„So einfach dürfen wir es uns nicht machen“ Gladbachs Virkus will über Inhalte diskutieren – nicht über den Trainer

Stuttgart · Trainer Gerardo Seoane sagt, er sei „voller Energie“, um den Weg mit Borussia fortzusetzen. Laut Roland Virkus soll es in der Saisonanalyse vor allem um Inhalte, nicht um personelle Konsequenzen gehen. Was der Sportchef über die abgeschlossene Saison und Planungen für die neue sagte.

Trainer Gerardo Seoane soll weitermachen bei Borussia Mönchengladbach.

Trainer Gerardo Seoane soll weitermachen bei Borussia Mönchengladbach.

Foto: dpa/Tom Weller

Am Ende sind es 34 Punkte geworden, die viertschlechteste Ausbeute in Borussia Mönchengladbachs 56. Bundesligasaison. Dass es dennoch Platz 14 geworden ist und nicht die Relegation oder gar der direkte Abstieg, das hatte Gerardo Seoanes Mannschaft auch der Schwäche der Konkurrenz zu verdanken. „Wir haben von Beginn an gesagt, dass es eine herausfordernde Saison wird. Jetzt werden wir versuchen, alles sehr sachlich und selbstkritisch zu analysieren“, sagte der Trainer nach der 0:4-Pleite beim VfB Stuttgart.

„Wir müssen die richtigen Schlüsse ziehen und viele gute Entscheidungen treffen – was unsere tägliche Arbeit angeht, wie wir spielen wollen, mit welchen Spielern. Dann müssen wir nach vorne schauen, uns allen ist bewusst, dass viel Arbeit vor uns liegt“, stellte Seoane klar. Der Schweizer verantwortet die schwächste Spielzeit eines Borussia-Trainers, der vom ersten bis zum letzten Spieltag das Sagen hatte. Umgerechnet auf die Drei-Punkte-Regel hatte ausgerechnet der spätere Meistercoach Hennes Weisweiler diesen Negativrekord seit 1966 inne.

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Roland Virkus will sich auf Inhalte fokussieren

In den medialen Statements der sportlichen Führung steht Seoanes Job nicht zur Debatte. „Es geht um Inhalte, wir müssen alles konstruktiv und kritisch hinterfragen“, betonte Manager Roland Virkus. Vor zwei Jahren ging Adi Hütter als Zehnter mit 45 Punkten, vor einem Jahr war Schluss für Daniel Farke, der ebenfalls Zehnter wurde und 43 Punkte holte. Nun sind es gleich neun Zähler weniger geworden und vier Positionen in der Tabelle.

„Es ist immer sehr, sehr einfach, alles auf den Trainer abzuwälzen. So einfach dürfen wir es uns nicht machen“, sagte Virkus. „Wir müssen auch mal ein bisschen Kontinuität in den Klub kriegen, das ist am wichtigsten. Dann müssen wir über ein paar Abläufe sprechen, vielleicht auch im Trainerteam, aber das hat Gerardo Seoane selbst schon gesagt.“

Die Saisonanalyse hatte bereits nach dem vorletzten Spieltag begonnen, als der Klassenerhalt feststand. „Jetzt – das haben wir diese Woche und davor auch schon getan – müssen wir die Dinge besprechen und daraus die richtigen Maßnahmen ableiten. Das ist eine ganz normale Geschichte“, sagte Virkus. „Wir können so nicht weitermachen. Nach so einem Spiel ist es sehr emotional, das musst du sacken lassen. Aber es ist doch klar, dass wir alles analysieren müssen. Und das werden wir tun.“ Personelle Konsequenzen deutete der Sportchef, der mindestens so viel externe Kritik einsteckt wie Seoane, dabei nicht an.

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Während Farke nicht weitermachen durfte, verabschiedete sich Hütter mehr aus eigenen Stücken, weil seine Vorstellungen vom nötigen Umbruch 2022 radikaler ausfielen als Borussias Bereitschaft dazu. Wie sieht es mit Seoanes Bekenntnis zu Borussias Weg aus? „Wir sind als Trainerteam voller Energie und überzeugt, dass wir besser performen können. Wir werden uns die ganze nächste Woche dafür Zeit nehmen in der Gruppe, aber auch mit den verschiedenen Abteilungen, um zu hinterfragen, wo wir uns verbessern können und mit welchen Mitteln“, kündigte er an. „Das Gleiche werde ich im Nachgang in meinem Umfeld mit meiner Tätigkeit machen. Dann werde ich den Urlaub nutzen, um am ersten Tag wieder voller Energie zur Arbeit zu kommen.“

Virkus zählte Rocco Reitz, Robin Hack, Franck Honorat und Moritz Nicolas als positive Erscheinungen auf, stellte jedoch heraus, „nichts schönreden“ zu wollen – zumal unter den vier Gewinnern zwei Zugänge waren und zwei Eigengewächse, denen kaum jemand vor einem Jahr diese Rolle zugetraut hätte.

Enttäuscht ist der Geschäftsführer Sport deshalb vor allem von einigen designierten Führungsfiguren. „Ich will keine Namen nennen. Aber es ist richtig, dass man den jungen Spielern in solch einer Situation keinen Vorwurf machen kann“, sagte Virkus. „Der eine oder andere erfahrene Spieler hat nicht die Leistung gebracht, die wir uns vorgestellt haben. Sie sollen Stabilität bringen, die junge Spieler brauchen, um sich entwickeln zu können.“

Gladbach „muss schauen, was möglich ist“

Unabhängig vom Trainer steht Borussia das nächste große Umbruchkapitel bevor. Doch Virkus‘ Gestaltungsspielraum ist limitiert, weil der Klub in den vergangenen Jahren nicht die nötigen Transfererlöse erzielt, mehrere Topspieler ablösefrei verloren und in der Corona-Pandemie finanziell arg gelitten hat. „Du musst schauen, was nah dran kommt an deine Spielidee. Wenn der Kader steht, kannst du schauen, was möglich ist, nicht andersherum. Auf dem Reißbrett ist es immer einfach gesagt, was man spielen will. Aber dafür braucht es die nötigen personellen Maßnahmen“, sagte Virkus.

Ein paar seiner Vorstellungen skizzierte er in der Stuttgarter Mixed Zone, in der kurz darauf die Champions-League-Hymne aus dem Stadioninneren zu hören war: mehr Geschwindigkeit in der letzten Linie, um höher spielen zu können; mehr Dynamik und Zweikampfstärke im zentralen Mittelfeld; überhaupt mehr Tempo, „aber nicht für die Geschwindigkeits-Tabelle, da geht es auch um kurze Läufe, um schnelle Bewegungen“, so Virkus. „Wir wissen, was wir wollen, müssen aber schauen, dass wir jetzt zum Abschluss kommen bei dem einen oder anderen Spieler. Was Qualitätsspieler angeht, müssen wir abwarten, bis wir Erlöse erzielen. Das ist einfach so“, sagte der 57-Jährige.

Philipp Sander von Holstein Kiel wird, das ist das offenste Geheimnis im Borussia-Kosmos, der erste Neue sein. Die Verkündung seiner Verpflichtung dürfte mitten in die Saisonanalyse fallen, die – legt man alle öffentlichen Aussagen zugrunde – keinen Trainerwechsel nach sich ziehen soll.

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