel genannt und es erzählt die Ereignisse in den letzten Tagen vor dem Pokalfinale gegen den 1. FC Köln.

Netzer bestätigt Wechsel zu Real Madrid

Netzer war also nicht gut drauf in diesen Tagen — und dann wurde auch noch bekannt, was eigentlich bis nach dem Pokalfinale geheim bleiben sollte. "Stimmt das, Günter, stimmt das, dass du zu Real Madrid wechselst", fragte ihn Bundestrainer Helmut Schön am 14. Juni im Trainingslager der DFB-Mannschaft, die sich in Berlin auf ein Länderspiel gegen Brasilien vorbereitete. "Schön war wütend", konstatiert Netzer in seiner Biografie. Auch privat gab es Sorgen. "Die Beziehung zu Hannelore Girrulat war — wie soll ich sagen: Wir hielten sie aufrecht", schreibt Netzer. Dann der Schock: Seine Mutter starb nach einem Gehirnschlag im Alter von 61 Jahren.

"Eine Woche später fand im Düsseldorfer Rheinstadion das Pokalfinale statt, das dritte Spiel, für das ich kein Archiv bemühen muss", heißt es in Netzers Lebensgeschichte. "Weisweiler ließ mich links liegen", schreibt er über seinen Trainer, Gladbachs Meistermacher. "Weisweiles Haltung war nicht nur eine Reaktion auf meine schlechte körperliche Verfassung, da steckte auch die Absicht dahinter, es mir am Ende meiner Mönchengladbacher Zeit noch einmal zu zeigen." Netzer und den Fußball-Lehrer verband eine Hassliebe. Damals war es wohl mehr Hass als Liebe.

"Ich werde dich im Finale nicht aufstellen"

"Am Samstag beim Spaziergang hatte er endlich den Mut, mir mitzuteilen, was ich schon ahnte: ,Ich werde dich im Finale nicht aufstellen'", erinnert sich Netzer. Er wollte abreisen, hatte schon gepackt, doch Jupp Heynckes und Berti Vogts hielten ihn davon ab. Netzer setzte sich auf die Ersatzbank, er hockte zwischen Hartwig Bleidick und dem jungen Allan Simonsen. "Die Leute schrien nach mir, ein Kamerateam baute sich vor mir auf und nahm die gesamte erste Halbzeit jede Regung von mir auf", berichtet Netzer. Netzer sah von der Bank aus "ein Spiel, das ich zu den besten zähle, die ich je gesehen habe, vielleicht war es sogar das beste", heißt es in der Biografie. In der Halbzeit wollte Hennes Weisweiler Netzer einwechseln. "Ich? Nein, wirklich nicht. Ich kann in diesem Spiel nicht helfen. Besser geht es auch mit mir nicht", sagte dieser. Nach 90 Minuten stand es 1:1. Verlängerung.

"Als die reguläre Spielzeit zu Ende war, lief ich zwischen den Spielern hin und her. (...) Christian Kulik kam auf mich zu, damals gerade mal 20 Jahre alt, ausgepumpt vom vielen Laufen und ausgedörrt von der sengenden Sonne. Er wankte und fiel vor mir zu Boden. ,Ich kann nicht mehr gehen, ich kann nicht mehr laufen, ich kann überhaupt nicht mehr.' Die Zuschauer brüllten immer lauter: ,Netzer! Netzer! Netzer." Er wechselte sich selbst ein. "Jetzt spiele ich", sagte er zum Trainer. "Weisweiler starrte auf den Rasen", schreibt Netzer.

"Woran ich mich erinnere, war der unbeschreibliche Lärm, als ich das Spielfeld betrat. (...) Ich rannte los, mit dem Ball am Fuß, spielte ihn zu Rainer Bonhof und rannte weiter, hinein in die Gasse. (...) Rainer spielte den Ball in die Gasse, genau dahin, wo er hinmusste. Ich lief noch ein, zwei Schritte, hinein in den Kölner Strafraum, trat dann zu. Ich traf den Ball völlig falsch, traf mit dem Außenspann. (...) So landete der Ball im oberen linken Winkel, so wurde er unerreichbar für Welz, so wurde es mein Tor, mein Abschiedsgeschenk an die Borussia", schreibt Netzer über den Moment, der "als Ausrufezeichen, als Naturereignis" bezeichnet wurde.

Der Abend nach dem Pokalfinale endete im "Lovers Lane". "Weisweiler war nicht da. Aber mein Vater. Ohne meine Mutter. Es flossen Tränen. Drei Tage später flog ich nach Madrid", schreibt Netzer.

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(RP/gre/ac/spol)
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